Flüchtlinge im vergangenen Sommer am Budapester Ostbahnhof: Welchen Islam praktizieren die neuen Zuwanderer? (BZT-Foto: Nóra Halász)

Dieses 1901 zum ersten Mal in Frankreich formulierte Prinzip des „Pazifismus“ gehört heute ebenso zum Vokabular aufgeklärter Menschen, wie die Begriffe „soziale Gerechtigkeit“, „Emanzipation“, „Demokratie“ und „Freiheit“. Seit der Französischen Revolution ist Europa auf der Suche nach einer Idealform des Zusammenlebens und glaubt wie der 1831 in Berlin verstorbene Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel an die Entwicklung des Geistes hin zu einem universellen Bewusstsein einer politisch und gesellschaftlich real existierender Freiheit.

Gelebte Utopie

Vor allem das westeuropäische linke Milieu hat diese Utopie seit 1968 zur Richtschnur seines politischen Handelns gemacht. In den Jahrzehnten zwischen 1968 und 1989, als Europa im Westen von den USA behütet wurde und im Osten unter der „Obhut“ der Sowjetunion stand, entwickelten die intellektuellen Kreisen der beiden Seiten Konzepte, wie Gender, Multikulti, politische Korrektheit, offene Grenzen, Ökologie, „Anti“-Faschismus. Sie erinnerten immer wieder an das Leiden im Krieg, bauten Mahnmale, förderten Abrüstung und das friedliche Miteinander der Völker.

Beschützt vor äußeren Feinden, war Europa in diesen Jahrzehnten ethnisch, kulturell und religiös weitgehend homogen gewesen. Man lebte in Frieden und Wohlstand, schuf den interreligiösen Dialog zwischen den drei monotheistischen Religionen, zunächst zwischen Judentum und Christentum und von den 80er Jahren an auch den Dialog mit dem Islam. Man bewunderte den jungen israelischen Staat, der lange als Kind Europas angesehen wurde, für seine Kibbuzim. Welcher junge Westdeutsche fuhr in den 70er und 80er Jahren nicht gerne mal dorthin, um zu sehen, wie man in diesen israelischen Kolchosen ganz ohne Geld lebt.

Jeder, der nicht nur einen einzigen kulturellen Hintergrund hatte, wurde als „Grenzgänger“ bewundert. Die Bildungssysteme liberalisierten sich, warfen den Religions- und Geschichtsunterricht aus ihren Curricula, und die „toten“ Sprachen, wie Latein und Altgriechisch, gleich hinterher. In diesen gloriosen dreißig Jahren brauchte man keine spezifische Identität. Man musste sich selbst vor nichts verteidigen, die Konzepte waren in sich stimmig, sie entsprachen den Idealen der Zeit und ermöglichten es den in den 50er Jahren im Westen Geborenen wie selbstverständlich in Wohlstand und grenzenlose Denkfreiheit hineinzuwachsen.

Den Gleichaltrigen im Osten wurde jahrzehntelang gepredigt, mit dem Faschismus das schlimmste Übel der Menschheit überwunden zu haben und so sahen sie im Mauerfall vor allem die große Möglichkeit, endlich ebenso „frei“ sein zu dürfen, wie ihre Jahrgänge „von drüben“. 1989 trafen sich dann Ost und West im Herzen der gleichen Wertvorstellungen, die freie Marktwirtschaft trug den Sieg über die Planwirtschaft davon und das einzige, was die Menschen aus beiden Teilen Europas glaubten fürchten zu müssen, war eine mögliche Rückkehr von Faschismus und Rechtsextremismus.

Diese Generationen, die in diesen Frieden und Wohlstand hineingewachsen sind, sitzen heute an den Schaltstellen von Bildung und Macht. Und so hat sich nach dem Generationswechsel, der zwischen 2001 und 2010 die Alt68ger in Rente schickte, ein zu eindeutiges Denken etabliert. Sicher waren die Alt-68ger „Linke“ gewesen, aber sie wurden zum Teil noch während des Krieges geboren, waren von einem „alten“, vielleicht humanistisch klassischen oder patriotisch nationalen Denken geprägt, von einem Denken, aus dem sie sich auf jeden Fall befreien wollten. Entgegen aller Vorstellungen waren sie meist umfassend gebildet, interessierten sich für ethnologische und soziologische Aspekte des Lebens, für seltene Formen des Denkens, die sie auch dann noch gelten ließen, wenn diese dem ihren widersprachen. Schließlich lag ihnen die offene Debatte am Herzen.

Tabu-Fragen

Nicht so die Nachkriegsgenerationen, die von den beginnenden 50er Jahren an in fest umrissene Vorstellungen von Freiheit, Frieden, Demokratie und Toleranz hineingewachsen sind. Mit ihnen darf über bestimmte Fragen nicht mehr debattiert werden. Die einen als Vertreter der Antifa- und Grünen-Bewegung, die jeden leicht konservativen oder religiösen Denkansatz als „reaktionär“ oder als tendenziell „rechtsextrem“ abtun, die anderen als erfolgreiche Manager, die im globalisierten Handel, in der Konsum- und Spaßkultur die einzige Zukunftsperspektive sehen. Das Dilemma dabei: Mit solch festgefahrenen Überzeugungen übernahmen sie die Regie in Politik, Medien und Wirtschaft in genau dem Augenblick, in dem ein enormer geopolitischer Wandel auf diesem Planeten im Grunde ein massives Umdenken einforderte.

