Fotos: balatonfured.hu

Balatonfüred

Das traurige Ende des „griechischen Dorfs“

Nun wird jener Gebäudekomplex in Balatonfüred abgerissen, der als „das griechische Dorf“ oder Annagora-Park bekannt wurde. Das vor dreißig Jahren als ein schöner Traum geplante Einkaufszentrum am Westeingang der Stadt wurde sehr schnell zum Schandfleck.

Die Stadtverwaltung wollte schon lange das Schicksal des seit Jahren verlassenen griechischen Dorfes regeln, musste sich dafür aber mit drei Dutzend Eigentümern einigen, die auf dem Gelände kleine Geschäfte betrieben. Weil das nicht gelang, wurde beschlossen, einen Teil des Geländes zu enteignen. Wie viel die Enteignung die Stadt kostete, wollte sie niemandem auf die Nase binden – Journalisten des Nachrichtenportals 24.hu fanden es in mühseliger Kleinarbeit heraus.

Laut öffentlich zugänglichen Daten könnten bei insgesamt 46 Auszahlungen rund 240 Mio. Forint (630.000 Euro) gezahlt worden sein, der höchste Einzelbetrag betrug demnach 8,7 Mio. Forint. Die Besitzer wollten deutlich mehr, verloren aber nacheinander vor Gericht. So hatte ein Kläger hier vor fast 30 Jahren eine Räumlichkeit für 3,6 Mio. Forint gekauft, die ihm die Stadt nun für 5 Mio. Forint „abnahm“. Zur gleichen Zeit sind die Immobilienpreise in Balatonfüred aber um das 10- bis 15-Fache gestiegen.

Den Kleinbesitzern gehörten 17 % der Flächen, die Stadt besaß ursprünglich 41 %. Die restliche Fläche war Eigentum der Annagora Market Kft., die von der Logistikgruppe Masped eigens für dieses Projekt gegründet worden war. Laut Bürgermeister István Bóka kaufte die Stadt dieses Gelände der Masped-Gruppe für 430,5 Mio. Forint ab. Demnach zahlte  die Stadt Balatonfüred insgesamt 670 Mio. Forint (1,75 Mio. Euro), um die Flächen zurückzunehmen. Nach Plänen der Stadtverwaltung sollen auf diesem Areal nun langfristig ein großflächiger öffentlicher Park und ein Wohngebiet entstehen.

Ein Dorf für die Händler

Die Geschichte des griechischen Dorfes begann im Jahre 1994, als die Stadtverwaltung den Bau eines „Drive-In-Einkaufszentrums“ auf der nach Tihany führenden Seite der Landstraße 71 plante. Damit wollte man zwei Schandflecken der Stadt auf einen Schlag beseitigen: Die Hangars der ehemaligen Werft für Sportboote und den nahegelegenen Markt in der Huray-Straße. Diese wertvollen Flächen in der Innenstadt von Balatonfüred wurden seither modern bebaut.

Im Jahre 1992 erwarb die Stadt ein 70.000 m2 großes Gelände zur Realisierung eines Einkaufszentrums. Einigen Quellen zufolge betrug der Kaufpreis 30 Mio. Forint, anderen zufolge 42 Mio. Forint, weitere 10 Mio.  wurden für die Landschaftsgestaltung des Gebietes aufgewendet. Nach mehreren erfolglosen Angeboten wurde das Areal im Frühjahr 1994 an die Intell RB Rt. verkauft, um darauf das geplante Einkaufszentrum zu errichten. Der Verkaufspreis betrug 120 Mio. Forint, also ein Vielfaches des für den Erwerb der Flächen gezahlten Geldes. Die Stadt versprach, den Markt in der Huray-Straße bis Ende 1994 zu schließen. Sie verpflichtete sich außerdem, die in den Hangars am Plattenseeufer betriebenen Geschäfte zu schließen.

…doch dann ging das Geld aus

Der CEO der Intell RB Rt., András Joó, stellte seine Pläne in den Regionalmedien anlässlich der Grundsteinlegung Ende August 1994 vor: „Wir bauen das Einkaufszentrum im mediterranen Stil. Wir hoffen sehr, dass unsere Idee eines nachgestalteten griechischen Dorfes positiv angenommen wird.“ Die Kosten wurden auf 800 Mio. Forint veranschlagt. Die Eröffnung war für Juni 1995 geplant.

Im Herbst 1994 wurde klar, dass der Huray-Markt zum Jahresende nicht geschlossen sein würde. Ähnlich verschleppte sich der Abriss der Hangars. Im Mai 1995 wurde deutlich, dass das griechische Dorf nicht zum geplanten Termin fertiggestellt werden kann. Es fehlte Material, aber vor allem war der Intel RB das Geld ausgegangen. Das griechische Dorf lag fortan bei einem Fertigstellungsgrad von knapp 90% zehn Jahre lang brach.

