Ministerpräsident Viktor Orbán mit dem „Hausherrn“ der Leichtathletik-WM, Sebastian Coe (M.), und IOC-Präsident Thomas Bach (r.), mit dem er am Rande der WM ebenfalls verhandelte. Foto: MTI/ Zoltán Fischer

Nach der Leichtathletik-WM

Kommt nun die Olympia-Bewerbung?

„Auf einmal noch nicht, aber in mehreren Teilen haben auch wir schon Olympische Spiele ausgerichtet.“ Diesen bemerkenswerten Satz formulierte Ministerpräsident Viktor Orbán auf einem Galaempfang für Sportfunktionäre und -diplomaten aus aller Welt im Rahmen der Leichtathletik-WM.
3. September 2023 15:13

Weltmeisterschaften im Schwimmen, Fechten, Ringen und Judo, Europameisterschaften im Handball und Wasserball, mehrere Etappen der Giro d´Italia und das Finale der Europa League im Fußball sowie in Dauerschleife die Final Four der Champions League im Frauenhandball – das sind nur einige der großen Wettbewerbe, die Ungarn in jüngster Zeit mit großem Erfolg organisierte. Nicht von ungefähr hat die Schweizer Kommunikationsagentur BCW Budapest erstmals in die TOP 10 der größten Sportstädte der Welt aufgenommen.

Brite spricht Mut zu

Nun liegen auch noch die neun Tage der Leichtathletik-Weltmeisterschaft hinter dem Land, und die Fachleute schwelgten in Superlativen. Der Präsident des Fachverbands World Athletics, Sebastian Coe, erlebte eine ehrgeizige Stadt und ein ehrgeiziges Land als einen hervorragenden Gastgeber für Wettbewerbe auf höchstem Niveau. Auf der Pressekonferenz zum Abschluss der Leichtathletik-WM konkret dazu befragt zeigte sich der Brite, der als Doppel-Olympiasieger über 1.500 Meter Geschichte schrieb, sicher, dass Ungarn eine beeindruckende Olympia-Bewerbung ablegen könnte. Mehr noch, sagte Coe: „Ich ermutige das Land, sich zu bewerben. Ich kann mich an keine WM mit einer besseren Atmosphäre erinnern.“

Hunderttausende erlebten das „Wunder von Budapest“ live – Olympische Spiele brächten nochmals eine andere Größenordnung. Foto: MTI/ István Derencsényi

Nicht bis ans Ende der Zeit

Solche Worte gehen herunter wie Öl für einen Viktor Orbán, der Budapest und Ungarn auch als Treffpunkt der sportliebenden Welt definiert. Den Traum, einmal die Olympischen Spiele auszurichten, hegt der Ministerpräsident schon seit langem. In einem Interview für die führende Sportzeitung des Landes, Nemzeti Sport, formulierte Orbán vor zwei Jahren: „Die Olympischen Spiele sind ein großartiges Feld für den friedlichen Wettstreit der Nationen… Was kann ein Land wie Ungarn mit zehn Millionen Einwohnern der Menschheit geben? Wirtschaftlich sind unsere Möglichkeiten begrenzt, aber Talente haben wir zur Genüge. Hier zählt nicht die Masse, sondern die Qualität, und Ungarn ist eine der erfolgreichsten Sportnationen.“

An diesen Gedanken knüpfte er am Wochenende an, beim Verweis auf den 8. Platz, den Ungarns Sportler in der Gesamt-Medaillenwertung aller Olympischen Sommerspiele halten. Diese Platzierung wäre anderswo ein Grund zur Freude, den Ungarn verdrießt es jedoch, dass unter den erfolgreichsten Sportnationen einzig sein Land noch nie als Ausrichter der Spiele agieren durfte. Aber auch dazu hat Orbán eine klare Ansicht: „Das kann gewiss nicht bis ans Ende der Zeit so bleiben“, hielt er zum Ausklang der Leichtathletik-WM fest.

