Der ungarische Nationalfeiertag war auch ohne Regenbogenfahnen ein farbenprächtiges Spektakel. Foto: MTI/ Zoltán Máthé

Glosse: Eindrücke eines Neu-Ungarn

Gesunder Patriotismus

Vor ein paar Tagen hieß es wieder einmal: früh aufstehen. Es war ein schöner, sonniger Frühlingstag, genau richtig für einen Nationalfeiertag.

Es war der 15. März, der Tag, an dem man in Ungarn der Revolution von 1848 gedenkt, die den Unabhängigkeitskrieg gegen die Herrschaft der österreichischen Habsburger einleitete.

Ein erhebender patriotischer Moment

Auch ich als deutscher Auswanderer durfte aktiv an der Feier teilnehmen. Schließlich spiele ich Oboe in einem Musikverein, und dieses Orchester begleitet regelmäßig die Feierlichkeiten zu solchen Anlässen. Also hieß es früh morgens um 9 Uhr „Antreten“ auf dem Hauptplatz der Stadt – und das standesgemäß in Vereinstracht.

Es war für mich, das sage ich ganz offen, schon ein erhebender patriotischer Moment, dort mit meinen ungarischen Mitmusikern zu stehen und beim Hissen der Fahne die ungarische Nationalhymne zu spielen.

Die Flaggenparade wurde von einer militärischen Abordnung abgenommen, danach wurde mit Kranzniederlegungen der Gefallenen der Revolution gedacht. Jede Ortschaft steuerte einen Kranz bei, der mit militärischem Zeremoniell niedergelegt wurde und von uns mit ernsten Klängen musikalisch begleitet wurde.

Nach gefühlten 20 Musikeinlagen, die jeweils von einem Trommelwirbel unterbrochen wurden, drohte mir die Puste auszugehen. Es folgte eine Gewehrsalve und ein ohrenbetäubender Salutschuss erschreckte mich so sehr, dass ich fast mein Instrument fallen ließ.

Geschichtsbewusste Ungarn

Trotzdem war es für mich ein besonderer Moment, den man in Deutschland nicht mehr erlebt. Im immer noch patriotisch geprägten Ungarn gehört das zur kulturellen Tradition: Hier ist man sich seiner Geschichte noch bewusst und ehrt das, was frühere Generationen für dieses Land geleistet und aufgebaut haben.

Der ganze Platz war mit ungarischen Fahnen geschmückt, auch wir Musiker trugen alle eine rot-weiß-grüne Kokarde am Revers. Da habe ich schon ein bisschen Wehmut gespürt. Obwohl ich überhaupt nicht rechts bin, politisch in der Mitte stehe, bezeichne ich mich als Patriot und liebe meine Heimat. Aber mit so einer Einstellung würde ich heute im bunten Deutschland als Rechtsradikaler gelten.

Wo sieht man dort noch so patriotische Relikte wie eine Deutschlandfahne? Da bin ich wirklich neidisch auf die Ungarn, die ihren Patriotismus und ihre Heimatliebe hemmungslos ausleben können, während mein eigenes Land von Deutschland- und Heimathassern regiert wird.

In Deutschland: Anbiederung mit neuen Farben

Vieles hat sich geändert. Badete das ganze Land während der Fußball-WM 2006, dem Sommermärchen, noch in einem Meer aus schwarz-rot-goldenen Fahnen, wird sich heute eher der bunten LGBTQ-Kultur angebiedert.

So ist es der Polizei während der bevorstehenden Fußball-Europameisterschaft ausdrücklich verboten, ihre Fahrzeuge und Motorräder mit Deutschlandfahnen zu schmücken, nur die woke Regenbogenfahne darf wehen – und die deutsche Mannschaft läuft in pinkfarbenen Trikots auf, macht Love-Parade im Stadion. Dafür müssen die Jungs diesmal gar nicht mehr schlecht spielen, sie blamieren das Land allein schon durch diese lächerliche woke Montur. Dafür hat die Welt wieder etwas zu lachen – über Deutschland!

Der Autor ist Dip­lom-­Physiker, machte dann aber die Musik und die Liebe zur Sprache zu seinem Beruf und wurde Kabarettist. In den vergangenen 40 Jahren stand er mehr als 6.000 Mal auf der Bühne und war in zahlreichen Fernsehsendungen zu Gast. Nebenbei schrieb er sechs Bücher. Seit 2020 lebt er mit seiner Frau in der Nähe des Balaton. Mehr zu Detlev Schönauer finden Sie in diesem BZ-Interview.

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