Der MNB-Vizepräsident Márton Nagy musste gehen. Warten größere Aufgaben auf ihn, oder musste er als Sündenbock herhalten? (Foto: MTI / Tamás Kovács)

Nationalbank: Die Geschichte eines unspektakulären Abgangs

Wenn Genies scheitern

Inmitten der Corona-Krise entließ die Notenbank ihren charismatischen Vizepräsidenten Márton Nagy. Seither wird über die Hintergründe spekuliert.

Die Pressemitteilung der Ungarischen Nationalbank (MNB) war außerordentlich kurz gehalten. Die Öffentlichkeit erfuhr daraus kurz vor Pfingsten, dass Vizepräsident Márton Nagy – angeblich wegen einer anderen wichtigen Beauftragung – sein Amt niedergelegt habe. Die MNB betraute gleich zwei Nachfolger mit den bisher durch Nagy versehenen Aufgaben bei der Steuerung der Geldpolitik und dem Management der Wachstumskreditprogramme (NHP) der Notenbank. Kein Wort des Dankes an einen Mann, der bereits seit 2002 verschiedene wichtige Positionen in der MNB bekleidete.

Aufstieg zur rechten Hand von MNB-Präsident Matolcsy

Der 1976 geborene Nagy hatte 1999 die heutige Corvinus-Universität in der Fachrichtung Finanzen absolviert, seine Diplomarbeit behandelte Theorie und Praxis der Schätzung von Realzinsen. Noch während seiner Studienzeit gehörte das junge Talent zum Stab für makroökonomische Analysen der Zentrale zur Verwaltung der Staatsschulden (ÁKK), bereits im Jahre 2000 ernannte ihn die ING Group zum Chef­ökonomen für ihr Ungarngeschäft. Seinen ökonomischen Sachverstand machte sich in der Folgezeit die MNB zunutze, wo er 2010 zum Direktor und unter dem neuen Notenbankpräsidenten György Matolcsy 2013 zum Geschäftsführenden Direktor aufstieg.

Spätestens mit seiner Ernennung zum Vizepräsidenten im Jahre 2015 wurde Nagy als rechte Hand des Präsidenten angesehen. Die operative Geldpolitik trug seine Handschrift, gerne stellte er sich Debatten auf fachlichen Foren zu aktuellen wirtschaftspolitischen Fragen, vierteljährlich erläuterte er den Fachjournalisten die aktualisierte Version des Inflationsberichts der MNB. Zuständig war er ebenso für die Stabilität des Finanzsystems und für die Kreditstimulierung. Wenn auch die „unorthodoxe“ Politik der sinkenden Leitzinsen Notenbankpräsident Matolcsy zugerechnet wird, so sorgte erst Nagy mit seinem fachlichen Stab für die Glaubwürdigkeit dieser ultralockeren Geldpolitik. Da die Corona-Krise besonderes Fingerspitzengefühl und jede Menge Fein­abstimmungen verlangt, erscheint sein Weggang ausgerechnet in diesen schwierigen Zeiten als geeignet für einige Nachforschungen.

Nicht geplanter Abgang

Der Abgang war ganz sicher nicht geplant, schließlich hatte Nagy im Krisenmanagement immer neue Aufgaben übernommen. So stand er hinter dem Programm des Kaufs von Staatsanleihen und Hypothekenpfandbriefen, das die Notenbank erst Anfang Mai mit einem Volumen von 1.300 Mrd. Forint auflegte. Ungefähr zwei Drittel der Gelder, die Ungarn für eine effiziente Abwehr des Coronavirus und einen im Zeichen der regionalen und globalen Wettbewerbsfähigkeit eindrucksvollen Neustart der Wirtschaft bewegen will, sind Stimuli der MNB. Nagy soll also wegen angeblich relevanterer Aufgaben anderswo die Steuerung einer Vielzahl von Programmen aufgeben, die sich in den kommenden Monaten erst entfalten werden.

Da scheint plausibler, dass ihn der Notenbankpräsident „gehen ließ“. Weil es zwischen Nagy und Matolcsy schon vor Jahren Spannungen gab, ist diese These nicht von der Hand zu weisen, ungeachtet der anderslautenden Pressemitteilung. Demnach mutet es eher als falsche Fährte an, Nagy hätte sich nach einer anderen wichtigen Beauftragung jenseits der Notenbank gesehnt. Immerhin entsteht gerade eine neue (staatliche) Giga-Bank aus dem Zusammenschluss von drei bislang eigenständigen Akteuren: der Takarékbank (MTB) als Leitinstitut des Spargenossenschaftssektors, der früheren BayernLB-Tochtergesellschaft MKB und der Budapest Bank (BB), die sich der Staat vor wenigen Jahren von GE Capital zurückkaufte.

