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Das nahe gelegene Naturschutzgebiet Kis Balaton. Foto: Privat

Nach Ungarn ausgewandert: Petra und Wilfried Böske

„Wir leben hier unseren Traum!“

Ich bin in Somogysámson bei Petra und Wilfried Böske zu Gast. Aus dem Storchennest gegenüber der Einfahrt begrüßt mich emsiges Geklapper, vier kleine Schnäbel werden sichtbar, als Papa Storch mit Futter im Schnabel landet.

Petra erzählt mir, dass sie seit diesem Frühjahr von zwei Storchennestern quasi beschirmt werden. Das andere Nest befindet sich auf ihrem Grundstück auf einem abgestorbenen Kirschbaum. „Wir sehen diese beiden Nester als unsere ganz persönlichen Glücksbringer an“, sagt Petra. Sie haben ihre Heimat im Landkreis Vechta (Niedersachsen) schon 2016 verlassen, um hier in Ungarn ein neues Leben zu beginnen. Beide sind 62er Jahrgang und müssen natürlich noch bis zum Renteneintritt im Jahr 2029 weiter arbeiten.

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Die Stuten Carella und Cala auf der Weide, im Hintergrund ist eines der beiden Storchennester zu sehen.

Petra ist Pferdewirtin in der Sparte Reiten. Seit 1997 arbeitet sie hauptberuflich als Reitlehrerin, Wilfried hat einen Meister in Pferdezucht und -haltung.

Wie kam es dazu, dass Sie Deutschland den Rücken kehrten?

Es gab viele verschiedene Gründe, die bei uns überhaupt erst einmal den Gedanken ans Auswandern aufkommen ließen. Einer davon war die Situation in der Landwirtschaft in Deutschland. Wir haben schon immer mit Pferden gearbeitet, Oldenburger Pferde sind unsere Leidenschaft. Wenn man Pferde hält, braucht man Platz für die Tiere, sie müssen Auslauf haben und weiden können. Wenn aber die Landwirte ihre Weiden umbrechen und Weideland immer mehr schwindet, steht man als Tierhalter vor dem Problem, dass man seine Pferde mit dem Anhänger auf kilometerweit entfernte Weiden bringen muss. Eigenes Weideland konnten wir uns nicht leisten und die Preise für Futtermittel stiegen damals schon in ungekannte Höhen.

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Wilfried Böske beim Versorgen der Pferde.

TTIP spielte auch eine Rolle, denn dieses Abkommen ist Ursache dafür, dass es immer mehr Agrarindustrie und immer weniger bäuerliche Landwirtschaft gibt, der Verbraucherschutz auf der Strecke bleibt.

Ein weiterer Grund war die illegale Grenzöffnung von 2015, die zu einer unkontrollierten Zuwanderung von Menschen aus völlig fremden Kulturen nach Deutschland führte. Unser erster Gedanke war, wer das alles bezahlen bzw. woher das Geld dafür kommen soll.

Mit der Aussicht auf eine Armutsrente von unter 500 Euro nach mehr als 50 Jahren beruflicher Tätigkeit und Zuständen, die bei uns mehr als nur ein unbehagliches Gefühl auslösten, war der Gedanke, Deutschland zu verlassen, dann gar nicht mehr so abwegig.

Warum hat es Sie ausgerechnet nach Ungarn verschlagen?

Wir hatten zwei wichtige Kriterien. Unsere zukünftige Heimat sollte ein Land ohne Euro sein und es sollte keine Zuwanderung ohne Einhaltung des Dublin-Abkommens geben. Bulgarien und Rumänien schieden wegen der Entfernung aus, aber auch das Bauchgefühl widersprach diesen beiden Ländern.

Im Januar 2016 brachen wir zu einer Rundreise durch Ungarn auf. Angefangen haben wir in der Gegend um Kecskemét, weiter ging es Richtung Pécs, aber überall war irgendwas, was nicht in unser Konzept passte, oder es passte schlicht nicht in unser Budget. Schließlich kamen wir zur Südseite des Balatons und wurden fündig. Im Februar 2016 stand dann der Entschluss fest, dass wir nach Somogysámson auswandern.

Wie hat Ihre Umgebung darauf reagiert?

Es gab viel Unverständnis, sowohl von der Familie als auch von vermeintlichen Freunden und Bekannten. Ein paar wenige konnten unsere Gedanken nachvollziehen. Dass ich nicht mehr als Trainerin zur Verfügung stehen würde, hat Bedauern und Schmerzen verursacht.

Hat sich der neue Lebensabschnitt so gestaltet, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Abgesehen von ein paar aus Unkenntnis heraus getroffenen Entscheidungen, die uns anfangs etwas zurückgeworfen haben, haben wir keinen Tag bereut, hierher gekommen zu sein!

