Torwart Gábor Király in seiner aktiven Zeit bei TSV 1860 München. Foto: TSV 1860 München

Interview mit dem ehemaligen Profifußballer Gábor Király

26 Jahre an der Spitze

Kaum ein Spieler hat die Torwartposition in Ungarn so sehr geprägt wie Gábor Király. Bekannt war er neben seinen Glanzparaden auch für seine graue Jogginghose, die ihm europaweiten Ruf bescherte.
23. April 2022 15:55

Er verbrachte viele Jahre im Ausland und spielte unter anderem für deutsche Mannschaften wie Hertha BSC, Leverkusen und TSV 1860 München. Die Budapester Zeitung traf sich mit ihm in Szombathely, um über seine Profikarriere und die Zeit danach zu sprechen.

Talent ist nicht alles

„Ich wollte schon immer Torwart werden“, erzählt Gábor Király. In jungen Jahren interessierte er sich für viele verschiedene Sportarten. Er probierte sich in Handball und im Hochsprung aus. Schon damals liebte er den Wettbewerbsgedanken und glaubte an harte Arbeit: „Das versuche ich heute auch an die Kinder und Eltern weiterzugeben. Es reicht nicht nur, talentiert zu sein, wenn man nicht zum Training kommt und nur zu Hause rumsitzt“, unterstreicht Király. Die harte Arbeit hat sich zumindest bei ihm ausgezahlt. Insgesamt absolvierte er 882 Profispiele.

Seine Karriere begann er in seiner Geburtsstadt bei Haladás Szombathely, wo er mit 17 Jahren sein Profidebüt bei der ersten Mannschaft hatte. 1997 wechselte er nach Deutschland zu Hertha BSC. Unterstützt wurde er dabei von Pál Dárdai. „Pál und ich kennen uns, seit wir 12 Jahre alt waren. Er ging zuerst zur Hertha, und als er uns in Ungarn besuchte, schwärmte er von den Hauptstädtern“, erinnert sich Király.

Foto: TSV 1860 München

Dárdai sei von den Menschen und der Stadt begeistert gewesen. Der erste Kontakt zu Hertha entstand aus einem Scherz heraus: „Ich hatte Pál gesagt, wenn es dort wirklich so viel besser ist, dann sollte er auch mich holen. Das hatte ich aber nicht ernst gemeint“, erzählt der Fußballstar schmunzelnd. Doch irgendwann rief Dárdai ihn an und Király wurde zu einem dreitägigen Probetraining eingeladen.

Ab nach Berlin

Nachdem der Berliner Trainer zufrieden war, unterzeichnete Király den Vertrag und wechselte zu Hertha BSC. Als er seine Heimat verließ, war er voller Euphorie: „Natürlich habe ich ein wenig Zeit gebraucht, um mich an die Großstadt zu gewöhnen. Ich wollte mich schnell integrieren und fing sofort an, Deutsch zu lernen. Schon in den ersten Wochen konnte ich mich auf dem Platz verständigen.“

Begeistert erzählt der ehemalige Nationalspieler von den verschiedenen Kulturen, die er in Berlin kennenlernte, und von den vielen Landsleuten, die er im Ausland traf: „Ich habe immer gute Erfahrungen mit den dort lebenden Ungarn gemacht. Egal in welchem Stadion ich war, es gab immer eine ungarische Flagge oder ein nettes Wort, was mir auf Ungarisch zugerufen wurde. Ich habe immer gesagt, dass man als Profi nicht nur ein Land, sondern eine ganze Nation vertritt.“

In der Saison 1998/99 war Király statistisch der beste Torhüter der Bundesliga. Er kassierte die wenigsten Gegentore und vereitelte die meisten Torchancen. Somit hatte er einen großen Anteil am erfolgreichen Abschneiden der Berliner (3. Platz). In der Bundesliga hütete er 198-mal das Tor der Herthaner und kam 13-mal im DFB-Pokal zum Einsatz. Im UEFA-Pokal wurde er 20-mal eingesetzt. Außerdem bestritt er in der Saison 1999/2000 für Hertha zwölf Champions-League-Spiele.