Die Infrastruktur steht

Sportökonomen sind sich einig, dass die Infrastruktur für die Ausrichtung Olympischer Spiele hierzulande inzwischen weitgehend vorhanden ist. Neben modernen Fußballstadien landauf, landab, allen voran die imposante Puskás-Arena, gibt es Mehrzweckhallen wie den MVM Dome und die László Papp-Arena in Budapest, die Audi-Arena in Győr, die Veszprém-Arena, herausragende Schwimmbäder wie die Duna-Arena, es gibt erprobte Regattastrecken für die Ruderwettbewerbe in Szeged und Győr und vieles mehr. In diese Liste konnten sich nun Bauten wie das Nationale Leichtathletikzentrum (NAK) einreihen, das für die Wettbewerbe der WM mehr als 30.000 Zuschauern Platz bot, nun aber für Zwecke des Breitensports auf ein bodenständigeres Maß zurückgebaut werden soll. Insgesamt flossen allein für diese Weltmeisterschaft rund 650 Mio. Euro in die Infrastruktur, die Veranstaltungskosten selbst schlugen mit knapp 200 Mio. Euro zu Buche.

Läufer bei der Leichtathletik-WM in Budapest – wirft Olympia seine Schatten voraus? Foto: MTI/ Tibor Illyés

Im kommenden Jahr finden die Olympischen Spiele in Paris statt – für das Datum 2024 hatte sich ursprünglich auch Budapest beworben. Diese Bewerbung zogen die Orbán-Regierung, das Nationale Olympische Komitee (MOB) und die Stadt Budapest (noch unter Oberbürgermeister István Tarlós) im Februar 2017 jedoch einigermaßen überraschend zurück. Damals formierte sich die politische Oppositionsbewegung Momentum, die mit ihrer NOlimpia-Kampagne in nur dreißig Tagen 265.000 Unterschriften für eine Volksabstimmung sammeln konnte. Mit der Ausschreibung des Referendums hätte die junge politische Formation eine große Bühne erhalten, was Orbán, der sich im Frühling 2018 der nächsten Parlamentswahl stellen musste, nach Ansicht von Beobachtern unbedingt verhindern wollte. Offiziell erklärte der Fidesz den Rückzug von der Bewerbung mit dem fehlenden politischen Konsens in der Gesellschaft, Orbán selbst äußerte, eine neu entstehende Partei habe „den Traum von Olympia ermordet“.

Ungarn lassen sich ihren Traum nicht nehmen

Mit der Leichtathletik-WM hat Budapest inzwischen den historisch größten Sportwettbewerb in der Geschichte des Landes absolviert. Mehr als 2.100 Athleten aus 195 Ländern wurden an den neun Wettkampftagen von über 400.000 Zuschauern aus 120 Ländern angefeuert und von 2.500 Freiwilligen rund um ihre Wettbewerbe betreut. Olympische Spiele bringen noch einmal eine andere Dimension mit sich. In Tokio gingen rund 11.500 Sportler aus über 200 Ländern an den Start, die sich im Verlauf von zweieinhalb Wochen bei 340 Wettkämpfen in 50 Disziplinen von 33 Sportarten maßen. Im Anschluss folgte über zwei Wochen hinweg die Austragung der Paralympischen Spiele, mit 4.500 Sportlern aus 160 Ländern.

Der Ministerpräsident meint, Budapest hatte vor sechs Jahren die historische Chance, sich für die Olympischen Spiele 2024 zu bewerben. Die gingen letztlich an Paris. Ungarn hat die Jahre seither aber nicht ungenutzt verstreichen lassen. Es richtet immer größere Wettbewerbe aus, die Zehn- und Hunderttausende Zuschauer aus dem In- und Ausland anziehen. Diese gelangen heute über frisch ausgebaute Schnellstraßen in moderne Hotels am Wettkampfort, wo sie in fantastischen Sportstätten ihre Lieblingssportler live erleben können. Wer mit dem Flugzeug anreist, wird auf einem der schönsten Flughäfen der Region in Empfang genommen. Von dort mit Massenverkehrsmitteln in die Stadt zu kommen oder überhaupt mit der Bahn zu verkehren ist freilich kein Hauptgewinn. Gerade beim Ausbau der Bahninfrastruktur liegt Ungarn weit zurück, doch die Verwirklichung ehrgeiziger Pläne soll hier mittelfristig Abhilfe schaffen.

Orbán ist jedenfalls überzeugt, dass sich die Ungarn ihren Traum von Olympia nicht nehmen lassen. Das MOB will sich dem Vernehmen nach für die Olympischen Spiele 2036 bewerben; nach Los Angeles 2028 und Brisbane 2032 hätte dann wahrscheinlich eine europäische Stadt wieder gute Chancen.

Das Nationale Leichtathletikzentrum – eine weitere imposante Sportstätte in einer imposanten Stadt. Foto: MTI/ Zoltán Máthé

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