Kabarettist Detlev Schönauer. Foto: Privat

Glosse: Betrachtungen eines Neu-Ungarn, Teil 29

Religionen in Ungarn

Egal, ob man sich die Skyline von Budapest anschaut oder auch einfach nur durch ländliche Dörfer fährt, eines fällt auf: die vielen gepflegten Kirchen. Sind die Ungarn frommer als die Deutschen?
15. Januar 2023 16:00

In dem Zigeunerdorf, in dem wir wohnen, zeigt sich deutlich, dass gerade die Roma besonders gläubige Christen sind. Die Kirchen sind oft rappelvoll. Nach so einem Kirchenbesuch würde sich ein deutscher Priester die geweihten Finger lecken. Denn dort herrscht ja oft gähnende Leere in den Kirchen. So ist in den Frühmessen kaum jemand anzutreffen … Vielleicht kommen am Sonntag mal ein paar ältere Mütterchen. Und das auch nur, weil dann der Doktor zu hat.

Ähnliche Zusammensetzung

Die Zusammensetzung der großen Religionen ist übrigens ähnlich: in Ungarn bekannten sich bei der letzten Volkszählung (2011) 54,4 Prozent zum Christentum, 39 Prozent der Gesamtbevölkerung zu seiner katholischen und 14,2 Prozent zu seiner evangelischen bzw. reformierten Ausprägung.

Der erste ungarische König, der Hlg. Stephan schuf im Jahr 1000 n. Chr. das erste katholische Bistum und begründete den Katholizismus in Ungarn. Im 11. Jahrhundert sind erste muslimische Kaufleute nachweisbar, doch wurden im Jahr 1232 alle Muslime ausgewiesen. Die waren dann 300 Jahre lang wohl ziemlich sauer und kamen schließlich bewaffnet wieder: Als Osmanen besetzten sie ab 1526 große Teile Ungarns, wodurch der Einfluss des Islam stark anwuchs.

Viele christliche Kirchen wurden zerstört oder zu Moscheen umgewandelt. Mit dieser typisch muslimischen Taktik, die schon der Prophet Mohammed in seinen Hadithen für alle Zukunft bestimmt hat, konnte der Islam bereits zahlreiche einst christliche Länder erobern. Derzeit ist in Ungarn keine gesamtgesellschaftliche Neigung zu erkennen, sich erneut islamisieren zu lassen. Mit dieser Religion hat man einfach zu schlechte Erfahrungen gemacht.

Stattdessen sind die Ungarn noch heute sehr stolz darauf, dass sie 1683 die osmanische Herrschaft beenden konnten. Durch die Habsburger nahm dann der Katholizismus wieder überhand, Kaiser Joseph II. ermöglichte in seinem Toleranzpatent 1781 darüber hinaus aber auch anderen Glaubensrichtungen eine freiere Religionsausübung.

Obwohl selber Protestant, erwies Ministerpräsident Orbán als Vertreter eines überwiegend katholischen Landes zusammen mit seiner katholischen Frau dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Anfang Januar die letzte Ehre. Foto: Ministerpräsidentenamt/ Vivien Cher Benkő

Religion ist Privatsache

Nach der Wende 1989 entschied man in Ungarn: Religion ist Privatsache, seither gibt es die freie Religionsausübung: Kirche und Staat sind getrennt. So kennt man hier auch keine Kirchensteuer wie in Deutschland. Dafür gibt es die sogenannte Mandatssteuer. Sie dient sozialen, kulturellen und humanitären Zwecken und kommt auch kirchlichen Sozialeinrichtungen zugute.

Der Steuerzahler bestimmt dabei selbst, wer seinen Steueranteil erhalten soll: ein Prozent der Einkommensteuer geht an eine von ihm gewählte religiöse Gemeinschaft. In Deutschland leiden die klassischen Kirchen dagegen unter den vermehrten Kirchenaustritten, und viele kirchlich-soziale Einrichtungen fürchten um ihre Existenz.

Wir kommen ja ursprünglich aus dem Saarland, wo die Katholiken – wie in Ungarn – die Mehrheit bilden und das Bundesland diesbezüglich sogar den ersten Platz innerhalb Deutschlands einnimmt. Deswegen sind die Saarländer wohl auch etwas sündiger.

Denn bei den Katholiken gibt es diesen genialen Service des Beichtens: innerhalb von 10 Minuten sind gegen Herunterleiern von ein paar Gebeten alle Sünden wie weggeblasen und man kann schön von vorne anfangen. Das ist so eine Art Reset-Taste: durch die Beichte stellt man einfach die Werkseinstellungen wieder her.

Der Autor ist gelernter Diplom-­Physiker, machte dann aber die Musik und die Liebe zur Sprache zu seinem Beruf und wurde Kabarettist. In den vergangenen 40 Jahren stand er mehr als 6.000 Mal auf der Bühne und war in zahlreichen Fernsehsendungen zu Gast. Nebenbei schrieb er sechs Bücher. Seit 2020 lebt er mit seiner Frau in der Nähe des Balaton. Mehr zu Detlev Schönauer finden Sie in diesem BZ-Interview.

3 Antworten auf “Religionen in Ungarn

  1. Durch die Habsburger nahm dann der Katholizismus wieder überhand, …
    Unter den akuten Habsburgern könnte aber aus westlicher Richtung der Islam wieder einmarschieren. Schlawiener und Labanzen haben es nur noch nicht realisiert.

  2. Wenn hier unter der globalen Überschrift Deutschland und Ungarn bezogen auf die Relation der großen Religionen als ähnlich bezeichnet, dann kann man nur leicht lächeln. Ungarn hat wie dargestellt eine Relation von ca. 39 zu 14% und in Deutschland liegen beide ziemlich gleichauf mit ca. 26. zu 23 % !!
    Die Anmerkungen zur Beichte finden wir bei der getroffenen Aussage Ungarn sei katholisch ziemlich unpassend. Ebenso die Aussagen zum Kirchenbesuch in Deutschland!
    Zur Mandatssteuer gehört auch Erklärung, dass sie unabhängig von einer Zugehörigkeit zu einer Religion gezahlt werden muss und deshalb nicht mit der Kirchensteuer vergleichbar ist. u.u.u.
    Auch die Bemerkung zur Mehrheit der Katholiken im Saarland und Ungarn ist irreführend! Wie
    gesagt Ungarn ca. 39 % im Saarland ca. 532%.

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