Zugegeben, die ersten beiden Jahre waren schwer, weil wir einen Teil des zum Grund gehörenden Waldes roden mussten. Die Maßnahmen während der Corona-Zeit haben einen großen Teil unserer Reserven aufgebraucht. Trotzdem hatten wir schon damals das Gefühl, angekommen zu sein.

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Stute Cala mit Fohlen.

Können Sie das ein bisschen näher ausführen?

Wir leben hier unseren Traum. Das Züchten von Dressurfohlen und der Reitunterricht sind das, wofür wir leben, was uns sich jeden Tag wieder in die Arbeit stürzen lässt. Für unsere beiden Zuchtstuten haben wir Offenstall-Haltung und Weide. Wir konnten unsere Ideen bei der Gestaltung des Geländes ums Haus umsetzen, haben einen kleinen Gemüsegarten und ein paar Obstbäume.

In unserem Haus fühlen wir uns sehr geborgen, und hier in Ungarn können wir in Freiheit und Sicherheit leben. Das ist uns sehr wichtig.

In unserem Dorf Somogysámson und in der Umgebung, auch durch Reitschüler und Pferdehalter, haben wir Freunde gefunden, mit denen es einen regelmäßigen Austausch und gegenseitige Unterstützung bei vielen Dingen des Lebens gibt.

Während der Zeit der Corona-Einschränkungen habe ich gelernt, leckeres Brot zu backen, das sich als ein beliebtes Mitbringsel entpuppt hat. Ich bin gerne mal mit dem Fahrrad unterwegs, hole im Nachbarort Eier von freilaufenden Hühnern, fahre gern zum Naturschutzgebiet Kis Balaton (Kleiner Balaton) und genieße die Natur.

Was gefällt Ihnen in Ungarn am meisten?

Auffällig ist, dass die Natur hier (noch) unversehrter ist als in Deutschland. Viele Vogelarten, Insekten und andere Tiere leben in Ungarn noch genauso wie vor etwa 30 oder 40 Jahren in Deutschland. Dieses Jahr haben wir ein bisschen viel Mücken, aber das ist eben Natur!

Unser Eindruck ist, dass es noch viele intakte Familien und Dorfgemeinschaften gibt, Traditionen gepflegt werden und hier auf dem Land jeder den anderen so sein lässt, wie er ist. Wenn jemand erst am Sonntag zum Rasen mähen kommt, beschwert sich niemand oder schickt gar die Polizei.

PETRA BÖSKE ist staatlich geprüfter „Bereiter FN“. Eine weitere Ausbildung erhielt sie in einem Grand Prix Dressurstall, zwei Jahre arbeitete sie in den USA. Während ihrer zehnjährigen Tätigkeit bei Paul Schockemöhle hat sie internationale Springpferde, u.a. von Olympia-Sieger Ludger Beerbaum und Weltmeister Franke Sloothaak geritten. Sechs Jahre lang hat sie die Spring­pferde des japanischen Springreiters Hirokazu Higashira trainiert. Das Team nahm an Olympischen Spielen und einer Weltmeisterschaft (Foto) teil. Ende 1996 startete sie als mobile Reitlehrerin ihre Selbstständigkeit. Seit 2018 gibt sie auch in Ungarn auf Deutsch und Englisch mobilen Reitunterricht. Einmal im Jahr gibt sie auch Reitschülern in Deutschland Unterricht.

Können Sie schon Ungarisch?

(Beide seufzen tief.) Sagen wir so: Wir geben uns Mühe. Die Sprache ist so ungewohnt und es gibt in unserer Umgebung so viele Menschen, die Deutsch sprechen, weil sie deutsche Wurzeln haben oder in Deutschland gearbeitet haben, dass wir unsere wenigen Kenntnisse oftmals gar nicht anwenden können. Wir bekommen regelmäßig Unterricht, aber es ist sehr mühsam.

Bindet Sie noch etwas an die alte Heimat?

Ich fahre einmal im Jahr nach Deutschland, um meine Familie, Freunde und Reitschüler zu besuchen. Selbst in dieser kurzen Zeit wird spürbar, wie sehr sich Deutschland zum Negativen verändert hat. Und jedes Mal stellt sich mir die Frage, weshalb die Menschen nicht wahrnehmen, was in ihrem Land, was mit ihnen passiert. Es scheint niemanden zu interessieren, dass deutsche Politiker bestehende Gesetze brechen. Über Korruption in Ungarn regt man sich auf, aber was deutsche Politiker sich in den letzten Jahren geleistet haben, ohne Konsequenzen dafür tragen zu müssen, kommt wegen der gleichgeschalteten Medien gar nicht erst zur Sprache.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Am meisten liegen uns unsere Stuten am Herzen, die nach einigen Totgeburten nun wieder tragend sind und hoffentlich im kommenden Frühjahr zwei gesunde Fohlen zur Welt bringen werden. Dafür tun wir alles, was in unserer Macht liegt.

