Inflation
Reagiert die Regierung politisch?
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Im April sank die Jahresinflation auf 4,2%, der Preisanstieg zum März beschränkte sich auf 0,2%, teilte das Zentralamt für Statistik (KSH) am Freitag mit. Das Hoch um 5,5% zu Jahresbeginn hat das Land nun eindeutig hinter sich gelassen, gebannt ist die Teuerung aber noch nicht.
Nachdem die Orbán-Regierung Mitte März eine strenge Regulierung bezüglich der Handelsspanne von Grundnahrungsmitteln einführte, sanken die Lebensmittelpreise insgesamt deutlich, um 1,3% zum Vormonat. Im Jahresvergleich hat sich deren Inflationsrate auf 5,4% nahezu halbiert. Die regulatorischen Eingriffe verschafften den Verbrauchern markante, zweistellige Preissenkungen bei Margarine, Milchprodukten und Mehl. Auch auf Jahresebene haben sich die Preise für erstere beiden Produktgruppen (um 29% bzw. 7,5%) besonders deutlich reduziert. Teurer wurden im April derweil Schokolade, Erfrischungsgetränke, Reis und Nudeln.
Verband warnt vor Nebenwirkungen
Der Handelsverband OKSZ bekräftigte mit Hinweis auf die positive Preisentwicklung seine Forderung, die Beschränkung der Handelsspanne (auf 10%) für die Grundnahrungsmittel zum Monatsende aufzuheben. Die aktuellen Inflationsdaten hätten gezeigt, dass die Händler die Einbußen in den betroffenen Produktgruppen nicht auf andere Produkte abwälzten. Der Effekt fiel jedoch geringfügiger aus als erwartet, weshalb Beobachter steigende Chancen dafür sehen, dass die Regierung an ihrer Maßnahme auch gegen den Willen der Handelsketten festhalten wird. Dabei warnte der OKSZ bereits, die negativen Nebeneffekte würden den Boom beim Privatkonsum ausbremsen und damit die Wachstumsziele gefährden.
Gute Nachrichten schnell erschöpft
Begünstigt wurde die Desinflation aber auch durch die geopolitischen Verwerfungen, die aktuell die Rohölpreise abstürzen lassen. Allein im April führte das zu um 1,4% sinkenden Auspreisungen an den Zapfsäulen der Tankstellen, im Jahresvergleich liegen die Spritpreise bereits um ca. 7% niedriger.
Damit sind die guten Nachrichten aber auch schon erschöpft: Die Kerninflation sank im April lediglich auf 5,0%, der Preisdruck bleibt grundlegend bestehen. Dienstleistungen verteuerten sich gegenüber dem Monat März schon wieder um 0,8%, auf Jahresebene hat sich deren Preisanstieg erst auf 7,0% verringert. Das bedeutet in der Realität eine zweistellige Teuerung bei Wohnen und Auto, Postdiensten oder Körperpflege. Aber auch Urlaubsreisen (+8,5%) wurden gegenüber Anfang 2024 merklich teurer. Tabakwaren zogen im April schon wieder um 2,4%, auf Jahresebene um 7% an. Und auch Haushaltsenergie wurde – wegen der kühleren Witterung – um 3,5% teurer, wobei die Ungarn für ihr Heizungsgas sogar 7-8,5% mehr Geld auf den Tisch legen mussten. Besonders irritierend ist die Statistik bei langlebigen Verbrauchsgütern, die binnen zwölf Monaten um durchschnittlich 2,0% teurer wurden. Das liegt vor allem an günstigeren Preisen für Gebrauchtwagen, wohingegen die Neuwagenpreise erneut um mehr als 6% anzogen, die Preise für Möbel um gut 3,5% zulegten und Schmuck sogar um 22% teurer wurde.
Wenig Spielraum für Notenbank
Wegen auslaufender Basiseffekte ist der Spielraum für einen weiteren Rückgang der Inflation eingeschränkt. Das erhöht die Gefahr, dass die Regierung aus politischen Gründen an ihrem Kurs der Preiseingriffe festhalten und diesen womöglich noch verschärfen wird – ungeachtet der durch Nebenwirkungen ausgelösten Kopfschmerzen. Mit Wirkung vom 19. Mai kommt der „Preisstopp“ bei den Drogerieketten, wo die Handelsspanne – vorerst bis Ende August – auf 15% maximiert wird.
Die Ungarische Nationalbank (MNB) dürfte nach weitem Konsens der Analysten den Leitzins dauerhaft auf 6,5% belassen. Am ehesten könnten den Währungshütern deutlichere Schnitte der EZB und der Fed Futter für ein, zwei Zinssenkungen geben, vorausgesetzt, der Forint bewahrt seine momentan recht stabile Position mit Wechselkursen um 405 zum Euro und 360 Forint zum US-Dollar.