Aller Abschied ist schwer

In den Jahren bei Hertha wollten fast zehn große Klubs den Ungarn für sich gewinnen, doch die Herthaner ließen ihn nicht gehen. Auf die Frage, wieso er 2004 dann doch den Verein verließ, antwortet Király: „Dieter Hoeneß, der damalige Manager, wollte mich unbedingt behalten. Aber er meinte, dass ich als freier Spieler gehen kann, wenn ich den Vertrag nicht unterzeichnen möchte.“

Mit den Fans hatte Király immer eine enge Verbindung und wurde für seine ruhige Art sehr respektiert. Foto: TSV 1860 München

Laut eigenen Aussagen habe Király einen sehr korrekten Vertrag von Hertha bekommen, aber trotzdem dankend abgelehnt: „In sieben Jahren konnte ich bei Hertha alles zeigen. Sowohl Paraden als auch meine Fehler. Damals haben alle von der Premiere League geschwärmt, ich wollte mich dort unbedingt ausprobieren,“ erklärt er.

Lange Zeit tat Király sich schwer, Deutschland zu verlassen, da er sowohl das Land als auch die Stadt Berlin lieben gelernt hatte. Doch nach sieben erfolgreichen Jahren bei den Herthanern wechselte er auf die Insel zu Crystal Palace: „Das war der perfekte Zeitpunkt für den Wechsel. Mir war es immer egal, wo ich Torwart bin, da ich ohnehin immer alles geben wollte. Aber es war Zeit für neue Impulse und für eine neue Sprache,“ meint er.

„Ich glaube an die harte Arbeit“

Seine dritte Station als Profi war der Traditionsklub Crystal Palace. Als Király seine Heimatstadt verließ, war ihm von Anfang an klar, dass er sich bei mehreren Vereinen unter Beweis stellen möchte. Auf die Frage, welche Unterschiede er zwischen Deutschland und England wahrnahm, antwortet Király: „Ich musste mich in England anpassen und mich deutlich umstellen. In der Bundesliga musste ich häufiger mitspielen, in der Premiere League war ich eher ein klassischer Torwart. Ich wusste, dass sich nicht die Umstände an mich anpassen.“ Nach Crystal Palace spielte Király in England auch für Klubs wie Fulham, West Ham United und Burnley.

Die deutsche Mentalität stand Király schon immer sehr nah, er war von seiner Heimat nicht so weit entfernt, was dem heute 46-Jährigen sehr wichtig war. Doch auf der Insel benötigte er ein wenig Eingewöhnungszeit: „Natürlich war auch der englische Humor sehr gewöhnungsbedürftig, aber auch dort habe ich schließlich meinen Platz gefunden. Trotz allem kann ich mich mit der deutschen Disziplin und Präzision sehr gut identifizieren,“ sagt er heute.

Schnell wurde Király auch in England zum Publikumsliebling. Leider konnte auch er in der Saison 2004/05 den Abstieg nicht verhindern. Die Fans waren jedoch sehr dankbar: „Ich habe bei Hertha gelernt, bei gewonnenen Spielen nicht zu sehr zu feiern, weil schon das nächste Spiel ansteht. Ähnlich verhält es sich mit den Emotionen nach einem verlorenen Spiel. Diesen Kreislauf habe ich verinnerlicht. Ich glaube an die harte Arbeit, vielleicht haben die Fans das auch gesehen und an mir gemocht.“

GÁBOR KIRÁLY wurde am 1. April 1976 in Szombathely geboren. Ab 1993 hütete er das Tor seines Heimatvereins. Nach vier Jahren wechselte er zu Hertha BSC, wo er sieben Jahre lang spielte. 2004 wechselte er nach England, wo er neben Crystal Palace auch für den FC Fulham, den FC Burnley und für West Ham United auflief. 2009 kehrte er nach Deutschland zurück und spielte fünf Jahre für den TSV 1860 München. 1997 wurde Király erstmals in die Nationalmannschaft berufen und absolvierte für sein Heimatland 107 Länderspiele. Er spielte auch bei der Europameisterschaft 2016 eine entscheidende Rolle und wurde der älteste Spieler bei einer EM-Endrunde. 2019 beendete er seine aktive Karriere als Profifußballer bei Haladás Szombathely und konzentriert sich seitdem auf die „Király-Sportanlage“ (kiralysportletesitmeny.hu).

Zur Spielzeit 1997/98 schloss sich Király dem deutschen Bundesligisten Hertha BSC an und wurde erster Torwart. Foto: Hertha BSC

Das erste Mal in der Nationalmannschaft

1997 wurde Király in die ungarische Nationalmannschaft berufen. Sein erstes Spiel für sein Heimatland bestritt er gegen Österreich und meisterte es sehr erfolgreich. Er konnte sogar einen Elfmeter parieren und so der Mannschaft zum 3:2-Sieg verhelfen.

