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Fußball-Ikone Pál Dárdai: „Seitdem ich drei war, ist die Umkleidekabine mein zweites Zuhause.“ Foto: Árpád Földházi

Interview mit der Fußball-Ikone Pál Dárdai

Niederlagen kann ich nur schwer ertragen

Ein Interview mit dem ehemaligen Trainer der Nationalmannschaft über Familie, den ungarischen Fußball und die Politik.

Sie kommen gerade aus Berlin, um an der Konferenz „Sport und Innovation“ an der Budapester Hochschule für Sport teilzunehmen. Welche Gedanken kreisen Ihnen auf einer so langen Reise durch den Kopf? Oder hören Sie einfach nur Musik?

Zum Musikhören bleibt keine Zeit, ich nutze die achtstündige Fahrt vor allem für Telefongespräche.

Kürzlich endete nach fünfundzwanzig Jahren Ihre Bindung an Hertha BSC. Wie würden Sie die Hertha von 1997 mit jener des Jahres 2022 vergleichen?

Das sind gewaltige Unterschiede, die Welt der 90er Jahre war eine ganz andere. Schon damals hatten wir uns an eine strenge Ordnung zu halten, aber dann begann die technische Revolution, mit Smartphones, GPS und Navigationsgerät, früher unbekannten Begriffen. Auch auf die Ernährung achten Sportler heute weitaus genauer. In der Saison 1999/2000 erreichten wir mit Hertha die Gruppenphase der Champions League und überstanden diese auf dem 2. Platz, indem wir unter anderem den AC Mailand schlagen konnten. Da gab es Perioden, als man uns untersagte, Brot zu essen und Milch oder Bier zu trinken. Gleich nach dem Spiel handelte das Essen aber davon, so viel wie nur möglich an Energie aufzunehmen. So kam es, dass unmittelbar nach Abpfiff des Spiels Pizza für die ganze Mannschaft bestellt wurde. In dieser Hinsicht hat sich die Wissenschaft beträchtlich weiterentwickelt, denn heute achtet den lieben langen Tag ein Ernährungsberater auf die richtige Ernährung der Fußballer, selbst wenn die noch immer am besten wissen, was gut für sie ist.

Früher erzählten Sie einmal, ständig von Ihren Klubkameraden ausgelacht worden zu sein, weil Sie bei jeder Fahrt zum Spiel im Bus oder im Flugzeug einen Apfel aßen. Dass Sie relativ wenig von Verletzungspech geplagt waren, haben Sie mit diesem täglichen Apfel erklärt.

Dabei ist das Rätsel leicht aufgelöst: Ich bin damit groß geworden. Wir hatten am Weinberg jede Menge Obst, Weintrauben, Äpfel und Aprikosen, und daheim stand immer eine prall gefüllte Obstschale auf dem Tisch. Daran sieht man aber auch, dass ich in die Jahre gekommen bin, denn heute inspiriert mich am ehesten der Saft der Trauben: Ich trinke für mein Leben gern Wein.

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„Ich könnte mich den ganzen Tag lang mit Fußball beschäftigen, Gegner analysieren, Spiele anschauen und neue taktische Elemente austüfteln.“ Foto: Árpád Földházi

Sie waren gerade mal einundzwanzig, als Sie die Luft einer europäischen Topliga schnuppern durften.

Das war schon ein zwiespältiges Gefühl. Hier in Ungarn hatte ich mich daran gewöhnt, als herausragendes Talent zu gelten, dann kam ich in die Bundesliga und musste erkennen: Mein Gott, es gibt noch fünf Millionen andere Talente dieses Formats! Da muss man wie beim Navi eine Neukalkulation wagen. Zum Glück gab mir mein Vater jede Menge gute Ratschläge mit auf den Weg. So musste ich schon als kleiner Junge nach jedem Spiel meine Leistung bewerten. Es gab kein Pardon, er ließ es einfach nicht zu, dass ich zu schweben begann. Bei der Jugend hatten wir ein Spiel, dass wir gewannen. Ich konnte zwei Tore zum Sieg beisteuern und ging mit breitem Grinsen vom Platz auf meinen Vater zu, um ihm mitzuteilen, wie klasse ich war. „So, warst Du das?“ – empfing er mich. „Wie viele Bälle hast Du denn erkämpft? Wenn Du das nicht lernst, wirst Du nie ein Profi!“

In der Bundesliga waren Sie endgültig bei den Profis angelangt. Was brauchte es, um sich dort zu behaupten, um einst mit 297 absolvierten Pflichtspielen zur Klubikone aufzusteigen?

