Dank der vielen Investitionen überall im Lande könnte Ungarn der Rezession gerade noch entgehen. Foto: MTI/ Tamás Vasvári

Konjunktur

Die Luft ist weitgehend raus

Ungarns Wirtschaft ist im Herbst nach zwei Jahren erstmals wieder geschrumpft, um 0,4% zum Sommer. Das Zentralamt für Statistik (KSH) bestätigte zugleich den Realanstieg des einheimischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) zum Vorjahr um 4,1%. Im Zeitraum Januar-September wuchs die Wirtschaftsleistung um durchschnittliche 6,1%.

Das KSH präsentierte am Donnerstag detaillierte Angaben, ohne die Eckdaten der ersten Schätzung dabei korrigieren zu müssen. Im III. Quartal zeigte sich die Industrie (+9,6%) und insbesondere das verarbeitende Gewerbe (+10,6%) auf Jahresbasis außerordentlich robust, mit den Flaggschiffen Fahrzeugbau und Batterieherstellung. Im Bauwesen stieg die Leistung zum Vorjahr um 1,8%, in der Landwirtschaft fiel diese jedoch um nahezu 40% zurück. Der Dienstleistungssektor (+5,6%) hat seinen Beitrag zum BIP-Zuwachs gegenüber dem I. Halbjahr leider halbiert.

Die MTI-Graphik zeigt das BIP-Wachstum seit 2010 auf Jahres- (oben) bzw. Quartalsebene (Veränderung in % zum Basiszeitraum).

„Fette“ Jahre für Gastgewerbe am Ende

Besonders der Absturz des Gastgewerbes nach vier „fetten“ Quartalen mit Zuwachsraten um 50-100% auf ein bescheidenes Plus von 6,5% sticht ins Auge. Aber auch Handel, Logistik und ITK-Sektor ziehen die Wachstumslokomotive weniger kräftig als bislang. Nichtsdestotrotz lieferte der Dienstleistungssektor mit Abstand den größten Beitrag zum Wachstum im III. Quartal, im Gewicht ungefähr doppelt so stark wie die Industrie, deren Beitrag vom Agrarsektor dabei praktisch ausgelöscht wurde.

Zur im Jahresvergleich steigenden Wirtschaftsleistung trugen aber auch die Nettoexporte (!) und der Inlandsverbrauch bei. Beim Privatverbrauch (+4,1%) ist die Luft weitgehend raus, wo die Dynamik auf die Hälfte bis zu einem Drittel der zuletzt erzielten Quartalswerte zurückfiel. Weil der Staat seit dem Sommer eindeutig als Bremser auftritt, um die eigenen Ausgaben unter Kontrolle zu halten, erreichte der Inlandsverbrauch noch ein Plus von 3,5%. Die Warenexporte zogen derweil um 13,5%, die Dienstleistungsexporte sogar um 16,5% an.

Technische Rezession denkbar

Im III. Quartal fiel die Wirtschaftsleistung zum hohen Niveau des II. Quartals aber bereits um 0,4% zurück. Damit droht Ungarn eine technische Rezession, die bei zwei aufeinanderfolgenden negativen Quartalen eintritt. Das könnte also zur Jahreswende geschehen, während das Jahreswachstum noch bei 4-5% eindeutig im positiven Bereich erwartet wird. In den Herbstmonaten konnte allein noch die Industrie ihre Leistung gegenüber dem Sommer steigern (+2,9%), das Bauwesen stagnierte, der Dienstleistungssektor schrumpfte bereits leicht (-0,7%), die Landwirtschaft heftig (-5,2%). Inlandsverbrauch, Investitionen und Nettoexporte entwickelten sich zur gleichen Zeit allesamt dezent positiv. Die enttäuschende Quartalszahl ist also gar nicht in erster Linie auf die Energiekrise, sondern auf die Dürre zurückzuführen.

7 Antworten auf “Die Luft ist weitgehend raus

  1. Wen wundert es.
    Die Fidesz-Wirtschaftspolitik hatte durch die Wahlgeschenke die Krise befeuert und verschlimmert aktuell die Situation gleich auf mehreren Ebenen.

    Die Liste der Fehlentscheidungen ist leider sehr lang.

    Ein aktuelles, praktisches Beispiel steht ganz plakativ dafür:
    In Österreich fährt man an eine Tankstelle und füllt den Tank.
    In Ungarn, das doch immer noch von Russland mit Öl beliefert wird, steht man in einer Stadt wie Tatabánya vor geschlossenen Tankstellen und muss sich auf die Suche nach der scheinbar einzigen Zapfsäule machen, die noch Benzin abgibt. Davor eine lange Schlange von Ungarn, die nicht wollen, dass ihr Auto mit leerem Tank stehen bleibt.
    Es auf die Sanktionen schieben zu wollen, klappt hier nicht.
    Wann wohl ein heimlich aufgezeichnetes Video mit einem Fidesz-Politiker auftaucht, in dem er oder sie offen zugibt: Wir haben es … ! 😉

    1. Das Argument mit dem Öl aus Russland hinkt aber gewaltig (was Sie natürlich wissen).
      Wie wir berichteten, kommt im Moment weniger über die Druschba-Trasse an (Krieg in der Ukraine tut der Infrastruktur nicht gut), aber den Engpass bilden die Kapazitäten der Donau-Raffinerie, die auf 50-55% gefallen sind. Kommende Woche wird es noch enger, wenn die MOL-Tochter Slovnaft wegen der hirnlosen Sanktionen angeblich nicht mehr über die Grenze nach Ungarn liefern darf.

