Budapest Pride: Einmal im Jahr ist es auf Budapester Straßen etwas bunter als üblich. Foto: BZ / Jan Mainka

Ungarn für Neu-Ungarn, Teil 22

Ferfi*:Nő

Gendersprache in Ungarn? Irgendwie ist in Ungarn die Zeit stehengeblieben, man hat oft das Gefühl, dass viele moderne Errungenschaften hier noch gar nicht angekommen sind.

Alleine die Veredelung der deutschen Sprache durch Gendersternchen, Binnen-I oder dem wohlklingenden Gendergestotter. Da hat man ja in den letzten Jahren in Deutschland eine unglaubliche Entwicklung hingelegt. Für fast jeden diversen Trans-Menschen*in beugt nun ein entsprechender Ausdruck der Ungerechtigkeit vor.

Schließlich ist Deutschland auch Weltmeister in der Zahl einheimischer Geschlechter: über 50 an der Zahl! Homo-, bi-, cis-, trans… dazu noch die ganzen Unterformen: transgender, bigender, pangener, agender, abinär…

Noch gar nicht lange ist es her, dass ich auf einem Amt in Deutschland war und der Herr … nee, besser: der Mensch vor mir nach seinem Geschlecht gefragt wurde. Erst druckste er/sie/es zwei Minuten herum, fragte sich wohl, ob er/sie/es mehr inter oder eher biqueer war …, entfaltete dann aber ein DIN-A4-Blatt, eng beschrieben mit einem Katalog aller zugelassenen Geschlechter, und wählte dann das momentan Passende heraus.

Dass in puncto Geschlechter und Diversität Deutschland eine regelrechte Vorreiterrolle hat, sieht man heute schon im Deutschen Fernsehen, dass man per Satellit auch in Ungarn empfangen kann. Da wird man mit der neuen deutschen Weltoffenheit sogar in Serien konsequent erfreut: im „Tatort”, einer Krimi-Serie, sind neuerdings die Kommissariate schön bunt besetzt.

Nicht nur Kommissar (m) und Praktikantin (w), wie früher… Nein, heute muss mindestens ein Schwuler dabei sein, eine (oder besser zwei) Lesben – wegen der unvermeidlichen Kussszene, dazu – wohl aus Quotengründen – jemand mit schwarzer Hautfarbe und natürlich eine Handvoll Mitarbeiter aus dem arabischen Kulturraum. Ein paar Biodeutsche gibt es auch noch, die braucht man unter anderem für die Rollen der Bösewichter.

Wie ärmlich dagegen Ungarn: nur männliche und weibliche Menschen. Selbst die zahlreichen Kinder behalten stur ihr Geschlecht bis zum Erwachsenenalter bei. Natürlich gibt es da auch schon mal den einen oder anderen Transgender, aber damit nervt man in Ungarn sein Umfeld weniger. Homosexuelle leben still und friedlich, einige von ihnen finden sogar: sicherer als inzwischen im Westen.

Speziell für Homosexuelle gibt es in Ungarn inzwischen die Institution der eingetragenen Lebensgemeinschaft. Einmal im Jahr veranstaltet Budapest sogar eine große Pride-Parade. Das alles wird in Deutschland natürlich nicht an die Große Glocke gehangen. Schließlich hat man sich ja dort darauf geeinigt, dass Ungarn homophob sei. Und dieses mühevoll aufgebaute Image soll schließlich keine Risse bekommen!

Möglicherweise ist an der vergleichsweise übersichtlichen Situation auch die ungarische Sprache schuld, in der es ja nur einen Artikel gibt: „a” oder vor Wörtern, die mit einem Vokal beginnen: „az”. Dieser steht für der, die und auch das! Praktisch, oder? Natürlich unterscheidet man zwischen Mann und Frau, férfi und nő, zwischen Junge und Mädchen, fiú und lány.

Aber für einen biologischen Jungen, der mit vier Jahren bevorzugt mit Puppen spielt, sich im falschen Körper fühlt und lieber Mädchen sein will, aber Angst vor der Operation hat, gibt es im Ungarischen keinen eigenen Ausdruck.

Das ist eigentlich gut so: kein Genderwahn in Ungarn – herrlich. Obwohl ich zugeben muss, dass ich ja selbst ein bißchen gender bin. Doch: ich bin nämlich transfinanziell: ich bin ein Reicher im Körper eines Armen.

Der Autor ist gelernter Diplom-­Physiker, machte dann aber die Musik und die Liebe zur Sprache zu seinem Beruf und wurde Kabarettist. In den vergangenen 40 Jahren stand er mehr als 6.000 Mal auf der Bühne und war in zahlreichen Fernsehsendungen zu Gast. Nebenbei schrieb er sechs Bücher. Seit 2020 lebt er mit seiner Frau in der Nähe des Balaton. Mehr zu Detlev Schönauer finden Sie in diesem BZ-Interview.

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