Dazu bedurfte es vieler kleiner Momente. Der Sturheit der Szekler etwa (der Vater war Bukovina-Szekler, die Mutter schwäbischer Abstammung/ Anm.d.Red.), und des unbedingten Siegeswillens. Bis zum heutigen Tage kann ich Niederlagen und Misserfolge nur sehr schwer ertragen. Das gilt selbst für Trainingsspiele. Wenn ich schlecht gelaunt nach Hause kam, fragte meine Frau nur: „Warst Du etwa in der Verlierermannschaft?“

Wenn Sie auf Ihre Profilaufbahn zurückblicken, glauben Sie dann, alles aus sich herausgeholt zu haben?

Hätte es mein rechtes Sprunggelenk bei der Vorbereitung der Auswahl auf die Olympischen Spiele nicht so schlimm erwischt, dann hätte ich als Profi mindestens zwanzig Auswahl-Tore mehr erzielt. So aber musste ich im Alter von 23 Jahren darauf umstellen, praktisch mit einem Bein fast anderthalb Jahrzehnte in einer der härtesten Ligen Europas zu bestehen und 61 Einsätze mit der ungarischen Nationalmannschaft zu bestreiten. Aber ich sage Ihnen: Es war gut so, wie es war. Wenn ich mir das genauer durch den Kopf gehen lasse, ist es ein Glück, dass meine Wirbelsäule diese Belastung mitgemacht hat. Ich denke, das hat was mit dem guten Essen auf dem Lande in meiner Kindheit zu tun, das eine gesunde Muskulatur förderte.

Wie sehr ärgert Sie, in einer Zeit bei der Nationalmannschaft gespielt zu haben, deren Kapitän Sie über lange Jahre sein sollten, als praktisch keine Chance auf eine Teilnahme an Weltturnieren bestand?

Trotz der ausbleibenden Erfolge ist die Nationalmannschaft eine große Sache. Ich bin stolz, stabil zum Kader gehört zu haben. Wir sollten dabei nicht vergessen, dass es völlig andere Zeiten waren. Wir bekamen drei Basis-Sets mit Trikot, Hose und Socken, aber schon die Flüssigseife nahm ich von zu Hause mit, denn die Ausstattung musste ich selber waschen. Viel wichtiger aber ist: Schon damals standen großartige Spieler in der Nationalmannschaft, wie Miki Fehér, Zoltán Gera oder Imre Szabics. Aber auch die Nationaltrainer waren ausgewiesene Experten: Imre Gellei war ein großartiger Pädagoge, doch die Auswärtsniederlage in Lettland war sein Schicksalsschlag. Mit Sándor Egervári wurden wir regelmäßig Gruppen-Dritte in der Qualifikation, was heute für die Teilnahme an Europa- und Weltmeisterschaft reichen würde. Und was die Innovationsbereitschaft anbelangt: Mit Erwin Koeman als Nationaltrainer änderte sich praktisch alles. Ich kann der heutigen Verbandsspitze nur meine Hochachtung ausdrücken, denn sie hat professionelle Rahmenbedingungen für ein bestmögliches Abschneiden geschaffen.

Professionelle Bedingungen verlangen auch modernste Stadien. Was halten Sie von Sprüchen, wir sollten an Stelle von Stadien besser Krankenhäuser bauen?

Wir brauchen beides. Ich möchte nicht politisieren, aber es wurden auch Kliniken neugebaut und modernisiert. Was ich ganz sicher weiß: Ungarn hat herausragende Ärzte, die ihre Arbeit gewissenhaft und auf höchstem Niveau erbringen.

Zurück zu Ihrer Laufbahn: Auf die tolle Fußballerkarriere folgte eine herausragende Trainerkarriere. Haben Sie sich darauf schon als aktiver Fußballer bewusst vorbereitet?

