Nico Kramer und Sabrina Wipperfeld auf der Veranda ihres Hauses. Fotos: Privat

Nach Ungarn ausgewandert: Sabrina Wipperfeld und ihr Freund Nico Kramer

In die schöne Natur Ungarns eingewandert

Ich besuchte Sabrina und ihren Freund Nico mit ihren drei Hunden in ihrem neuen Zuhause in der Nähe von Szabadszállás.
12. November 2023 14:18

Beide leben autark auf einer Erdő tanya (dt.: Waldbauernhof), die einen faszinierenden Charme ausstrahlt. Der Bauernhof ist etwa zwanzig Minuten von nächsten Dorf entfernt. Szabadszállás liegt etwa 80 Kilometer südlich von Budapest.

Warum haben Sie Deutschland verlassen?

Sabrina: Wir haben ein paar Gründe, die nicht unbedingt politischer Natur sind, sondern eher einen allgemeinmenschlichen Hintergrund haben. Die Veränderungen in Deutschland haben aber natürlich auch zu unserer Entscheidung beigetragen.

Ich leide an zwei Krankheiten: komplexe posttraumatische Belastungsstörung und dissoziative Identitätsstörung. Für mich wurde das Rausgehen immer schwieriger. Ich bekam schnell Angst, nicht zuletzt, weil sich die Menschen vor allem in der Coronazeit in den Geschäften anmotzten oder sogar anschrieen. Deutschland entwickelt sich immer mehr zu einer Ellenbogengesellschaft, in der jeder für sich ist und sein eigenes Ding macht. Der Respekt gegenüber anderen sinkt spürbar. Für Ungarn sprach aber auch ein triftiger finanzieller Grund: in Deutschland war es fast unmöglich, ein bezahlbares Haus für uns, meine drei Kinder und unseren Hund zu finden.

Nico: Wir fanden über meine Arbeit ein Haus zur Miete. Es war eine schöne Stadtvilla. Störend war nur, dass die Nachbarn den Kopf schüttelten, wenn wir in unserem Garten Feuer machten und dort kochten. Dabei lieben wir es, im Freien zu kochen und gemütlich im Garten zu sitzen. Die meinten, wie kann man nur in klimaaktivistischen Zeiten ein Feuer machen und bekamen fast einen Herzinfarkt, als wir ein Gewächshaus aufbauten. Wir fühlten uns in den knapp sechs Jahren, in denen wir dort lebten nie, wie zu Hause. Uns wurde immer mehr bewusst, dass wir da nicht reinpassen. Wir schränkten uns in unserem eigenen Garten ein und konnten nicht mehr das machen, was wir wollten…

Das Hauptgebäude des Waldbauernhofs.

Wie sind Sie gerade auf Ungarn gekommen?

Sabrina: Grundsätzlich war erstmal nur die Idee da, auszuwandern. Wir unterhielten uns mit vielen Leuten, wohin man auswandern kann. Wir dachten über verschiedene Länder nach, innerhalb und außerhalb der EU.

Nico: Ich erinnerte mich daran, wie toll und faszinierend ich Ungarn empfand, als ich mir vor etwa 14 Jahren einen Hund aus einer ungarischen Tiernothilfe holte. Dann fuhren wir im März 2023 für vier Tage nach Ungarn an den Balaton. Die ersten beiden Tage waren grauenvoll und zeigten uns nicht das schöne Ungarn. Wir waren in typischen Touristengebieten unterwegs. Schließlich zogen wir mit unserem Wohnmobil weiter durch Ungarn und sahen uns viele kleine Dörfer an.

Wie haben Sie schließlich Ihre Erdő tanya gefunden?

Nico: Über eine Kleinanzeige bei eBay. Dort stöberte ich auf der Suche nach einem Haus herum. Ich habe dann einfach alle interessanten Anzeigen angeschrieben. Ein Mann antwortete mir und wir kamen ins Gespräch. Am Ende hatten wir zwei Häuser zur Auswahl. Das erste Haus war uns zu groß. Dann fuhren wir mit unserem Wohnmobil über enge holprige Feldwege und trafen uns mit dem Vorbesitzer bei dieser Tanya. Wir lauschten in die Ferne und hörten nichts, außer Ruhe und die Natur mit den Grillen, den Vögeln und den durch die Bäume rauschenden Wind. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir entschieden uns noch am gleichen Tag dafür, sie zu kaufen.

Blick in den Garten.

Wie war die Abwicklung des Kaufes?