Der alte Huray-Markt und die Hangars wurden im Frühjahr 2000 von der Stadt endgültig liquidiert. Der Verlust etablierter Marktplätze war ein schwerer Schlag für die rund 200 Händler, die ursprünglich in das griechische Dorf ausweichen sollten. Unterdessen zerfielen die Gebäude des griechischen Dorfes zunehmend. Um den beängstigenden Anblick der Geisterstadt zumindest vor Passanten und Autofahrern zu schützen, pflanzte die Stadt eine Baumreihe an der vielbefahrenen Hauptstraße 71. Im Jahre 2001 forderte die Stadt von der zahlungsunfähigen Intel RB Rt. bereits 285 Mio. Forint.

Immer neue Ideen

Das Gelände wurde 2003 von der Masped Capital Rt. gekauft. Die Fertigstellung war für Juni 2004 angekündigt, das Geschäftszentrum sollte nun unter dem Namen Annagora-Park etabliert werden. Aber auch ein Jahr später, Pfingsten 2005 erfolgte die geplante Eröffnung nur teilweise, da ein Teil der Geschäfte wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse nicht öffnen konnte und wollte. Trotz des schwachen Starts waren die Betreiber zuversichtlich, dass die Eröffnung des Aquaparks auf dem  Nachbargelände im Jahre 2006 auch dem griechischen Dorf, das nun Annagora-Park hieß, frisches Leben einhauchen würde. Doch es wurde schnell klar, dass dafür keine große Chance bestand.

Im Jahre 2008 sollte das griechische Dorf als „Sundance Park“ in ein „hochwertiges Hotel- und Unterhaltungszentrum“ umgewandelt werden. Der neue Eigentümer, der  85% der Geschäfte und Restaurants erwarb, wollte Bungalows, ein Hotel sowie ein Unterhaltungs- und Erlebniszentrum schaffen, in dem täglich Konzerte, Unterhaltungs- und Sportprogramme versprochen wurden, während der Einzelhandel nur noch eine Nebenrolle spielen sollte.

Nachdem auch diese Idee scheiterte, versuchte man es 2012 wieder mit einem neuen Stil. Unter dem Namen „Suncity“ wurden allabendlich Konzerte und Partys veranstaltet, die bis zum Morgengrauen dauerten. Das aber wollten die Stadt und insbesondere die Anwohner nicht mehr tolerieren.

Hier befindet sich das griechische Dorf.

Ende der negativen Schlagzeilen?

Die Stadtverwaltung beschloss, dem Areal eine neue Funktion zu geben und die Gebäude abzureißen. Es dauerte nochmals zwölf Jahre, bis die Stadt das Gelände vollständig in Besitz nehmen konnte. Dazu erklärte Bürgermeister István Bóka: „Wir haben beschlossen, einen großflächigen öffentlichen Park auf dem Grundstück anzulegen. Nur ein Zehntel der 4 Hektar großen Fläche darf bebaut werden.“

Vom Abriss der heruntergekommenen Gebäude verspricht sich die Stadt nach so langer Zeit die Chance für eine Neuordnung des Terrains. An der Hauptstraße 71, die quer durch Balatonfüred Richtung Tihany-Halbinsel führt, verschwindet nun endlich ein Schandfleck, der drei Jahrzehnte lang für Schlagzeilen sorgte.

3 Antworten auf “Das traurige Ende des „griechischen Dorfs“

  1. Städtebaulicher und architektonischer Blödsinn. Nur die Politiker und Investoren haben aufgrund fehlender Begabung ein griechisches Etwas hochgezogen, dass keine natürliche Umgebung fand. Sie könnten es ja mal mit was spanischem Versuchen.

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  2. Von dem Artikel werde an den geplanten Stadtteil von Budapest im Stil von Dubai erinnert. Am Geld wird es in dem Fall wohl nicht mangeln.
    Man sollte aber vorher unbedingt den Verlauf von Reisbrett-Stadtteilen überprüfen.
    Ich kenne das z.B. aus Stuttgart hinter dem “Breuninger”.
    In dem dort entwickelten Fussgängerbereich habe ich mich nicht angesprochen gefühlt. Es war nett, es war hübsch, aber die Ladeninhaber standen am Eingang ihrer Geschäfte und haben auf Kundschaft gewartet.
    Irgendwie fehlte der natürlich Zustrom. Es war ein Jammer für alle die mutig investiert hatten.

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