Ungarn bei der Fußball-Europameisterschaft
Ein zu kurzes Sommermärchen
Die EURO 2020, die wegen der Corona-Krise um ein Jahr verschobene Fußball-Europameisterschaft, geht ins Viertelfinale. Die ungarische Nationalmannschaft ist im Gegensatz zur Endrunde 2016 in Frankreich dieses Mal gleich nach der Gruppenphase nur noch Zuschauer, und auch die Puskás-Arena in der ungarischen Hauptstadt ist nun wieder verwaist. Insgesamt vier Spiele erlebte das imposante Stadion, der einzige unter einem Dutzend Austragungsorten, wo die Gesundheitsbehörden volle Ränge gestatteten. Gegen Portugal, den amtierenden Europameister, und gegen Frankreich, den amtierenden Weltmeister, durften rund fünfundfünfzigtausend Zuschauer ihrer Mannschaft den Rücken stärken – eine Geräuschkulisse wie im Orkan entließ einen Griezmann nach neunzig umkämpften Minuten mit der schüchternen Aussage: „Wir hörten unsere eigenen Stimmen nicht.“
Wer nicht geimpft ist
Dass nach den dunklen Corona-Zeiten wieder Zuschauer in die Stadien gelassen wurden, bedeutete natürlich eine Herausforderung für die des Lärms entwöhnten Spieler. Die Rückendeckung für die eigene Mannschaft war mit Abstand in Budapest am beeindruckendsten. Ähnlich gute Stimmung von den Rängen kam bestenfalls noch in Kopenhagen (einer mit zwanzigtausend Fans halb besetzten Arena) und in Amsterdam (wo fünfzehntausend Zuschauer nur jeden vierten Platz belegten) auf. London, München, Rom oder Sevilla waren derweil weit von Fußball-Feststimmung entfernt. Weil die UEFA mit einer Verlegung drohte, stockte die britische Regierung die Zuschauerzahlen für den weiteren Turnierverlauf immerhin deutlich auf: Das Achtelfinalspiel gegen Deutschland begleiteten am Dienstagabend bereits mehr als vierzigtausend Fans live im Wembley, für die „Finalrunde“ der besten vier europäischen Teams sollen sogar sechzigtausend Zuschauer zugelassen werden.
Dabei grassiert die Delta-Variante des Coronavirus derzeit (auch) in Großbritannien, wo sich die Zahl der Neuinfektionen trotz fortgeschrittener Durchimpfung der Bevölkerung praktisch im Wochentakt verdoppelt. Da mehren sich kritische Stimmen, die Sicherheitsvorkehrungen reichten nicht aus. Eine Maskenpflicht im Stadion wiesen die ungarischen Behörden für Budapest jedenfalls mit dem Argument zurück, dorthin gelangten ausschließlich Anhänger mit Immunitätsnachweis. Tatsächlich gab es nur vereinzelt positive Schnelltests ausländischer Gäste, woraufhin (ungeimpfte) Minderjährige von den Nachbarplätzen im Stadion in Quarantäne mussten.
Die deutsche Virus-Überempfindlichkeit teilt man in Ungarn jedenfalls nicht. Die Logik dahinter ist, dass die Regierung bis in den Mai allen (erwachsenen) Bürgern, die das wünschten, ein Impfangebot machen konnte. Die freiwillige Impfung wurde in der Zwischenzeit selbst für 12-18-Jährige möglich. Wer heute in Ungarn nicht geimpft ist, der will nicht geimpft sein. Von Großveranstaltungen werden die Impfverweigerer ferngehalten, die anderen sollen einen unbeschwerten Sommer genießen dürfen.
Jubel ohne Torschuss
So reisten denn auch mehrere tausend (geimpfte) Fans zum Anfeuern des ungarischen Teams beim finalen Gruppenspiel nach München, während erneut eine große Mehrheit in der Puskás-Arena das Spiel Portugal-Frankreich begleitete. Diese Massen waren übers Handy stets im Bilde, wie es im Parallelspiel in München steht. Das sorgte für kuriose Momente in Budapest, als Tausende auf den Rängen jubelten, ohne dass Ronaldo, Benzema & Co. auf dem Rasen einen Torschuss abgegeben hätten. Denn in München stand es nicht einfach nur gut für die ungarische Mannschaft, da bahnte sich ein Fußballwunder an. Praktisch mit der ersten Chance hatte Szalai unhaltbar für Neuer zum 1:0 in der 11. Minute eingeköpft.

Die Konstellation im Vorfeld war eindeutig: Die Ungarn besaßen nach dem 0:3 zum Auftakt gegen Portugal und dem sensationellen Punktgewinn beim 1:1 gegen Frankreich nur noch eine einzige Chance zum Weiterkommen; sie mussten ihr drittes Spiel unbedingt gewinnen, denn ein Unentschieden hätte in jedem Fall den 4. Platz in der Gruppe und damit das Ausscheiden bedeutet. Und Kapitän Szalai machte es vor, indem er gleich den ersten geeigneten Ball – nach sauberer Flanke von Sallai – im deutschen Kasten versenkte. Diese Aufgabe war gegen den vormaligen Weltmeister also schneller erfüllt, als man sich das hätte erträumen wollen. Beinahe noch beeindruckender aber war, wie souverän die Ungarn die Führung hielten.