Nico: Absolut korrekt und echt entspannend. Der Vorbesitzer empfahl uns eine super Anwältin aus Kecskemét, die auch gut Deutsch sprach. Wir haben das volle Programm bei ihr gekauft. Dazu gehört der Hauskauf, die Beschaffung der Wohnberechtigungskarten (ung. lakcímkártya) und alle weiteren notwendigen Behördengänge. Den Vertrag haben wir per Skype unterschrieben, so mussten wir also nicht extra nach Ungarn kommen. Die Anwältin hat uns immer per E-Mail über jeden einzelnen Schritt informiert.

Wie läuft es mit den Nachbarn?

Sabrina: Es ist eine tolle, hilfsbereite und freundliche Gemeinschaft. Wenn der eine etwas hat, was dem anderen fehlt, dann wird ganz locker und ohne Probleme getauscht. Ich kenne das mit dem Tauschen noch aus meiner Kindheit. Bleibt jemand mit dem Auto stecken, dann wird sofort gemeinsam geholfen. Wir haben sogar schon eine Freundin für uns gewonnen. Sie ist Halb­ungarin, spricht aber auch fließend Deutsch und hat uns bei allen anderen Behördengängen geholfen, wo man keinen Anwalt braucht.

Sprechen oder lernen Sie schon Ungarisch?

Sabrina: Ich bin schon ein bisschen am Lernen. Bei Facebook fand ich eine nette ungarische Frau, die Ungarisch unterrichtet. Ich bezahle lieber für ihren Unterricht und kann sie damit unterstützen, als dass ich mich in eine Onlinegruppe mit 20 Personen reinsetze. Seit sechs Monaten habe ich zwei Mal pro Woche bei ihr Unterricht. Inzwischen kann ich mich auf Ungarisch halbwegs verständigen.

Nico: Ich konnte leider noch nicht anfangen, Ungarisch zu lernen, da ich beruflich noch zu oft nach Deutschland muss.

Das Zentrum von Szabadszállás.

Was machen Sie beruflich, wovon leben Sie?

Sabrina: Ich komme aus dem öffentlichen Dienst und beziehe seit sechs Jahren eine Frührente.

Nico: Ich bin bei einer Investment- und Beteiligungs-GmbH als Projektleiter in der Immobilienbranche tätig. Die Firma kauft Grundstücke und wir planen dann darauf Projekte, z.B. Mehrfamilienhäuser. Außerdem werden die Bestandsimmobilien von uns verwaltet. Bei dieser Firma arbeite ich bereits seit sieben Jahren. In der Immobilienbranche bin ich seit 25 Jahren tätig.

Was sind Ihre Ziele hier in Ungarn?

Sabrina: Zur Ruhe kommen. Genießen, was wir hier haben und uns noch aufbauen. Die Menschen und die Kultur hier kennenlernen. Den Nationalstolz der Ungarn zu erleben, ist sehr schön.

Was würden Sie potenziellen Auswanderern mit auf den Weg geben?

Kommt einfach mal für ein paar Tage nach Ungarn. Schaut euch an, wie nett und entspannt hier alles zugeht. Wenn ihr euch dann für Ungarn entschieden habt, ist es wichtig, sich zu integrieren, auch sprachlich. Selbst, wenn es am Anfang noch nicht viel ist. Die Ungarn freuen sich über jedes ungarische Wort von unserer Seite.

2 Antworten auf “In die schöne Natur Ungarns eingewandert

  1. Hier einmal Informationen zu den beliebtesten Auswanderungszielen der Deutschen, damit man die Größenordnung und die Bedeutung der Auswanderung nach Ungarn ein bisschen einschätzen kann:

    Viele Deutsche träumen vom Auswandern. Mehr als jeder 80. Bundesbürger hat einen Wohnsitz im europäischen Ausland. Diese zehn Länder sind bei deutschen Auswanderern am beliebtesten.

    Hunderttausende von Deutschen leben im europäischen Ausland. Ein Nicht-EU-Staat steht dabei in der Popularität ganz oben. In diese europäischen Länder wandern die meisten Deutschen aus.

    https://www.capital.de/leben/top-10-der-ziellaender–wohin-die-deutschen-auswandern-32644490.html

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  2. Ungarn ist das Auswanderungsziel Deutscher, die sich von der Ampel bedroht fühlen, weil sie ihnen immer mehr die finanzielle oder materiellen Grundlagen raubt. Luxus-Migration ist das nicht. Der Wunsch nach einer bezahlbaren Bleibe (Wohnung, Häuschen mit großem Garten) ist hier bedeutend und natürlich der Wunsch, vom linksgrünwoken Treiben räumlich Abstand zu haben.

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