Glosse: Eindrücke eines Neu-Ungarn
Karneval in Deutschland und Ungarn
In vielen deutschen Gegenden unterwirft man sich in der „fünften Jahreszeit“ dem befohlenen Frohsinn, ob am Rhein, in Franken oder im Alemannischen. Aber auch außerhalb Deutschlands findet man karnevalistische Enklaven.
Winter ade! – und Fleisch gleich ebenso…
Die Ursprünge dieser zeitlich bis zum Aschermittwoch befristeten Kurzweil sind sehr unterschiedlich: vielerorts wird der Winter ausgetrieben, aber auch christliche Wurzeln können eine Rolle spielen, nämlich, dass man vor Beginn der Fastenzeit noch einmal so richtig auf den Putz hauen darf. Darauf weist auch der Ausdruck „Karneval“ hin. In der Fastenzeit vor Ostern soll der reuige Sünder auf Fleisch verzichten („carne valis“ = Fleisch ade!).
Dafür finden sich am Rhein, so etwa in Mainz, eher politische Bezüge, die historisch bedingt sind: Als die französische Armee unter Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts die damalige Kurpfalz besetzte und Mainz einnahm, brodelte es im Volk. Daher ließ man zu, dass sich einmal im Jahr die Menschen über die Besatzer lustig machen durften.
Narrenfreiheit geht flöten
Die äfften dann die Uniformen der verhassten Franzosen nach, woher die sichtbare militärische Aufmachung der Narren herrührt. So ist die bekannte Narrenkappe eine Parodie auf die revolutionäre französische Jakobinermütze. Die ausgelassenen Fastnachter durften sogar verbal aus einem Fass (der Bütt) heraus die Besatzer in gereimten Vorträgen beschimpfen, ohne dass gleich der Kopf ab war.
Leider ist davon heute nicht mehr viel übrig geblieben: Die politische Fastnacht hat sich brav dem „Mainstream“ untergeordnet, wie so vieles andere auch. Nur vereinzelt sieht man bei Motiv-Wagen in den großen Rosenmontagsumzügen noch verhaltene Kritik an „denen da oben“.
Farsang und Busójárás
Wie sieht das nun in Ungarn aus? Denn auch hier wird in manchen Orten jenem feuchtfröhlichen Brauch gefrönt, der hier Fasching genannt wird, auf Ungarisch: „Farsang“. Wobei unklar ist, ob der Karneval durch die vielen Deutschstämmigen importiert wurde, wie vielleicht in Keszthely am Balaton, denn dort gibt es einen Karnevalsumzug mit Kostümen, Musik und Tanz, so wie man ihn auch in vielen deutschen Städten findet.
Dagegen dürfte der berühmte „Busójárás“ in Mohács, der seit 2009 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört, anderen Ursprungs sein. Beim dortigen fünftägigen Maskenkarneval tragen die Narren hölzerne, kunstvoll geschnitzte Masken, die „busós“ durch die Straßen. Das soll auf die Belagerung von Mohács durch die Osmanen im Jahr 1526 zurückgehen.
Sonntags gibt es dann den großen Umzug mit Wagen, zu dem bis zu 60.000 Gäste anreisen. Dabei verscheuchen die schaurigen Masken, versehen mit lauten Rasseln und Ratschen und wildem Geschrei nicht nur bildlich die Osmanen, sondern dazu auch noch gleich das Wetter, denn das Vertreiben des Winters gilt auch als Ursprung dieses interessanten und sehr sehenswerten Brauchs.

Der Autor ist Diplom-Physiker, machte dann aber die Musik und die Liebe zur Sprache zu seinem Beruf und wurde Kabarettist. In den vergangenen 40 Jahren stand er mehr als 6.000 Mal auf der Bühne und war in zahlreichen Fernsehsendungen zu Gast. Nebenbei schrieb er sechs Bücher. Seit 2020 lebt er mit seiner Frau in der Nähe des Balaton. Mehr zu Detlev Schönauer finden Sie in diesem BZ-Interview.
