Gergely Bakai, Geschäftsführer der Opel Magyarország Kft.: „Die Corona-Krise hat den ungarischen Automarkt weitaus schwächer getroffen, als die großen westeuropäischen Märkte.“ (Foto: Opel)

Interview mit dem Geschäftsführer der Opel Magyarország Kft., Gergely Bakai

Der Automarkt überlebt das Coronavirus

Der gestandene Autohändler erzählt von einer Marke, die das Ungarn der 1990er Jahre prägte und der er seither treu ist.

Welche Bilanz können Sie nach knapp drei Jahrzehnten ziehen?

Opel hat in die systematische Entwicklung des Standortes Szentgotthárd mittlerweile weit über 4 Mrd. Euro investiert; das Werk lieferte bisher mehr als 10 Millionen Motoren, 7 Millionen Zylinderköpfe und 80.000 Pkw aus. Nach der Übernahme von Opel durch den PSA-Konzern konnte sich das ungarische Tochterunternehmen die Serienfertigung der 1,2-Liter-Turbobenzinmotoren sichern. Das ist ein Meilenstein in der Unternehmensgeschichte und eine neue Chance, handelt es sich doch um einen vierfach preisgekrönten „Motor des Jahres“ und das wichtigste Aggregat des französischen Autobauers. Die Nachfrage ist dermaßen groß, dass die Serienfertigung von Anbeginn in drei Schichten organisiert werden musste und bereits Verhandlungen über Kapazitätserweiterungen aufgenommen wurden.

… aber dann kam das Coronavirus dazwischen.

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie musste die Produktion auch in Szentgotthárd vorübergehend ausgesetzt werden. Die gute Nachricht lautet, dass die Fertigung Mitte Mai wieder anlief und nun erneut die weitere Entwicklung des Standortes im Mittelpunkt der Überlegungen steht.
Ich bin seit 1995 für Opel tätig; parallel zum Werk wurden Vertriebsstrukturen aufgebaut. Auch hier entfaltete sich eine enorme Entwicklung, denn aus einem quasi „Startup“ mit wenigen Mitarbeitern, von denen zum Feierabend jeweils der Letzte das Licht ausknipste und die Bürotür verriegelte, wurde das Regionalzentrum Mittelosteuropa der Marke Opel. Aus unserem Büro in Budaörs lenken wir heute Service und Vertrieb nicht nur in Ungarn, sondern ebenso für Rumänien, den Balkan und einzelne GUS-Staaten.

Seitdem der erste Opel Astra in Szentgotthárd vom Band rollte, streitet Opel um die Führerschaft auf dem heimischen Automarkt. Womit verbinden Sie die 1990er Jahre?

Die 1990er Jahre – und dabei vor allem deren erste Hälfte – rufen Erinnerungen an eine großartige Freiheit, an Leidenschaft und Zuversicht ins Gedächtnis. In jener Phase, als wir alle neue Wege ausprobierten, war Opel ganz klar Marktführer mit Marktanteilen von über 20 Prozent, was eindeutig der einheimischen Produktion zuzuschreiben war. Damals legten wir die Fundamente für jenen bis heute anhaltenden Erfolg, dass Opel die am weitesten verbreitete Marke auf den ungarischen Straßen ist. Wenn man die Automobilindustrie der 1990er Jahre mit einem Schlagwort kennzeichnen sollte, hieße das für mich: Astra.

Hauptprofil der Fabrik: Motoren und Zylinderköpfe

Opel ist gleich zweifach in Ungarn vertreten: mit dem Motorenwerk in Szentgotthárd und dem regionalen Vertriebszentrum in Budaörs. Die beiden Gesellschaften agieren unabhängig voneinander, aber in enger Symbiose. Opel Szentgotthárd war das erste moderne Automobilwerk im Nachwende-Ungarn. Viele Ungarn erinnern sich an den großen Augenblick, als sich der damalige Ministerpräsident József Antall in Begleitung des Europachefs von General Motors ans Steuer des ersten Opel Astra heimischer Fertigung setzte und damit offiziell das Werk einweihte. Das war insofern interessant, weil das Hauptprofil des Standorts von Anbeginn Motoren und Zylinderköpfe waren, deren Serienfertigung aber erst einige Monate später aufgenommen wurde.

Wie hat sich der Eigentümerwechsel ausgewirkt?

Nun ist es bald drei Jahre her, dass der PSA-Konzern Opel von General Motors erwarb. Diese drei Jahre standen im Zeichen des laufenden Wandels, denn Strukturen, Abläufe und Produktpalette mussten zwecks Ausschöpfung von Synergien umgestaltet werden. Die Ergebnisse sprechen für sich, vor allem das Erreichen der Gewinnzone nach anderthalb Jahrzehnten einer GM-Ära in den roten Zahlen. Während die Marke konsolidiert wurde, stellte die EU-Politik die gesamte Automobilindustrie vor enorme Herausforderungen. Opel hat dabei gezeigt, auch innerhalb der PSA-Gruppe mit einem starken Produktportfolio am Ball zu bleiben.

Was bedeutet das für Ungarn?

Die Märkte dieser Region bereiten den multinationalen Unternehmen ständig Kopfzerbrechen, weil hier mit anderen als im Westen gewohnten Preis- und Gewinnspannen gearbeitet werden muss. Auf der anderen Seite finden sich hier besonders viele gute Fachleute in Fertigung und Entwicklung, ganz zu schweigen vom Potenzial dieser Märkte, das im Westen doch stark begrenzt ist. So ist es interessant zu sehen, dass die Corona-Krise den ungarischen Automarkt weitaus schwächer traf, als die großen westeuropäischen Märkte.
Natürlich hat das Coronavirus ein Umdenken in Sachen Mobilität eingeleitet. Da wird die Rolle von öffentlichem Nah- und Fernverkehr oder von Heimarbeit ähnlich durchdacht, wie überhaupt die Notwendigkeit des Reisens. Eherne Konzepte der Automobilindustrie könnten erschüttert werden. Dieses Jahrzehnt wird auf jeden Fall sehr spannend und schicksalshaft für die Automobilbranche sein.

Die Corona-Krise hat Ihre Geschäftspläne wohl über 2020 hinaus durchkreuzt?

Das Coronavirus sorgt für eine Rezession, die sich eindeutig negativ auf die diesjährigen Aussichten der Automobilindustrie auswirkt. Allerdings hält sich der Rückschlag bei uns wie gesagt in Grenzen, verglichen etwa mit Westeuropa. Wir sehen in Übereinstimmung mit der Vereinigung der ungarischen Fahrzeugimporteure den einheimischen Markt im laufenden Jahr um etwa 30 Prozent schrumpfen. Damit bleiben wir aber noch immer über dem Zulassungsniveau von 2017. Das zweite Quartal bringt einen brutalen Absturz, doch bereits ab dem dritten Quartal rechnen wir mit einer kräftigen Erholung, wobei wir einen Zusammenbruch – wie in der Weltwirtschaftskrise von 2008 erlebt – eindeutig ausschließen. Die weitere Entwicklung ab 2021 hängt von sehr vielen Unbekannten ab, doch grundsätzlich sind wir optimistisch.

Bereitet Ihnen der schwankende Forint Sorgen?

Als Importeur leidet unsere Gewinnspanne unter einem schwachen Forint, wohingegen das Opel-Werk in Szentgotthárd diesen als Chance auffassen kann.

Aus dem Ungarischen von Rainer Ackermann.

Das hier gekürzt wiedergegebene Interview erschien zuerst am 21. Mai im konservativen Wochenmagazin Figyelő.

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