Schon gegen Frankreich hatten sie diese Rolle spielen dürfen, als der amtierende Weltmeister beim Doppelpassspiel zwischen dem Stürmer Sallai und Verteidiger Fiola Letzteren nicht so recht ernst nehmen wollte, woraufhin sich Fiola ein Herz nahm, in den Strafraum marschierte und einmal dort angelangt aus Nahdistanz ins kurze Eck einschoss. Das geschah unmittelbar vor dem Seitenwechsel; die Führung gegen Frankreich sollte bis zur Mitte der 2. Halbzeit halten, als die Innenverteidiger eine Eingabe von Mbappé unterliefen und Griezmann unbedrängt zum 1:1 einschießen konnte. Tatsächlich erzielten die Deutschen ihren Ausgleich praktisch zur gleichen Zeit, leider nachdem Torhüter Gulácsi eine Flanke falsch einschätzte.
Ehrbezeigung der Deutschen
Lange blieb den ungarischen Fans in München und Budapest gar keine Zeit, Trübsal zu blasen: Gleich nach dem Anstoß legte Szalai zu Schäfer auf, der den eigentlich zu weit vorgelegten Ball nur mit einem Hechtsprung erreichen konnte – weil aber auch Deutschlands Keeper Neuer patzte, köpfte nun der ungarische Mittelfeldspieler ins leere Tor ein. Was für ein Schlagabtausch! Die Ungarn hatten auf den Schock des unglücklichen Ausgleichstreffers im Handumdrehen reagiert, die Deutschen brauchten beinahe eine Viertelstunde, um sich von der kalten Dusche zu erholen. In der Schlussphase gelang Goretzka nach mehreren abgewehrten Bällen mit einem straffen Distanzschuss irgendwie noch der Ausgleich.

Wie schwach die Weltmeister-Elf von 2014 auf den Beinen stand, zeigte sich in den letzten Minuten bis zum Abpfiff: Statt den Außenseiter Ungarn nun Schachmatt zu setzen, „versteckten“ die deutschen „Superstars“ den Ball lieber, bloß um nicht wie einst Portugal ein drittes ungarisches Gegentor einstecken zu müssen. Das wäre dann wohl zu viel des Guten für die Deutschen gewesen. Wer sich diese letzten Minuten anschaute, ohne den Spiel- und den Turnierstand zu kennen, musste glauben, Ungarn wäre das Super-Team, dem das kleine Fußball-Deutschland mit viel Glück ein Unentschieden abzuringen vermochte. Mehr Ehrbezeigung ging kaum.
Beweis antreten im September
Und in der Tat waren nach Abpfiff die im internationalen Fußball weitgehend unbekannten Spieler Ungarns zutiefst enttäuscht, nach dieser Gruppenphase auszuscheiden. Wer geglaubt hatte, Ungarn würde keinen Fuß auf den Boden bekommen und zu mehr als Bunkerfußball ohnehin nicht imstande sein, der sollte sich die folgende Statistik auf der Zunge zergehen lassen: Gegen Portugal, Frankreich und Deutschland lag Ungarn über 297 gespielte Minuten (einschließlich Nachspielzeit) insgesamt nur 12 Minuten im Rückstand. Konkret trat diese Konstellation allein gegen Titelverteidiger Portugal ein. Im Auftaktspiel hätte das Team des Italieners Marco Rossi vielleicht souverän das 0:0 halten können, wenn der Nationaltrainer in der Schlussphase nicht alles auf eine Karte gesetzt hätte, in dem Glauben, Ungarn könnte sich alle drei Punkte sichern. Frankreich wurde durch die brutale Kulisse gelähmt, das Unentschieden im zweiten Spiel ging vollkommen in Ordnung. Deutschland beendete das Sommermärchen der Ungarn, weil sich zu Kampfgeist und Cleverness auf Seiten des Gastgebers das nötige Glück gesellte.
Ungarns Nationaltrainer Marco Rossi zu den einzelnen Spielen:
…nach dem 0:3 gegen Portugal:
„Die Jungs haben alles gegeben und bis zur 84. Minute gegengehalten. Wenn wir so Fußball spielen könnten, wie wir von unseren Fans angefeuert werden, müssten wir reihenweise gewinnen.“
…nach dem 1:1 gegen Frankreich:
„Das ist einer der schönsten Tage meiner Trainer-Laufbahn. Bislang durfte ich mir die EM nur im Fernsehen anschauen, nun aber fühle ich mich mit meinen 56 Jahren und diesem Team wie ein Kind im Vergnügungspark.“
…nach dem 2:2 „verlorenen Endspiel“ gegen Deutschland in München:
„Wir sind technisch weniger beschlagen. Aber es zählen auch andere Faktoren, zum Beispiel die Taktik, und dass unsere Spieler füreinander kämpfen.“
Ungarn verabschiedete sich also auf dem „vorhergesagten“ 4. Platz aus der sogenannten Todesgruppe. Um dann mit ansehen zu müssen, wie im Achtelfinale alle Gruppengegner nach Hause geschickt wurden: Belgien bezwang Titelverteidiger Portugal 1:0, die Schweiz begrub Frankreichs EM-Titelträume selbst noch nach einem Zwei-Tore-Rückstand und Verlängerung im Elfmeter-Krimi, für Deutschland bedeuteten England und das Wembley-Stadion mit einem glatten 0:2 die Endstation. Anfang September dürfen die Ungarn gerne beweisen, dass sie es besser können: In der WM-Qualifikation wird dann England zu Gast in der Budapester Puskás-Arena sein.