„Eine Nation zu vertreten, ist auch immer eine große Last, die man tragen muss. Unsere Fans reisten mit 48 Bussen nach Österreich und ich wusste nicht, wie sie auf mich reagieren werden. Doch meine Freude und die Erleichterung nach dem Spiel war so groß, dass mir die Tränen kamen,“ erzählt Király.

Für den Ungarn war das ein überwältigendes Gefühl und die Fans schlossen ihn direkt ins Herz. Sie riefen das ganze Spiel hindurch seinen Namen. Bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich wurde er als Stammtorwart in das Aufgebot Ungarns aufgenommen und stand bei allen Partien im Tor. Er löste damit Lothar Matthäus als ältesten Spieler bei einer EM-Endrunde ab.

„Der Glaube, dass man es irgendwann zu einem großen Turnier schafft, war immer da,“ sagt Király. Der damalige Nationaltrainer war ein alter Weggefährte von ihm: Pál Dárdai. Er lud ihn wieder in die Nationalmannschaft ein: „Wir haben uns immer wieder ausgetauscht. Ich habe gesagt, dass er der Trainer sei und die Entscheidungen treffen muss. Das Einzige, was uns wichtig war, dass wir uns nicht siezen, aber ansonsten war das ein normales Spieler-Trainer-Verhältnis.“

Foto: TSV 1860 München

Mit 40 Jahren gehörte er zu den älteren Spielern. Auf die Frage, welche Rolle er in der Mannschaft hatte, antwortete Király schmunzelnd: „Ich war immer dort, wo ich benötigt wurde. Ich war nicht nur Torwart, sondern habe mich auch um die jüngeren Spieler gekümmert. Ich habe ihnen Mut gemacht und versucht, sie zu motivieren. Für den Erfolg hat jeder sein Ego hintenangestellt. Die Europameisterschaft war sehr viel Arbeit; wir haben das alle zusammen erreicht.“ Nach 107 Länderspielen gab er 2016 seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt.

Als Torwart erlebte Király viele Höhen und Tiefen und konnte sich in Europa einen Namen machen. Sein Wissen versucht er, der heutigen Jugend und zukünftigen Profis weiterzugeben. „Um sich ins Tor zu stellen, muss man auf eine positive Art und Weise verrückt sein, denn nicht jeder lässt sich gerne aus fünf Metern abschießen. Alle möchten Tore schießen, aber ich wollte immer Tore verhindern,“ lautet seine Devise.

Enorme Belastung für die Profis

Doch der Ungar spricht auch von der enormen Belastung, die ein Profi aushalten muss. In der heutigen Welt ist der Druck auf einen Spieler größer denn je: „Niemand ist sich im Klaren darüber, was für eine Belastung der Profisport mit sich bringt. Das fällt mir auf, wenn ich junge Spieler sehe, die überrascht sind, mit wie viel Arbeit das verbunden ist.“

Laut eigenen Aussagen war Király in seinen 26 Jahren als Profi zwei Mal im Urlaub und hatte einen harten Arbeitsrhythmus: „Ich sage immer, dass auch Ronaldo seine Bauchmuskeln nicht im Supermarkt gekauft hat.“ Doch die harte Arbeit hat auch ihre Spuren hinterlassen. „In den letzten Jahren als Profifußballer bekam ich immer mehr Gelenkschmerzen.“

Gábor Király beim BZ-Interview. Foto: KSA/ Veronika Láng

2019 beendete Gábor Király seine aktive Karriere. Obwohl er selbst mit 40 Jahren noch Angebote aus der Bundesliga bekam, wollte er sich auf andere Dinge konzentrieren: „Wir fingen vor 19 Jahren an, die „Király-Sportanlage“ aufzubauen. Hier hat früher mein Vater als kleiner Junge gespielt. Heute ist es ein sieben Hektar großes Anwesen, wo wir junge Spieler trainieren und ihnen eine professionelle Umgebung bieten können.“

Nebenbei hält Király Motivationsvorträge und unterstützt seine alten Vereine als Berater: „Es gab viele Angebote und alle haben dann immer gefragt, was ich denn gerne machen würde. Ich habe gesagt, wenn es notwendig ist, putze ich auch die Fliesen. Ich helfe, wo ich kann.“

Auch nach der Karriere als Profisportler bleibt also nicht viel Zeit zum Ausruhen. Es gibt immer etwas zu tun und viele Anfragen: „Das Einzige, was sich in meinem Leben verändert hat, ist, dass ich nicht mehr ständig auf meine Uhr schauen muss, wann das Training anfängt. Ich kann Dinge loslassen und endlich etwas abschalten.“

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