Bruttoinlandsprodukt
Ungarn steht auf der Bremse
Am Dienstag bestätigten die Zahlen des Zentralamtes für Statistik (KSH) auch offiziell, was sich seit Wochen zusammenbraute: Die technische Rezession hält an, im dritten Quartal in Folge sinkt der Ausstoß der Wirtschaft. Doch während dieses Minus seit den Sommermonaten jeweils zum vorausgehenden Quartal zu verstehen war, fällt nun erstmals auch der Jahresvergleich negativ aus. Im I. Quartal 2023 erreichte Ungarns Wirtschaft nur noch 99,1% der Leistung vom gleichen Vorjahreszeitraum, saisonal und nach Kalendertagen bereinigt sogar nur noch 98,9%. Zuletzt war die Wirtschaft Anfang 2021 geschrumpft, damals aber noch um deftigere 2,3% (bzw. bereinigt um 1,8%).
Kleine positive Überraschung
Die Talsohle des Jammertals scheint jedoch durchschritten, eine „echte“ Rezession könnte durch einen Aufschwung in den Frühlingsmonaten abgewendet werden. Dafür spricht, dass der seit Jahresende 2021 kontinuierliche Abstieg gewissermaßen gestoppt wurde. Im vergangenen Jahr hatte sich das „potenzielle“ Wachstum von anfänglich acht Prozent rapide gegen null entwickelt, letztmalig konnte im II. Quartal noch ein BIP-Zuwachs zum Vorquartal von 0,6% verzeichnet werden. Im Herbst wurde die Vorleistung dann um 0,8%, im Winter immer noch um 0,6% verfehlt. Mit dem gleichen Wert rechneten Analysten auch für den Jahresanfang 2023, die erste Schätzung des KSH sorgte deshalb für eine kleine positive Überraschung: Die Quartalsleistung fiel nur noch um 0,2% zurück. Allerdings verweist das Statistikamt auf den Umstand, die aufeinanderfolgenden Krisen hätten die Datenqualität massiv beeinträchtigt. Deshalb könnten später anstehende Revisionen deutlichere Korrekturen der jetzt vorgelegten Zahlen mit sich bringen.
Energierechnung schröpfte Vermögen
Wenngleich detaillierte Angaben mit der ersten Schätzung naturgemäß nicht mitgeliefert werden, verweist das KSH doch auf die Schwäche der Industrie als hauptrangige Wachstumsbremse zu Jahresbeginn. Demgegenüber haben die Landwirtschaft und der Gesundheitssektor (!) einen positiven Beitrag erbracht. Beide Sektoren steuern einen eher marginalen Satz zum Inlandsprodukt bei. Dennoch könnte sich gerade die Landwirtschaft nach dem heftigen Dürre-Jahr 2022 in diesem Jahr als „Jolly Joker“ entpuppen.
Die Handicaps aber bleiben: Die Inflation bewegte sich in den ersten vier Monaten um 25%, die Notenbank hält den maßgeblichen Leitzins seit vorigem Oktober bei 18%. Die Reallöhne sind zuletzt um nahezu ein Zehntel gesunken – Konsum und Investitionen werden durch diese Faktoren abgewürgt. Wenngleich die extremen Preisschwankungen vorläufig der Vergangenheit angehören, muss sich die Wirtschaft erst noch an die weit höheren Energiepreise anpassen. Die gesamte Gesellschaft erbringt hier ein brutales Wachstumsopfer, weil dem Land über die gestiegene Energierechnung (aus dem Ausland) im vergangenen Jahr zusätzlich rund 10 Mrd. Euro entzogen wurden. Da würden die EU-Gelder recht kommen, die Brüssel den Ungarn politisch motiviert vorenthält.

In Polen scheint die Sonne
Apropos EU, im Vergleich mit den anderen Mitgliedstaaten der Gemeinschaft schneidet Ungarn aktuell extrem schlecht ab. Bei der für sich genommen weniger aussagekräftigen Quartalszahl findet sich das Land unter den Schlusslichtern in bester Gesellschaft seiner Vorbilder Österreich und Deutschland, während Polens Wirtschaft zum Vorquartal beinahe 4% draufpackte. Eine vergleichbare Rezession wie die Ungarn erleben aber einzig die Balten. Beim Jahreswachstum leiden alle Mitteleuropäer, die Spanier hingegen sind neuer Europameister, da sie die Energiekrise weit weniger tangierte. Im Spitzenfeld findet sich mit knapp 3% Wachstum auch jenes Rumänien, das Ungarn hinsichtlich des Entwicklungsstandards im vergangenen Jahr einholen konnte. Der östliche Nachbar setzt somit im Augenblick zum Überholen an.

Die EU-Gelder werden Ungarn vorenthalten, da die Orban-Regierungen die rechtsstaatlichen Strukturen so umgebaut hatte, dass der Schutz der EU-Steuergelder nicht mehr gewährleistet war.
Inflationsbekämpfung gelingt leider nur über eine wirtschaftliche Abkühlung.
Wenn nun EU-Mittel fließen und in den ungarischen Markt strömen würden, hätte man wieder den inflationstreibenden Effekt wie schon vor den Wahlen mit den übermäßigen Wahlgeschenken der Orban-Regierung.
Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis.
Staat und Notenbank haben kaum Einfluss auf das Angebot, aber die Nachfrage können sie dämpfen. Leider arbeiten Regierung und Notenbank in Ungarn zu oft gegeneinander.
Danke für Ihren neuerlichen Lehrbuch-Eintrag.
Ungarn verzichtet also gerne auf die EU-Gelder, um weniger Inflation zu bekommen.
Sind Sie eigentlich im Zweitjob als Berater tätig?
Wenn Sie den Lehrbucheintrag richtig lesen, erkennen Sie den Zusammenhang zwischen den Staatsausgaben und der Inflation.
Und es gibt da auch das Wort “wenn”.
Wenn die EU-Gelder wie die Wahlgeschenke in den ungarischen Markt fließen, treibt dies die Inflation an.
Die Regierung könnte die EU-Gelder auch dazu nutzen, den Staatshaushalt zu konsolidieren und sich auf die Abfederung sozialer Härten zu beschränken.
Was nun notwendig ist, sollte eigentlich klar sein:
Haushaltsdisziplin.
In Ungarn ist die Wirtschaft nun ausgebremst, aber die Inflation noch immer die Höchste in der EU.
“Deutschland befindet sich in der Rezession: Zum zweiten Mal in Folge schrumpft das Bruttoinlandsprodukt. Im ersten Quartal des Jahres sank es im Vergleich zum vorherigen Quartal um 0,3 Prozent. Ein Aufschwung ist nicht in Sicht.” Die WeLT am 25.Mai