UEFA Nations League
Roland Sallai erzielte das erste Tor – es sollte nicht das einzige bleiben.  Foto: MTI/ Szilárd Koszticsák

UEFA Nations League

Das Waterloo der Engländer

Unglaublich, aber wahr: England-Ungarn 0:4! Die ungarische Nationalelf sorgte damit für Englands größte Heimniederlage seit 1928.

Der Dienstagabend hielt im mittelenglischen Wolverhampton ein Wunder bereit. Ungarn kann wieder Fußball spielen und geht als Tabellenführer in die Sommerpause. Im September darf das Team von Marco Rossi gegen Deutschland und Italien um den Gruppensieg kämpfen.

Vor einem Jahr schrieben wir von einem viel zu kurzen Sommermärchen. Das handelte von einer ungarischen Nationalmannschaft, die sich bei der Fußball-EM gegen Portugal, Frankreich und Deutschland tapfer geschlagen hatte. Die im Vorfeld als aussichtslose Außenseiter bewerteten Ungarn hatten gegen Titelverteidiger Portugal bis in die Schlussphase ein 0:0 gehalten, führten lange gegen Weltmeister Frankreich und brachten die deutsche Nationalelf in München an den Rand einer Niederlage.

Am Ende fehlten nur wenige Minuten zum Weiterkommen aus dieser Gruppe. Zum Auftanken von Selbstvertrauen reichte es allemal. Dann kam der Herbst und England rückte zur WM-Qualifikation in die ausverkaufte Puskás-Arena an. Die Fans warteten mit einer netten Choreographie auf, die an das legendäre 6:3 erinnern sollte.

Die mitgereisten Fans ließen sich nicht provozieren. Foto: MTI/ Szilárd Koszticsák

Außenseiter mit Kampfgeist und Glück

Aber die Botschaft verfing nicht. Der Außenseiter Ungarn hielt eine Stunde tapfer gegen und wurde dann aufgerieben. Die 0:4-Pleite empfanden nicht Wenige als „standesgemäß“. Ungarns Fußball war wieder da, wo er sich seit Jahrzehnten befindet: Mit Kampfgeist und Glück macht man es den Favoriten hin und wieder schwer, so richtig gewinnen können diese Ungarn aber nicht. Franzosen und Deutsche mochten in der EM-Endrunde ins Schwitzen geraten sein, England beförderte die Rossi-Truppe nun zurück in ihre Schublade. Seit 1986 sind die Ungarn nur mehr Zaungäste bei Weltmeisterschaften, auch Katar 2022 findet ohne sie statt.

Mit der „Liga der Nationen“ (UEFA Nations League) hat der europäische Fußballverband freilich einen dritten Wettbewerb geschaffen, der den Ungarn so richtig liegt. Gestartet in „Schublade C“ gelangte die Mannschaft über die Division B in die Eliteklasse, wo man ganz große Gegner vorgesetzt bekam: den amtierenden Europameister Italien, Vizeeuropameister England und gleich wieder die Deutschen. Italien bleibt der WM überraschend fern und baut eine neue Mannschaft auf, England und Deutschland aber verstehen diese Liga als Testspiele für das im November anstehende WM-Turnier.

Marathon für Fußballer

Vier Spiele waren in elf Tagen angesetzt, eine Art Marathon für Fußballer. Ungarn überraschte England zum Auftakt Anfang Juni mit einem verdienten 1:0; Kapitän Ádám Szalai widmete diesen Sieg den 30.000 Kindern, die über neunzig Minuten hinweg lärmend anfeuerten – ein „Geisterspiel“ auf Ungarisch halt. Drei Tage später ging es ernüchternd weiter, beim 1:2 gegen Italien hatten die Ungarn mal wieder keine Chance.

Am Samstag bekam es Deutschland mit einer Kulisse von 55.000 Fans zu tun und durfte sich mit dem 1:1 nach einem frühen Schlagabtausch gut bedient fühlen. So reisten die Ungarn zum abschließenden Spieltag vor der Sommerpause nach England, weiterhin als Außenseiter, aber doch mit dem guten Gefühl, bereits vier Punkte gesammelt zu haben. England stand noch ohne Sieg da, was man an diesem Dienstagabend ändern wollte.

STIMMEN ZUM SPIEL

„Die Ungarn haben Gulasch aus England gemacht.“

„Dieses Spiel war bereits in der 1. Minute entschieden, weil sich unsere mitgereisten Anhänger nicht von den englischen Fans provozieren ließen.“

„Marco Rossi hat bei der ungarischen Nationalmannschaft fantastische Arbeit geleistet.“

„It´s coming HUN!“

„Jetzt gilt es, bescheiden zu sein.“

England früh geschockt

Die Engländer rannten vehement an, nach fünf Minuten rettete Zsolt Nagy für den bereits ausgespielten Torhüter Dénes Dibusz. Kaum war die erste Druckphase überstanden, erkämpften sich die Gäste einen Freistoß, den Dominik Szoboszlai gefährlich in den Strafraum spielte. Ausgerechnet Kapitän Harry Kane verfehlte den Befreiungsschlag, der Ball gelangte zu Außenstürmer Roland Sallai, der diesen ins kurze Eck schoss – 0:1 nach 16 Minuten! Zu diesem Zeitpunkt war die Führung für die Ungarn völlig überraschend.