Dem Krösus die Stirn bieten

Die Sparkassen wollte die Orbán-Regierung schon lange als Gegengewicht zur übermächtigen OTP Bank jenes Sándor Csányi positionieren, der sich nicht gerne als Oligarch bezeichnen lässt, bis zum wundersamen Aufstieg von Orbán-Freund Lőrinc Mészáros aber der mit Abstand reichste Mann Ungarns war. Die von ihren Altlasten befreite MKB musste mit Auflagen der Europäischen Kommission saniert werden, was mit tatkräftiger Hilfe von Seiten der Notenbank allem Anschein nach sehr gut gelungen ist.

Ihr Vorstandsvorsitzender heißt seit 2015 Ádám Balog, der für die Reorganisation der Pleitebank sein Amt als Vizepräsident der Ungarischen Nationalbank aufgab – wo er ab 2013 die gleichen Aufgabenbereiche wahrgenommen hatte, wie seither Nagy. Die BB kaufte der ungarische Staat ebenfalls 2015 für 700 Mio. Dollar dem US-amerikanischen Finanzinvestor ab, der damit ganz sicher einen guten Schnitt machte. Für die Orbán-Regierung wiederum erschien es nur konsequent, die erste sich bietende Gelegenheit beim Schopfe zu packen, um ihre strategische Zielstellung zu erreichen, mindestens die Hälfte der Aktiva im Bankensektor unter einheimischer Kontrolle zu halten.

Allerdings verpflichtete sich der ungarische Staat gegenüber verschiedenen EU-Institutionen, die Beteiligungen an MKB, BB (und an der Erste Bank Hungary) binnen drei Jahren an private Anleger weiterzureichen. Solche Fristen werden in der trägen europäischen Gemeinschaft freilich nicht so genau genommen, zumal der Konsolidierungs- beziehungsweise Verkaufsprozess im vorigen Jahr an Fahrt aufnahm. Seit Ende Mai lautet der aktuelle Stand, dass die drei oben genannten Akteure verschmelzen könnten – an dieser Stelle taucht wieder der Name von Márton Nagy als eventueller Vorstandschef dieser Bank auf.

Wie das Beispiel von Balog als Chefsanierer der MKB zeigt, wäre es vielleicht doch eine angemessene Aufgabe für einen MNB-Vizepräsidenten, die künftige Nr. 2 auf dem hiesigen Bankenmarkt zu lenken, die mit einer kumulierten Bilanzsumme von ungefähr 16,5 Mrd. Euro, mehr als 900 Filialen und annähernd zwei Millionen Kunden dem Branchenkrösus OTP die Stirn bieten soll. Dagegen spricht, dass die Fusion ganz offensichtlich von der Takarék-Gruppe angeführt wird, deren Vorstandschef József Vida heißt.

Fallschirmspringer nicht vonnöten

Vida gehört ebenso wie Balog und Nagy zu einer Generation aufstrebender, noch relativ junger Fachleute. Der gelernte Bankier (mit vier Universitätsabschlüssen) ist seit der Jahrtausendwende im Sparkassensektor zuhause, von 2013 an bekleidete er führende Positionen im Leitinstitut der Integration. Im Jahre 2015 steuerte er die bis dato größte Fusion, an der damals zehn Spargenossenschaften beteiligt waren. Nachdem die Zukunft der Sparkassen zum Politikum wurde und sich die Orbán-Regierung entsprechend positioniert hatte, wurde die staatliche Hypothekenbank FHB einverleibt und mit den zwischenzeitlich aus den Sparkassen geformten regionalen Kreditinstituten zu einer einzigen, universellen Handelsbank, der Takarékbank (heute MTB), vereint.

József Vida gehört zu den einflussreichsten Geschäftsleuten im Lande. (Foto: MTI / Balázs Mohai)

In diesem langwierigen Prozess bis ins vergangene Jahr hinein hat sich Vida eindeutig als Leitfigur bewährt. Dieses Prestige schlägt sich nun im Konzept der geplanten Mega-Fusion mit MKB und BB nieder, deren Chefs sich im fusionierten Vorstandsgremium gleich mit drei Takarék-Managern arrangieren müssen, mit Vida in der Position des designierten Vorstandsvorsitzenden. Nachdem diese Details von den Beteiligten Ende Mai offengelegt wurden, scheint wenig plausibel, warum der neuen Superbank nun plötzlich ein „Fallschirmspringer“ aus der Notenbank vorgesetzt werden soll.

Die Ambitionen des heutigen MTB-Chefs Vida liegen auf der Hand. Er macht weder beim Kochen noch beim Züchten von Hunden oder Pferden halbe Sachen, während er Jagd und Schach eher als Hobbys auffasst. Jedenfalls gehört er nicht nur für das Manager Magazin zu den einfluss­reichsten Entscheidungsträgern im ungarischen Geschäftsleben: Als „Nachbar“ von Lőrinc Mészáros auf seinem Gut in Bicske sitzt er seit Jahren im Vorstand jener Opus Global Nyrt., die als Holding sämtliche Geschäftstätigkeiten des Orbán-Freundes bündelt. Nach dem Tod von Andy Vajna kaufte Vida zudem als Finanzinvestor dessen TV2-Mediengruppe.