Nun fragt man sich, was denn an ihren Vorstellungen wie Freiheit, Demokratie, und Pazifismus falsch sein soll. Die Antwort darauf lautet: Nichts. Nur, dass die Inhalte dieser Begriffe der aktuellen politischen Realität angepasst werden müssten. Hegel lehrte einst, dass die Weltgeschichte eine sich in Widersprüchen vollziehende Entwicklung durchlaufen wird. Wer also „Nie wieder Krieg!“ ruft, sollte wissen, dass die Gefahr des Krieges mit einem einfach gestrickten Pazifismus-Glauben keineswegs aus der Welt ist.

Die Pazifisten der Grünen und Antifa-Generationen leben heute in einem Europa, das es nicht mehr gibt. Ihr Europa hatte nach 1945 für sich den ewigen Frieden ausgerufen und dabei vergessen, was der französische Philosoph und Kämpfer der Résistance, Julien Freund, einmal sagte: „Nicht wir bestimmen den Feind. Es ist der Feind, der uns bestimmt. Und wenn dieser entschieden hat, uns zu seinem Feind zu machen, nützen alle Freundschaftsbekundungen nichts mehr“. Genau das gilt heute mehr denn je für den Islamischen Staat.

Dogmatisches Feindbild

In den Köpfen der grundsätzlich pazifistisch eingestellten Medienmacher erscheint von daher der Islamische Staat, als weniger gefährlich, als die neuen rechtspopulistischen Parteien. Obgleich dort alle Attentate gegen Europa geplant werden und zurzeit in den vom IS besetzten Gebieten Hunderttausende Christen, wie auch moderate Muslime vertrieben und getötet werden. Die Medien aber, die nicht müde werden, mit ausgeleierten Hitler-Vergleichen auf die Gefahr eines neuen Rechtspopulismus in Europa hinzuweisen, verfallen in tiefes Schweigen, wenn es darum geht, die aktuelle Christenverfolgung und bestimmte islamistische Dogmen in Bezug auf Frauen, Juden und Israel anzuprangern.

Übergriffe auf Frauen, sowie Terroranschläge werden in der Regel als isolierte Phänomene dargestellt. Gleichzeitig wird weiter eine möglichst uneingeschränkte Einwanderung von Muslimen gefordert, ebenso deren „kulturelle“ Freiheit und „schnelle Integration“, obgleich die Geschichte beweist, dass tatsächliche Integration ein langwieriger Prozess ist, der sich über mehrere Generationen hinzieht.

„Schuld durch Schweigen“

Zudem wird nicht hinterfragt, welchen Islam die neuen Zuwanderer praktizieren und die Forderung einer möglichen Modernisierung des Islams wird überhaupt nicht erst ins Auge gefasst. So nimmt unter dem Druck der wachsenden Einwanderung in Städten wie Paris die Islamisierung ganzer Stadtviertel zu. Céline Pina, die sozialistische Landrätin der Region Val d’Oise hat in ihrem neuesten Buch „Schuld durch Schweigen“ die Kompromissbereitschaft ihrer Parteigenossen gegenüber aufkommenden islamistischen Werten angeprangert.

In einem Interview mit Europe 1 sagte sie am 25. April dieses Jahres: „20 km von Paris leben Frauen ein vollkommen anderes Leben als ich. Sie werden unter Androhung von massiven Strafen aus dem öffentlichen Leben verbannt, dürfen nur noch verschleiert auf die Straße. Und das geschieht hier und mitten unter uns.“ Allein in Deutschland stehen laut eines n-tv-Berichts zurzeit 90 Moscheen unter geheimdienstlicher Beobachtung. Europol-Direktor Rob Wainwright sagte in seinem diesjährigen Bericht, dass die Dschihadisten „insbesondere Europa“ im Visier hätten. Dabei sprach er von rund 5.000 identifizierten Kämpfern des IS. In Frankreich brennen seit 2002 wieder Synagogen, in Schweden wurden 2009 während des Davis-Cups Spiels israelische Sportler von pro palästinensischen „Autonomen“ mit Steinen und Leuchtraketen beworfen.

Heute müssen orthodoxe Juden in bestimmten Vierteln in Paris und Brüssel fürchten, auf offener Straße von Muslimen verprügelt zu werden. Unsere Medien aber rechtfertigen alles Muslimische, machen sich weiter Sorgen um den „wachsenden Rechtspopulismus“ und wundern sich, dass die Menschen in Europa solchen rechtsnationalen Parteien „wieder ins Netz“ gehen. Wer aber wählt denn neuerdings eine Marine Le Pen oder einen Norbert Hofer? Statistiken belegen zumindest in Frankreich, dass bereits ein Drittel der homosexuellen Paare und auch etwa ein Viertel der dort lebenden Juden bei den letzten Regionalwahlen für die Front National gestimmt haben – aus Angst vor einer schleichenden und tabuisierten Islamisierung.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe des BZ Magazins unter dem Titel „Was tun?“ über mögliche Handlungsalternativen für ein realistischeres und vor allem friedlicheres Miteinander.


Die Autorin publiziert und produziert Radiosendungen zu politischen Themen in MOE und religionshistorischen Debatten in Europa und Israel. Sie wuchs in Heidelberg auf, studierte in Paris und lebte seit 1990 in Bukarest, Paris und Budapest.
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