Nun aber hatten sie die Engländer genau da, wo man sie haben wollte. Mit ihrer massiven Abwehr ließen die Ungarn die Gastgeber immer wieder auflaufen, um dann selbst gefällige Spielzüge zu gestalten. England blieb zwar dominant, brachte aber nur zwei, drei Aktionen gefährlich zum Abschluss. Im Grunde vollbrachte Dibusz bei einem verunglückten Abwehrkopfball von Willi Orbán seine größte Parade an diesem Abend.

Verblüffend abgeklärt

Und dann wechselte der Italiener Rossi die komplette Angriffsreihe aus: Zuerst kam Martin Ádám für Kapitän Szalai, der sich wieder total abgerackert hatte. Ádám setzte seine Körperkraft ein, als Phillips den Ball leichtfertig abprallen ließ. Der Torschützenkönig der ungarischen Liga stürmte aber nicht eigensinnig los, sondern schlenzte den Ball an zwei Engländern vorbei zu Sallai, der nun in perfekter Stürmermanier zum 2:0 abschloss.

Noch verrückter als dieser Spielstand war nur das Gefühl, das die Engländer auf dem Rasen beschlich und ihre ungarischen Gegenspieler übermannte: Es wird ein Sieg für Ungarn! Natürlich bäumten sich die Engländer auf – Kane köpfte einen Ball an die Latte –, aber Ungarn spielte nun verblüffend abgeklärt, mit tollen Ballpassagen und feinen Raffinessen.

Am nächsten Konter waren bereits zwei eingewechselte Stürmer beteiligt: Negos Kopfball wehrten die Engländer zunächst ab, der Ball landete mitten im Strafraum bei Ádám. Der traf erneut die richtige Entscheidung, indem er für den heransprintenden Nagy auflegte, der mit einem straffen Schuss ins kurze Eck das 3:0 erzielte.

Für die Schlusspointe sorgte der Mittelfeldspieler Ádám Nagy, der Dániel Gazdag mit einem akkuraten Pass in die Spur schickte – auch dieser Schuss saß, das 4:0 hatten erneut zwei eingewechselte Spieler zustande gebracht. Aus einem halben Dutzend Torchancen hatten die Ungarn an diesem Abend vier Tore gemacht und England vernichtend geschlagen.

Insgesamt vier Mal durften die Ungarn an diesem historischen Abend jubeln. Foto: MTI/ Szilárd Koszticsák

Die beste Antwort von den „Rassisten“

Kann es eine bessere Antwort auf jene Fans geben, die – wie üblich – die ungarische Hymne auspfiffen, Sprechchöre und Gesänge anstimmten? Jene Hymne, zu der nun auch ein gebürtiger Engländer, der Mittelfeldspieler Callum Styles, die Hand aufs Herz legt. Der nämlich fühlt sich im Land der als Rassisten gebrandmarkten Ungarn durchaus wohl.

Als Sieger sangen die Jungs um Kapitän Ádám Szalai (l.v.) nach dem Spiel gemeinsam mit den Fans die Hymne ein zweites Mal – nun ohne englische Dissonanzen. Foto: MTI/ Szilárd Koszticsák

Im sportlichen Wettstreit konnte Ungarn England dieses Mal klar in die Schranken verweisen: 5:0 Tore und sechs Punkte sind eine Bilanz, die ihresgleichen sucht. Dank dieser Sensation geht Ungarn als Gruppenerster in die Sommerpause, mit einem Punkt Vorsprung vor Deutschland und zwei Punkten auf Italien.

Eigentlich schade, dass die UEFA Nations League unterbrochen wird, da Ungarns Team gerade zur Hochform auflief, endlich sehenswerten Fußball spielt und sogar wieder Tore schießt. Sei´s drum: Während England der Abstieg aus der Elite-Division droht, wird Ungarn am 23. September gegen Deutschland und vier Tage später gegen Italien um den Gruppensieg streiten dürfen.

UEFA Nations League / TABELLENSTAND:
1. Ungarn 7 Punkte (7:3 Tore)
2. Deutschland 6 (8:5)
3. Italien 5 (5:7)
4. England 2 (1:6).

WEITERE SPIELE:
23. September, Leipzig: Deutschland-Ungarn
26. September, Budapest: Ungarn-Italien.

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