Ein neues Wohnviertel in Budapest entsteht – Wohnen hat sich binnen Jahresfrist um ein Viertel verteuert. Foto: MTI/ Zoltán Balogh

Inflation

Wettlauf Energie kontra Lebensmittel

Die Verbraucherpreise zogen im November um weitere 1,8% zum Oktober an, die Inflationsrate beträgt nun offiziell 22,5%.

Nach dem unrühmlichen Aus der Preisdeckelung an den Tankstellen dürfte der Preisauftrieb am Jahresende weiter an Fahrt aufnehmen. Dabei ist Ungarn schon heute „Europameister“.

Erster Inflationstreiber waren im November einmal mehr die Lebensmittel, deren Preise im Durchschnitt um 3,6% anzogen, also genau doppelt so schnell, wie sich der allgemeine Warenkorb verteuerte. Besonders bedenklich stimmt, dass eigentlich durch Preisdeckelungen geschützte Produkte wie Mehl und Eier laut Zentralamt für Statistik (KSH) innerhalb eines einzigen Monats um 10% im Preis anzogen, aber auch Milch um beinahe 5% teurer wurde. Die ebenfalls administrativ geschützte Haushaltsenergie verteuerte sich im Schnitt um 1,3% zum Oktober, darunter Brennholz um 4%, Flaschengas um 2,5% und Leitungsgas um 1,5%. Im Kreis der Dienstleistungen (+0,9%) fiel die Teuerung beim Glücksspiel um 6,5% (pünktlich zur Fußball-WM) aus der Reihe, aber auch die Tarife für Pkw-Reparaturen zogen um mehr als 2%, Mieten und Gesundheitsleistungen um rund 1,5% an.

Erdgas im Schnitt um 125% teurer!

Das sind wohlgemerkt die Preisentwicklungen des letzten Monats, im Jahresvergleich wird die Inflationsrate von durchschnittlich 22,5% durch die Energie- und die Lebensmittelpreise aufgeheizt. (Im Oktober zogen die Preise gegenüber dem September sogar noch um 2,0% an, die Inflationsrate war daraufhin bei 21,1% angelangt.) Nachdem die Orbán-Regierung wegen der desolaten Haushaltslage im Sommer eine Abkehr von der seit 2013 verankerten Politik der gesenkten Wohnnebenkosten eingestehen musste, zeichnet sich ein verheerender Anstieg der Energiekosten für die privaten Haushalte ab: Im November bezahlten die ungarischen Familien bereits durchschnittlich zwei Drittel mehr für ihre Energie, als noch vor einem Jahr, bei Erdgas waren es im ersten vollen Monat der Heizsaison aber sogar doppelt so viel, rund 125%! Der Preisanstieg um 60% bei Brennholz oder 52% für Flaschengas nimmt sich dagegen noch bescheiden aus. Oberhalb der amtlich fixierten Energietarife, die der Staat nur noch für eine durchschnittliche Verbrauchsmenge halten konnte, kostet Gas heute das Siebenfache, Strom das Doppelte. Daraus ergibt sich beim KSH für den Warenkorb der Standard-Haushalte ein Plus um 125% beim Erdgas und verglichen dazu um 28,5% für Elektroenergie.

Die MTI-Graphik zeigt die Entwicklung der Verbraucherpreise im Nachwendeungarn (Veränderung zum Vorjahr in %).

Eierpreis glattweg verdoppelt

Die jährliche Lebensmittel-Inflation kletterte von 40% im Oktober auf knapp 44% im November. Dass die Orbán-Regierung (neben Kartoffeln) neuerdings auch Eier einer „Preisbremse“ unterwarf, dürfte nicht unabhängig von dem Umstand geschehen sein, dass sich einzig Eier preislich so dramatisch wie das Gas entwickelten: Laut KSH lag der Eierpreis im November um 103% über Vorjahresniveau! Brot, Milchprodukte, Käse und Butter folgten da mit Preisanstiegen um 80% „weit abgeschlagen“. Um 50-70% wurden Back- und Teigwaren, Geflügelfleisch und Margarine teurer. Wenn sich bei der galoppierenden Inflation der Kauf eines Lebensmittels heute weit eher rechnet, als vor einem Jahr, so ist das eindeutig das Speiseöl: In dieser – ebenfalls teilweise durch ein Diktat unter Schutz gestellten – Produktgruppe ermittelten die Statistiker einen Preisanstieg von bescheidenen 3%.

Im Vergleich zum Oktober weiter angezogen haben im November die Preise für Dienstleistungen (+9%), wo das Taxi (+28%) allmählich den Dienstleistungssegmenten Wohnungsverschönerung (+24%) und Fahrzeugwerkstatt (+23%) den Rang abläuft. Zumal die Taxifahrer von der plötzlichen Aufhebung des bei 480 Forint fixierten Spritpreises besonders hart getroffen werden, weshalb ihre Lobby umgehend bei der Regierung vorstellig wurde. Als einzige Segmente, die heute einen kleinen Lichtblick im inflationären Irrenhaus versprechen, stehen die Produktgruppen Bekleidung (+8%), Tabakwaren und Spirituosen (+14%) sowie mal wieder die langlebigen Konsumgüter (+14,5%). Sofern man es nicht auf einen neuen Pkw (+24%) abgesehen hat, und wenn man auf Heizkörper (+21%), Möbel und Alkohol, Sport und Museum (alle +20%) verzichten kann. Wer sich Haustiere hält, darf getrost mit gut 50% mehr fürs Tierfutter kalkulieren, Reinigungsmittel und Kosmetik kosten 25-35% mehr.

