Forschung
Amygdala schneller als Augen
Die Rangordnung unserer Mitmenschen zu erkennen, ist für die Orientierung in unserem sozialen Umfeld unerlässlich. Ein internationales Forschungsteam – darunter Hanga Dormán vom HUN-REN-Forschungszentrum für Naturwissenschaften und Zoltán Nádasdy von der Fakultät für Erziehungswissenschaften und Psychologie (PPK) der ELTE – untersuchte die neuronalen Mechanismen, die dieser schnellen und automatischen Entscheidungsfindung zugrunde liegen.
Wenn wir uns umschauen, führen unsere Augen schnelle, sprunghafte Bewegungen aus, sog. Sakkaden. Die Forscher interessierten sich dafür, wie der soziale Status die damit verbundene neuronale Aktivität in zwei wichtigen Hirnregionen beeinflusst: der Amygdala, verantwortlich für die Emotionen, und dem Hippocampus, zuständig für unser Gedächtnis. Eine in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) veröffentlichte Studie beschreibt detailliert, wie diese beiden Systeme beim Betrachten sozialer Szenen zusammenarbeiten. In dem Experiment sahen Makaken 15-sekündige Videos von zwei ihnen unbekannten Individuen: eines zeigte bedrohliches, dominantes Verhalten, während das andere versöhnliche, unterwürfige Signale aussendete. Während die Tiere die Videos ansahen, zeichneten die Forscher ihre Augenbewegungen mit einem Infrarot-Eye-Tracking-System auf und maßen gleichzeitig die elektrische Aktivität in Amygdala und Hippocampus.
Sie untersuchten die sog. lokalen Feldpotenziale (LFPs), die die koordinierte Aktivität größerer Neuronengruppen widerspiegeln. Dabei zeigte sich, dass die Affen in den ersten Sekunden das dominante Individuum länger und häufiger ansahen. Dies deutete eindeutig darauf hin, dass sie die soziale Rangordnung erkannt hatten. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie war, dass sich die Aktivität der Amygdala bereits vor Beginn der Augenbewegung veränderte. Dies könnte heißen, dass das Gehirn entscheidet, wer wichtig ist, noch bevor unsere Augen sich tatsächlich auf diese Person richten. Die Forschung liefert ein präzises Bild davon, wie der soziale Status in unsere grundlegenden Wahrnehmungsprozesse integriert wird.