Seitdem ich drei war, ist die Umkleidekabine mein zweites Zuhause. Mein Vater nahm mich oft zum Training mit, ich verbrachte jeden Tag zwischen Taktiktafeln. Ich habe die Liebe zum Fußball regelrecht in mich aufgesogen. Am liebsten trainierte ich unter Anleitung von Fachleuten, zu denen man mit Freude ging. Das war nicht nur in meiner Jugendzeit so, sondern auch später, als Profi. Deshalb war für mich die gute Stimmung dann als Trainer ebenso wichtig, wobei ich natürlich auch Disziplin einforderte. Denn der zweite gewichtige Punkt ist die Leidenschaft. Diesen Beruf kann man nur ausüben, wenn man die Leidenschaft dafür mitbringt. Ich könnte mich den ganzen Tag lang mit Fußball beschäftigen, Gegner analysieren, Spiele anschauen und neue taktische Elemente austüfteln. Das erschöpft mich weit weniger, als Interviews zu geben. (Er schmunzelt.) Wer laufend Interviews gibt, kann sich nicht auf seinen Job konzentrieren. Man kann es nicht jedem recht machen, denn irgendwann sind die Akkus leer.

PÁL DÁRDAI wurde 1976 in Pécs geboren. Er bestritt 61 Einsätze für die ungarische Nationalmannschaft und gehörte anderthalb Jahrzehnte zum Profikader von Hertha BSC in Berlin.
Mit 16 Jahren feierte er sein Erstligadebüt beim MSC Pécs gegen Ferencváros. 1995 gehörte er zur Nationalmannschaft, die sich für die Olympischen Spiele in Atlanta qualifizierte – dort war Dárdai verletzungsbedingt aber nicht mehr von der Partie. Nach einem kurzen Abstecher von Pécs in die ungarische Hauptstadt (zum BVSC) verpflichtete ihn 1997 Hertha BSC: Für den Berliner Klub absolvierte Dárdai in der Folge 297 Pflichtspiele, bei seinem Abschiedsspiel 2011 feierten ihn 80.000 Fans frenetisch.
Seine Trainerkarriere begann er 2012 als Cheftrainer der U16 von Hertha. In den Jahren 2014/15 war er Trainer der ungarischen Nationalmannschaft, von Februar 2015 bis November 2021 Cheftrainer bei Hertha. Nach 25 Jahren trennten sich die Wege von Hertha und Dárdai im Einvernehmen. Seine Abfindung belief sich auf einen siebenstelligen Euro-Betrag.

Als Nationaltrainer sorgten Sie für eine Revolution und legten den Grundstein für eine Mannschaft, die 2016 zum ersten Mal nach 44 Jahren die EM-Endrunde erreichte und dort sogar die eigene Gruppe gewinnen konnte. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Wirklich alle, angefangen bei meinem Vater warnten mich, dieses Angebot bloß nicht anzunehmen. Ich aber vertraute meinen Fähigkeiten. Ich kannte alle Spieler des Kaders und war mir sicher, mit ihnen eine erfolgreiche, schlagkräftige Truppe aufbauen zu können. Dabei stand mir neben Imre Szabics jener Tibor Nyilasi zur Seite, der aufgrund seiner Vergangenheit großen Respekt bei allen Spielern besaß und obendrein mit seiner Ausstrahlung und seinem Humor für die richtige Stimmung sorgen konnte.

Wie ist Ihr Verhältnis zum heutigen Nationaltrainer, Marco Rossi?

Wir grüßen uns, wenn wir uns bei Spielen in Székesfehérvár begegnen. Rossi schaut sich viele Spiele von MOL Fehérvár an. Ich tue es, seitdem mein Sohn Palkó dort spielt.

Was sagen Sie zu den großartigen Erfolgen der Nationalmannschaft?

Mein Respekt gilt dem Fußballverband MLSZ, der alle Voraussetzungen für ein gutes Abschneiden geschaffen hat. Das Abschneiden in der UEFA Nations League ist großartig, nun muss die Zielstellung lauten, die nächste EM-Endrunde unbedingt zu erreichen. Da passen Niederlagen wie das doppelte 0:1 gegen Albanien bei der letzten WM-Qualifikation nicht ins Bild. Im Übrigen spielte die ungarische Nationalmannschaft schon immer gegen große Teams am stärksten.

Das 4:0 in England war ein historischer Sieg. Kapitän Ádám Szalai war so von seinen Gefühlen überwältigt, dass er Ministerpräsident Viktor Orbán in die Kabine einlud, um den Spielern persönlich gratulieren zu können. Hätten Sie als Kapitän das Gleiche getan?

