Gas-Krise
Ein Land baut vor
Das geht aus einer Verordnung des Ministers für Technologien und Industrie, László Palkovics, hervor. Offenbar handelt es sich um eine weitere Absicherung vor Versorgungsengpässen im Winter.
Ministerpräsident Viktor Orbán hatte Ende Juli im Kossuth-Radio die Prioritäten genannt, um eine Versorgungskrise im Zuge von Ukraine-Krieg und EU-Sanktionen gegen Russland zu vermeiden. So werde die einheimische Gasförderung auf 2 Mrd. m3 erhöht, bzw. würden 1,5 Mrd. m3 über das kroatische LNG-Terminal auf der Insel Krk fließen. Der langfristige Gasliefervertrag mit Gasprom sichert dem Land 4,5 Mrd. m3, die nun ausschließlich aus Richtung Süden, via Serbien, ins Land geholt werden sollen. (Ursprünglich war ein Lieferfluss von 1 Mrd. m3 via Österreich eingeplant.) Außenminister Péter Szijjártó verhandelte unlängst zudem in Moskau, um die Liefermenge von Seiten Gasprom um 700 Mio. m3 zu erhöhen. Um parallel den Gasverbrauch z. B. in den Kraftwerken zu senken, soll das Mátra-Kohlekraftwerk wieder ans Netz gehen. Während all diese Maßnahmen anlaufen, wird die Auffüllung der Gasspeicher fortgesetzt.
Fast ein Drittel des Bedarfs in den Speichern
Die Gasspeicher sind mit Stand vom Dienstag zu 55,1% gefüllt. Da Ungarn innerhalb der EU zu den Ländern mit den größten spezifischen Kapazitäten in Gasspeichern gehört, ist die Aussage aufschlussreicher, dass damit fast ein Drittel des Gasbedarfs abgedeckt wird. In dieser Hinsicht liegt Ungarn mit Dänemark gleichauf, das seine Speicher zu neun Zehnteln gefüllt hat, und steht zweimal so gut da wie Polen, obgleich dort die Speicher bereits randvoll gefüllt sind. Das Energieamt MEKH gab Anfang August bekannt, Ungarn habe die Vorgaben der einschlägigen EU-Richtlinie um 920 Mio. m3 übererfüllt. Brüssel schrieb den Mitgliedstaaten wegen der Gasversorgungskrise im Zuge des Ukraine-Kriegs und der Sanktionen gegen Russland vor, bis zum 1. November mindestens 35% des Durchschnittsverbrauchs der letzten fünf Jahre einzuspeichern. Die Umsetzung dieser Vorgabe wird ab August monatlich zeitanteilig überprüft.
Mit den aktuellen Daten vom Dienstag erreicht der Füllstand 3,5 Mrd. m3. Beim Energieamt geht man davon aus, dass sich der Bedarf der Bevölkerung im kommenden Winter – natürlich in Abhängigkeit von der Härte und Länge der kalten Jahreszeit – um 4 Mrd. m3 bewegen wird. Kritiker werfen der Orbán-Regierung vor, sie hätte zu spät mit dem Auffüllen der Gasspeicher begonnen. Offenbar unterlag dieses Herangehen einem Strategiefehler, wonach Budapest mit einem schnellen Kriegsende in der Nachbarschaft rechnete. Deshalb sei man nicht bereit gewesen, die zu Kriegsbeginn spekulativ angeheizten hohen Spotpreise am Gasmarkt zu bezahlen, in der Hoffnung, der Markt werde sich in den Sommermonaten wieder beruhigen. Diese Rechnung ging jedoch nicht auf, da das Ringen zwischen Moskau und Brüssel im Spannungsfeld von Energieabhängigkeit und Sanktionspolitik die Preise weiter anheizte.
Sonne wird intensiver genutzt
Als eine Alternative zum knapp werdenden Erdgas und sonstigen fossilen Energieträgern setzt die EU zunehmend auf grüne Energien. Ungarn hinkt bei diesem Umbau trotz seiner Rohstoffarmut hinterher. Die Energiestrategie sieht für 2030 und darüber hinaus jedenfalls Nuklearenergie (aus Paks) und Solarenergie (zunehmend auch dezentral) als die Hauptkomponenten des Energie-Mix vor.
Das Land erreichte 2020 einen Anteil der erneuerbaren Energien am Energieverbrauch von 13,9%. Damit wurde die Selbstverpflichtung in der EU von 13% leicht überboten, bekräftigte das Energieamt MEKH jetzt frühere Schätzungen. Die eingebaute Leistung der grünen Kraftwerksanlagen erreichte 3.025 MW. Damit wurden 5.550 GWh Strom erzeugt, beinahe ein Fünftel mehr, als noch ein Jahr zuvor. Ungefähr in diesem Tempo erhöhte sich die Stromerzeugung aus Biomasse, drei Mal so schnell jene aus Solaranlagen. Unter den erneuerbaren Energien erzielte die Sonne 2020 einen Anteil von 44% am grünen Erzeugungs-Mix. Das Land konnte seinen Gesamtenergieverbrauch in jenem Jahr um 3,2% auf 775 PJ reduzieren, was freilich auf den beschränkten Verkehr inmitten der Corona-Pandemie zurückzuführen war. Die grünen Energien steuerten immerhin 107 PJ (+6,1%) bei.