      1. Die Orban-Regierung hatte sich Ausnahmen ausbedungen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
        Nun ist die Versorgungssicherheit in all den Staaten, die die EU-Sanktionen umsetzen, gewährleistet, während gerade in Ungarn seit einiger Zeit rationiert wird und nun Versorgungsengpässe entstehen.
        Der Fidesz-Weg ist also ganz offensichtlich der Falsche.

        Ständig werden als Ausreden die EU-Sanktionen bemüht, obwohl die Preisdiktate, die schon 2021 also vor den Sanktionen verhängt wurden, ursächlich für die Mangelwirtschaft sind.

        Wie soll eine Wirtschaft durch eine Krise kommen, wenn die Regierung ständig versucht, sich gegen den Markt zu stemmen.

        Schon vor dem Beginn des Angriffskrieges war abzusehen, dass die Wahlgeschenke die eh anziehende Inflation in die Höhe treiben würden.
        Schon vor dem Beginn des Angriffskrieges war abzusehen, dass die Preisdiktate zu einer Mangelwirtschaft führen würde.

        Man könnte noch viele Punkte auflisten.

    2. Komisch, ich habe voll getankt und das war gar kein Problem.

      Ich weiß nicht wo Sie sich rumtreiben Herr Hatzig, angeblich liegt überall Unrat herum oder die Fassaden sind beschmiert oder der Tank ist leer usw. … ich merke schon, Ihre Gesellschaft ist nicht ungefährlich.

      1. Aber ich möchte noch was zur Sache schreiben: es stimmt einfach nicht, dass in anderen Ländern alles gut läuft und als Beispiel gibt es diesen Artikel in der Berliner-Zeitung (ohne Bezahlschranke)
        https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/inflation-in-berlin-lebensmittelpreise-rasen-weiter-nach-oben-li.292101

        Ein anderer Artikel beschreibt, dass die Miete einer Wohnung von 1800 Euro auf über 5000 Euro steigen wird. Die Gesellschaft hat dies dem Mieter schon schriftlich angekündigt.
        Welche Politik ist jetzt besser Herr Hatzig ?
        Eine Freundin klagte mir über What’sApp “die Welt steht in Flammen” … da kann sich Ungarn mittendrin leider nicht raushalten.

        1. Es gab Zeiten, da lagen die Wohnungsmieten bei 70€ pro Monat. Was soll also die Aussage, dass sie irgendwann bei 5000€ liegen wird – das ist ein logisches Resultat aus einer Inflation, die eben nicht bei 0% liegen soll – die Notenbanken haben eine Zielmarke von 2%.

          Der Inflationsschub von nun 10% in Deutschland folgt nun übrigens einem Jahrzehnt mit Inflationsraten unter 2%.
          Dies mag zwar nun befremdlich und für manche auch erschreckend wirken, aber ist in einer sozialen Marktwirtschaft beherrschbar und bedeutet nicht den Untergang.
          Es ist an den Tarifpartnern nun einen Inflationsausgleich bei den Lohnverhandlungen auszuhandeln.
          Der Staat muss gezielt und mit möglichst geringen Eingriffen in den Markt die sozialen Auswirkungen abfedern.
          Die Orban-Regierung macht das genaue Gegenteil und negiert mal eben die Marktgesetze.

          Preisdiktate –> Mangelwirtschaft und ausbleibender Nachfragerückgang, was die Inflation antreibt.

          Kreditfinanzierte Wahlgeschenke in Zeiten anziehender Inflation und Wirtschaftswachstum nach Corona –> hohe Inflation und leeere Staatskassen.

          Gießkannenprinzip –> leere Staatskassen und hohe Inflation

          Zinsfestschreibungen –> die Maßnahmen der Notenbank zur Inflationsbekämpfung werden ausgehebelt.

      2. Nun – das Haus meines Nachbarn war schon in besserem Zustand.

        Diese Woche:
        Ein Kollege aus Kecskemet warnte mich vor, dass es nur an wenigen Tankstellen überhaupt noch Sprit geben würde und er in Budapest tanken musste.

        Ich habe daher in Tatabánya eine MOL-Tankstelle angesteuert: Geschlossen.
        LUK: geschlossen.
        Erst nach einigem Suchen fand ich eine andere MOL-Tankstelle, vor der sich eine Schlange gebildet hatte.
        Diese Tankwilligen waren dann meine Gesellschaft – fast alle Ungarn. Dass Sie diese als “nicht ungefährlich” betrachten, wirft Fragen auf.

        Auf dem Land wiederum bin ich schon zuvor oft an freie Tankstellen gekommen, die kein Benzin mehr hatten. Andere verkauften nur maximal 20 Liter.

        In Österreich hatte ich übrigens auch problemlos vollgetankt.

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