Bei 25% ist noch lange nicht Schluss

Wenig beruhigend für die weitere Entwicklung stimmt, dass die Kerninflation bereits bei 24% angelangt ist. Die mittlere Inflation erreichte in den ersten elf Monaten des Jahres 13,6%, der Warenkorb der Rentner verteuerte sich um 14,1%. Nachdem bislang eine Mehrheit der Analysten die Inflationsspitze unter 25% erwartete, räumte selbst Wirtschaftsminister Márton Nagy im Lichte der liberalisierten Benzinpreise ein, dass diese Prognose kaum noch zu halten ist. Allein der Eingriff in den Tankstellenmarkt soll Nagy zufolge 2-2,3 Prozentpunkte auf die Inflationsrate obendrauf packen.

11 Antworten auf “Wettlauf Energie kontra Lebensmittel

  1. Wie kommen Sie auf diese Zahlen? Meine Stromrechnung und Erdgasrechnung sind seit der letzten Abrechnung im Januar nicht höher geworden, das habe ich schwarz auf weiß.
    Man schreibt Ungarn die höchste Inflationsrate Europas zu? Dann wohl deshalb, weil in Ungarn anscheinend die Warenkaufpreise nicht kleingerechnet werden; wohingegen in Deutschland die IMK-Studie des Statistischen Bundesamt die Verbraucherpreise im September gegenüber dem Vorjahresmonat nur um 10,0 Prozent gestiegen sieht, andere Quellen sehen es aber über 40 Prozent.

    1. Wenn Ihre Energierechnungen nicht gestiegen sind, liegt das an Ihrem geringfügigen Verbrauch. Die Regierung hält den amtlichen Tarif bis zu einem durchschnittlichen Verbrauch (von 210 kWh für Strom und 144 m³ für Erdgas) aufrecht, darüber gilt beim Strom das Doppelte, beim Gas mehr als das Siebenfache. Daraus und aus den Verbrauchsmengen aller Haushalte kalkuliert das Statistische Amt die durchschnittliche Teuerung. Beim Strom sind dies aktuell knapp 30% mehr, bei Gas leider weit über 100%. Da schätzungsweise drei Viertel der Haushalte wie Sie unter dem Schwellenwert bleiben, hat sich die Rechnung für das restliche Viertel der Haushalte noch dramatischer entwickelt.

      1. Danke für Ihre Antwort. Demnach müssen wohl im Augenblick die Energiebetriebe unterstellen, daß jeder, der bisher viel verbraucht hat, dies trotz der Lage weiterhin tut; aber falls doch nicht, bekommt er wohl nach der nächsten Abrechnung im Januar sein Geld zurück?

        1. Ja, darüber gab es viele Diskussionen. Es hängt davon ab, ob Sie jährlich pauschal bezahlen und am Ende einmal begleichen, oder ob Sie – wie sehr viele insbesondere ärmere Haushalte – monatlich den Zählerstand diktieren.
          Wer bislang pauschal bezahlte, konnte wegen der neuen Tarifregelung auch auf monatliches Ablesen umstellen.

      1. Ich wusste nicht, das sie so eine ausgemachte Verschwörungstheoretikerin sind. Auch dann, wenn sie es mir sicher nicht glauben werden, Orban kann nicht schuld sein, der musste sich um die Wirtschaft und die galoppierende Inflation in Ungarn kümmern.

  2. Ich schlage vor Herr Hohensohn, sie machen ihr eigenes Statistikbüro auf, da sie jetzt nicht nur alle Daten aus Bunteland anzweifeln, sondern auch die offiziellen Daten aus Ungarn. Jeder, der von den offiziellen Daten aus Ungarn nervös wird, kann sich dann an sie wenden und sie nennen ihm einfach ihre, dann hoffentlich auch niedrige Daten zur Beruhigung.

    Wie soll man denn als Außenstehender ihre konkreten Fragen beantworten können. Wenden sie sich doch an ihre Lieferanten oder freuen sie sich einfach. Ich vermute, wenn es so wie beschrieben ist, dass es zweierlei Preise gibt, die realen und die für sie gedeckelten, die aber trotzdem von irgendjemand vollständig bezahlt werden müssen. Die bezahlen dann eben die Ungarn über Steuerabgaben für sie (die Deutschen sind in der Regel nur bei der Mehrwertsteuer betroffen) oder alle Bewohner durch eine höhere Inflation aufgrund von zusätzlichen Konsumschulden des Staates. Doch wie gesagt, dass kann ihnen letztlich nur ihr Versorger sagen.

    1. Jeder muß doch selber wissen, welche Rechnung er bekommen hat, und braucht keine Belehrung einer Zeitung oder eines Statistikamtes dafür. Höchstens, wer gerade einen Wechsel im Sinn haben sollte, könnte davon beeinflußt werden.
      Ich erwarte keine Auskunft von Ihnen, aber manchmal schon hat die Redaktion hier Antworten gegeben. Die sollte auch welche wissen.

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