Dem Realisten Gehör geschenkt

Diesen Vida müsste Nagy also von der Spitze verdrängen, so er denn wollte. Wahrscheinlicher ist deshalb das Gemunkel, der Vizepräsident der Notenbank sei dem Machtkampf zwischen MNB und Finanzministerium zum Opfer gefallen. Mit der Rivalität zwischen diesen beiden Zentren der ungarischen Wirtschaftspolitik befassten wir uns wiederholt. Hier sei nur an die parallele Erstellung strategischer Papiere erinnert, oder an entgegengesetzte Prognosen mit anschließenden scharfen Wortgefechten zwischen Notenbankpräsident György Matolcsy und Finanzminister Mihály Varga.

Kaum hatte das Coronavirus Ungarn erreicht, schockte Varga die Öffentlichkeit mit der Ansage, an Stelle der auch für dieses Jahr erhofften gut vier Prozent Wachstum könnte die Wirtschaftsleistung unter Umständen sogar schrumpfen. Worauf er umgehend als hoffnungsloser Pessimist abgestempelt wurde; heute betrachtet zwar auch Matolcsy die bis Mitte Mai gehaltene Prognose der MNB von 2-3 Prozent Wachstum skeptischer, aber er will weiterhin keine Rezessionsgefahr sehen.

Schon früher war für diese Ausein­andersetzungen charakteristisch, dass Matolcsy große Worte schwang, während der Technokrat Varga eher verhalten reagierte. Nach außen wirkte das so, als gebe das Finanzressort ständig nach. Zumal der Regierungschef den Minister zunehmend auf die Haushaltsplanung fokussierte, indem immer neue Zuständigkeitsbereiche in das Innovationsministerium delegiert wurden. Die Notenbank spielte sich als Ideengeber auf, präsentierte strategische Pläne mit Hunderten von Punkten, die von der Wirtschaftspolitik umgesetzt werden müssten, um Ungarn fit für den globalen Wettbewerb zu machen.

Da waren sie noch zu dritt bei der Notenbank: MNB-Präsident György Matolcsy (M.), sein Vize Ádám Balog (r.) und Márton Nagy. (Foto: MTI / Lajos Soós)

In der Corona-Krise schien Viktor Orbán aber plötzlich weniger auf den Träumer Matolcsy zu geben. Eher schenkte er dem Realisten Varga Gehör, dessen skeptischer Ansatz ohne Abstriche in den Haushaltsentwurf für 2021 einfloss. Noch bemerkenswerter war jedoch eine andere Entscheidung der Wirtschaftspolitik aus den jüngsten Wochen: Das Finanzministerium erkannte das Niveau der Devisenreserven als unbefriedigend an, worauf im Eiltempo neue Devisenanleihen begeben wurden. Ein Affront gegen die Notenbank, die bis zuletzt für eine einheimische Finanzierung plädierte und das Devisenniveau im Übrigen als eigenes Terrain betrachtete. Ohne Unterstützung durch Orbán hätte Varga wohl kaum erreichen können, dass die Schuldenzentrale ihren Jahresplan von heute auf morgen über den Haufen wirft. Abgesehen von einer sogenannten „grünen“ Anleihe sollten Neuschulden in diesem Jahr eigentlich ausschließlich in der eigenen Währung gemacht werden. Nun wurde der Rahmen auf 4 Mrd. Euro aufgestockt.

Entwaffnet, bevor das Virus kam

Diese früher undenkbaren Niederlagen der Notenbank könnten dazu geführt haben, dass mal wieder ein Sündenbock herhalten muss, wenn nicht die Glaubwürdigkeit einer ganzen Institution untergraben werden soll. Neben dem Präsidenten war es schließlich Márton Nagy, der bis zum Schluss die MNB-Wachstumsprognose kommunizierte. Außerdem sorgten seine nahezu im Wochentakt eingebrachten Neuerungen für zunehmende Verwirrung. Die Notenbank betreibt heute offen Wirtschaftspolitik mit ihren Programmen zur Kreditstimulierung. Zu weit aus dem Fenster lehnte sich ihr Stab aber auch, als man den Handelsbanken einen quasi „Rettungsanker“ auftischte, woraufhin der Bankenverband irritiert antwortete, man habe keine Notrufe abgesetzt, die Akteure des Sektors seien wohlauf.

Unterdessen schoss der Forint durch die Decke – Anfang April befand sich ein Eurokurs von 370 Forint in Sichtweite, damit notierte die einheimische Währung im Jahresvergleich um fünfzehn Prozent schwächer. Die ungewöhnlich hohe Volatilität inmitten der Corona-Krise machte den Wirtschaftsakteuren enorm zu schaffen und offenbarte, welches Vabanquespiel die Notenbank mit ihrer Politik der negativen Realzinsen betrieben hatte. Die MNB hatte sich selbst „entwaffnet“, als ein Virus kam, die Wirtschaft zu lähmen. Diese Herangehensweise hätte schon für sich genommen für einen Rücktritt an der Spitze der Notenbank gereicht.

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