Éva Fahidi
Éva Fahidi 2022 bei ihrem letzten Besuch auf dem Gelände der ehemaligen Munitionsfabrik in Stadtallendorf. Foto: MS

Nachruf auf Éva Fahidi (1925-2023)

„Auf der Rampe war meine Jugend vorbei“

Am Montagmorgen ist Éva Fahidi gestorben. Sie hat Auschwitz und Zwangsarbeit in Deutschland überlebt. 

Wenn in unserer Gegenwart Formen des Antisemitismus und weitere Anleihen an die dunkelste Geschichte Deutschlands Eingang in den Alltag finden, dann ermahnt uns das Zeugnis von Éva Fahidi von der Hölle auf Erden, dass Geschichte nicht vergeht.

Tod durch Gas oder Arbeit

Als die deutsche Wehrmacht und SS-Einheiten am 19. März 1944 Ungarn besetzten, war Éva Fahidi 18 Jahre alt. Unter der Regie des Leiters des Sondereinsatzkommandos, Adolf Eichmann, zwang Nazi-Deutschland die jüdische Bevölkerung auf dem Land und später auch in Budapest in Ghettos. Mit 151 Zügen wurden in wenigen Wochen rund 440.000 Ungarinnen und Ungarn aus den Ghettos nach Auschwitz-Birkenau geschickt. Éva Fahidi war eine von ihnen.

Ende April 1944 wurde auch Familie Fahidi zum Umzug in das Ghetto in der Serly Ziegelei in Debrecen gezwungen. Der Zug mit Éva und ihrer Familie verließ am 27. Juni die ostungarische Stadt. Nach einer mehrtägigen Fahrt im völlig überfüllten Viehwaggon, ohne Wasser und mit nur einem Eimer als Toilettenersatz, kamen die völlig erschöpften Menschen am frühen Morgen des 1. Juli 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau an. Auf der Rampe führte die Selektion in den sofortigen Tod oder in die Zwangsarbeit, unter Inkaufnahme des Todes.

Éva wurde als arbeitstauglich selektiert; ihre Eltern und ihre kleine Schwester zum Tod in die Gaskammern geschickt. Sie konnte ihre Erinnerungen an die Ankunft in der Todesfabrik erst viele Jahrzehnte später zu Papier bringen und schrieb: „In der Morgendämmerung des 1. Juli 1944 auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau war meine Jugend vorbei. Alles wurde mit einer Handbewegung zunichte gemacht, mit der Handbewegung, durch die Mengele mich auf die eine, meine Eltern und meine Schwester auf die andere Seite schickte.“

Munitionsfabrik statt Musikakademie

Die junge Frau wuchs zunächst im Kreis ihrer gutbürgerlichen Familie in der Nähe von Debrecen auf, hatte Deutsch und Französisch gelernt und wollte nach der Schule auf die Musikakademie wechseln. Sechs Wochen nach ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau wurde sie am 13. August 1944 erneut in einen Viehwaggon gesperrt, mit 999 anderen Frauen von Auschwitz-Birkenau in das Arbeitslager Münchmühle in Stadtallendorf in Hessen deportiert und zur Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik gezwungen. Als Außenlager des KZ Buchenwald dienten notdürftige Baracken mit Wachtürmen und Stacheldrahtzäunen den 1.000 Ungarinnen als Lager.

Die Frauen mussten täglich bis zu 12 Stunden arbeiten und wurden zum Befüllen an den Bombenfüllstellen eingesetzt. Die Arbeit mit giftigen Chemikalien, ohne passende Schutzkleidung, mit Schikanen und Misshandlungen, Bunkerhaft zur Bestrafung und stundenlangen Appellen bei Wind und Wetter, zehrte an den Frauen. Am 27. März 1945 löste die SS das Lager vor den heranrückenden amerikanischen Truppen auf und zwang die Frauen auf einen Todesmarsch. Éva Fahidi konnte dem Treck entkommen, sich verstecken und so die wenigen Tage bis zur Ankunft der Amerikaner überleben.

In den letzten Jahren hat sich Éva Fahidi unermüdlich für den Dialog eingesetzt. In Anerkennung dieser Aktivitäten wurde sie mit der Ehrenbürgerwürde von Debrecen, Stadtallendorf und Weimar geehrt. Um ihr Andenken und ihre Mahnungen zu erhalten, haben wir noch im Juni, in Abstimmung mit Éva, das „Éva-Fahidi-Dialog-Programm“ mit Stadtallendorf und Debrecen ins Leben gerufen. Als Initiatorin ist es mir wichtig, dass wir das Zeugnis von Éva bewahren, weitergeben und Rassismus und Antisemitismus bekämpfen.

Am Donnerstag, dem 14. September um 18 Uhr, findet in Weimar eine Gedenkfeier für Éva Fahidi statt.

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