Ich finde nichts Anstößiges daran. In Deutschland ging Bundeskanzlerin Angela Merkel nach besonderen Spielen immer wieder mal in die Kabine der Nationalelf. Das ist eine normale und schöne Geste, die den nationalen Geist der Spieler beflügelt.

Was halten Sie von der zunehmenden Vereinnahmung des Fußballs durch die Politik, mit Woke-Gesten wie dem Niederknien?

Solche Dinge entscheiden die Nationalverbände oder einzelne Klubs. Es ist ein Grundsatz, dass wir die Meinungen anderer akzeptieren. Das gilt genauso für alltägliche Dinge, etwa ob jemand seine Suppe heiß oder kalt ist – ich esse zum Beispiel nur Obstsuppe kalt. In dieser auf den Kopf gestellten Welt ist es wichtig, einander zu respektieren, denn das Leben ist zu kurz, als sich über solche Dinge zu streiten.

Ihre drei Jungs sind wenig überraschend genauso dem Fußball verfallen, wie der Vater. Der inzwischen 23-jährige Palkó hat sich einen Stammplatz in Székesfehérvár erkämpft, viele Stimmen fordern ihn bereits in die Nationalmannschaft. Es wirkt schicksalshaft, dass er ausgerechnet in der Konferenzliga in Köln am stärksten spielte und ein Traumtor erzielte. Nach dem Spiel lautete seine erste Erklärung, hoffentlich ist sein Vater stolz auf ihn, mit dem er auf den Erfolg anstoßen werde…

Natürlich bin ich stolz auf ihn. Aber Palkó trinkt nie Alkohol, also habe ich seinen Wein gleich mitgetrunken. (Er lacht.) Spaß beiseite, ich habe nie Lobbyarbeit für ihn betrieben. Mein einziger Ratschlag lautete, er solle sich immer Klubs suchen, die ihn regelmäßig zum Einsatz kommen lassen. Bei MOL Fehérvár ist nicht mehr und nicht weniger passiert, als dass ein junger Spieler geschickt in die Mannschaft eingebaut wurde, der nun gereift ist.

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„Es war gut so, wie es war. Wenn ich mir das genauer durch den Kopf gehen lasse, ist es ein Glück, dass meine Wirbelsäule diese Belastung mitgemacht hat.“ Foto: Árpád Földházi

Der 20-jährige Márton ist wider Erwarten bei Hertha BSC geblieben.

Die Ablösesumme war zu hoch und er hatte viel mit Verletzungen zu kämpfen. Zwischen 16 und 19 Jahren wuchs er sehr schnell, was junge Spieler zurückwirft. Mein Rat an ihn lautete, sich auf keinen Fall ausleihen zu lassen. Wenn ein anderer Klub ihn haben will, soll der das Geld auf den Tisch legen.

Sie haben nicht nur einmal gesagt, unter Ihren Söhnen ist der heute 16-jährige Bence das größte Talent.

… und die größte Klappe hat er auch! Er spielt bei der U19 von Hertha BSC, wo er als Jüngster häufig das Rückgrat des Teams bildet. Er ist gerade im Wachsen begriffen, weshalb ihm mitunter die Koordination fehlt, aber es wird schon wieder.

Was fangen Sie eigentlich mit Ihrer Freizeit an, die Sie ja nun reichlich haben?

Meine Bindung zum Fußball bleibt doch! Meine drei Jungs lassen mir nicht viel Freiraum, jedes Wochenende stehen drei Spiele an.

Damit wir uns keine Sorgen um Sie machen müssen: Für den Balaton-Urlaub blieb auch in diesem Jahr wieder Zeit?

Wenn ich in Ungarn bin, heißt das beinahe ausschließlich – sofern nicht gerade ein Spiel von Palkó angesetzt ist – Zamárdi am Balaton. Nach Pécs zieht uns nichts mehr, nach dem Tod meiner Eltern kommen dort nur schmerzliche Erinnerungen auf. In Zamárdi dagegen gehört uns die Welt, mit gutem Essen, Weinabenden bei Sonnenuntergang und manchmal auch Angeln.

Sie sagten einmal, am liebsten wären Sie Trainer beim Zweitligisten Siófok. Da könnten Sie mit dem Fahrrad hinfahren.

Man macht gerne solche Witze, aber Sie wissen ja: Man weiß nie, was das Leben bereithält.

Aus dem Ungarischen übertragen von Rainer Ackermann.

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