Unser Gästehaus möchten wir weiterhin an nette Menschen vermieten, die an Land und Leuten interessiert sind.

Petra fügt noch hinzu: Auch der Reitunterricht in englischer und deutscher Sprache wird mir immer ein Herzensprojekt bleiben, für das ich gerne einige Kilometer fahre.

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Das Gästehaus „Carella“

Das zum Anwesen gehörende Gästehaus Carella ist nach einer der Stuten benannt und bietet bis zu vier Personen ausreichend Platz. Es ist etwa 12 km vom Balaton entfernt. Zur Autobahn M7 sind es rund 5 km, zum Thermalsee Héviz knapp 30 km. Die Übernachtungspreise des Gästehauses gestalten sich saisonbedingt – Dauermiete ist von Oktober bis Ende März möglich. Die Eigentümer wohnen direkt im Haus nebenan und stehen gerne mit Rat und Tat zur Verfügung.

Wie sehen Sie die Berichterstattung über Ungarn und würden Sie unter diesen Umständen anderen Menschen empfehlen, ebenfalls nach Ungarn zu kommen?

Unserer Meinung nach sind die Vorwürfe gegenüber Ungarn völlig haltlos. Im Gegensatz zu Deutschland kann man hier noch offen seine Meinung sagen, regierungskritische Journalisten werden nicht diffamiert und in irgendeine Schublade gesteckt. Soweit wir das beurteilen können, sind die Medien hier nicht gleichgeschaltet.

Wir fühlen uns hier sicher und können jedem nur empfehlen, es einfach einmal selbst auszuprobieren.

Das Dorfhaus von Somogysámson.

 

Weitere Teile der BZ-Serie „Nach Ungarn ausgewandert“:

BZ Magazin 06/2021: Kabarettist Detlev Schönauer

BZ Magazin 18/2022: Ehemalige Kommunalpolitikerin Christiane Wichmann

BZ Magazin 19/2022: Webdesignerin und Biografin Emily Paersch

BZ Magazin 20/2022: Gesundheitsberaterin Dorothea Heinzel

BZ Magazin 21/2022: Zweifache Mutter Conny S.

BZ Magazin 22/2022: Ehemaliger Polizist Klaus Kauder

BZ Magazin 01/2023: Marketingexperte Viktor Végh

BZ Magazin 03/2023: Einwanderungsberaterin Diana Bednar

BZ Magazin 06/2023: Die Handwerkerfamilie Kittel

BZ Magazin 09/2023: Ungarisch-Lehrerin und Übersetzerin Anna Berg

BZ Magazin 11/2023:  Die Familie Scherer

4 Antworten auf “„Wir leben hier unseren Traum!“

  1. Herrlich, einfach wunderbar … da passt doch alles.

    “Auffällig ist, dass die Natur (noch) unversehrter ist als in Deutschland.”
    Stimmt. Nach ein paar Wochen in Ungarn fiel mir auf, dass ich beim Autofahren nicht mehr die Luft aussperre, die von außen ins Auto eindringt, weil es nicht notwendig ist.
    In D. habe ich das schon nach den ersten Sekunden gemacht und den Knopf regelmäßig gedrückt.

    Was die Medien anbelangt kann man feststellen, dass die ungarischen Zeitungen ständig über ungarische Ereignisse berichten und sich nicht ausufernd über fremde Länder auslassen. Das wäre mal ein Tipp für deutsche Medien: berichtet einfach mal nur über Deutschland und haltet ansonsten die Finger still. Versucht es mal einen Monat. Wäre interessant.

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  2. “Deutschland kann man hier noch offen seine Meinung sagen, regierungskritische Journalisten werden nicht diffamiert und in irgendeine Schublade gesteckt.”
    Sagen wir,s mal so: In Ungarn hat die pseudolinke Seite noch relativ gute Chancen, bis zu den Augen und Ohren der Menschen vorzudringen, denn es gibt keine solche Moralpolizei mit Cancelculture wie in der BRD – und die Medienlandschaft ist insgesamt vielfältiger im Sinne von kontroverser. Aber da wo Fidesz die Hoheit hat, so zB bei den staatlichen Sendern M1 bis DunaTV ist fairer Dialog auch sehr selten zu finden. Die Propagandamaschine in der BRD ist aber ungleich aufdringlicher.

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  3. Wenn beim Gespräch über Ungarn jemand mit “blahblubber Meinungsfreiheit, keif, sabber Korruption” kommt, unterlassen wir augenblicklich jeden weiteren Vorstoß, seine Intelligenz zu ergründen. Es ist, als würde ein von Don Corleones Schutzgeldeintreibern schwerst zusammengeschlagener Ristorante-Besitzer sich zahnlos, mit zugeschwollenen Augen über die “Kriminalität” der Hütchenspieler auf der gegenüberliegenden Straßenseite echauffieren.

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