EMMI-Minister Miklós Kásler: „Die Apotheken haben nur das getan, was sie auch ohne Pandemie getan hätten.“ (Foto: MTI / Noémi Bruzák)

Die linke Seite / Kommentar zu Bonuszahlungen im Gesundheitswesen

Ungleiche Honorierung des eingegangenen Risikos

Am Wochenende machte die Nachricht die Runde, dass die Regierung nachträglich entschieden habe, Apotheker von der für Gesundheitsmitarbeiter ausgeschriebenen, einmaligen Bonus-Zahlung in Höhe von 500.000 Forint auszuschließen. Am Sonntagabend bestätigte der zuständige Minister, Miklós Kásler, dem regierungsnahen Wochenblatt Demokrata die Informationen der Ungarischen Apothekerkammer. Er formulierte: Die Apotheker seien auf der Liste der Begünstigten von vornherein „mit einem Fragezeichen” versehen gewesen. Und überhaupt hätten „die Apotheken nur das getan, was sie auch ohne Pandemie getan hätten.“

Kásler ging weiterhin darauf ein, dass neben den Apothekern auch die Physiotherapeuten, Sozialarbeiter und mobilen Pfleger von der Bonuszahlung ausgenommen seien. So lässt er wissen: Da ihr Arbeitgeber und Betreiber nicht der Staat sei, gehörten auch sie nicht zum Kreis der Begünstigten, auch wenn ihre Arbeit in Zeiten der Pandemie ebenfalls gefährlich sei. Dank gebühre aber natürlich auch ihnen.

Der materiellen Anerkennung Grenzen setzen

Die Äußerungen, die auf der Webseite des Demokrata veröffentlicht wurden, sind nicht nur deshalb interessant, weil sie erneut versuchen, problematische und obendrein schlecht kommunizierte Entscheidungen der Regierung im flapsigen Stil zu rechtfertigen. Sie sind auch deshalb interessant, weil der Autor des Beitrags, Tibor Franka, seine eigene Meinung ans Ende des Artikels stellt. Diese lautet wie folgt:
„Wenn ein so ausgedehnter Personenkreis auf die Belohnung hoffen dürfte, dann könnten nach den Apothekern vielleicht auch die Lebensmittelhändler danach fragen […] oder die Postboten, die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, die Taxifahrer und wer weiß noch wer. Dem Dank und der Anerkennung müssen – zumindest im materiellen Sinne – enge Grenzen gesetzt werden. Dadurch wird die Belohnung wirklich bedeutungsvoll und verdient.”

Obwohl er vermutlich genau das Gegenteil wollte, hat Franka perfekt einen der großen Fehler des ungarischen Krisenmanagements illustriert. Nämlich, dass die Regierung nicht ihrer Aufgabe nachgekommen ist, sich um alle zu kümmern, die Hilfe brauchen, und all diejenigen, die in schweren Zeiten Dienst geleistet haben, zu honorieren.

Anerkennung des Gesundheitsrisikos

Die Regierung und die regierungsnahen Medien irren sich, wenn sie glauben, dass ein Bonus in Zeiten einer Epidemie erst dadurch etwas wert wird, dass streng festgelegt wird, wer ihn verdient und wer nicht. Der monetäre Dank sollte in diesen Zeiten allen Mitarbeitern zustehen, die täglich ihre Gesundheit riskieren, um zur Arbeit zu gelangen und diese zu erledigen – egal ob im Gesundheitsbereich, Sozialbereich oder anderen Berufsfeldern.

„Die Epidemie unterscheidet nicht. Deshalb sollte auch die Regierung nicht unterscheiden.“

Mehr noch, vielleicht könnte man sogar folgende Frage stellen: Wenn dem Fidesz der Aufbau einer arbeitsbasierten Gesellschaft so wichtig ist, warum will er nicht alle belohnen, die während der Epidemie ununterbrochen gearbeitet haben?

Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Mitarbeiter im Gesundheitswesen verdienen diesen Bonus sehr wohl. In Wahrheit würden sie sogar noch wesentlich mehr verdienen – und zwar nicht nur einmalig, sondern jeden Monat. Auch ohne jede Ironie haben die mit Vorbehalten geschriebenen Zeilen Frankas Bestand: Ja, der Verkäufer, die Reinigungskraft, der Postbote, der Apotheker, der Sozialarbeiter, der Physiotherapeut, der mobile Pfleger und der Taxifahrer – sie alle hätten eine Belohnung verdient. Denn sie haben die vergangenen Monate so gearbeitet, dass sie dabei einem erhöhten Risiko ausgesetzt waren.

Die Epidemie fragt nicht danach, wessen Leben und Arbeit sie da gerade erschwert oder gefährlicher macht. Sie unterscheidet nicht. Und gerade deshalb sollte auch die Regierung nicht unterscheiden – zwischen Berufen, die einer Belohnung würdig oder unwürdig sind.

UPDATE

Das zuständige Ministerium kündigte am Montag […] an, dass auch Krankenhausapotheker und Physiotherapeuten den Bonus erhalten werden. Niedergelassene Apotheker und Sozialarbeiter wurden nicht erwähnt.

Aus dem Ungarischen von EKG.

Der hier leicht gekürzt wiedergegebene Kommentar erschien am 8. Juni auf dem linken Nachrichtenportal merce.hu.

Schreibe einen Kommentar

Weitere Artikel

Die linke Seite / Kommentar zu Veränderungen in der Medienlandschaft

Index rückt nach rechts

Die Zahl der unabhängigen Medien, die uns in Ungarn zur täglichen Informationsbeschaffung zur Verfügung stehen, lässt sich an zwei Händen zusammenzählen. In den letzten zehn Jahren hat sich eine klare Tendenz abgezeichnet.

BZ-Kommentar: Ungarn auf dem Weg zum europäischen Zentrum konservativen Denkens

Ideologische Kluft

„Die Kritik an Ungarns Rechtsstaatlichkeit in Verbindung mit den Maßnahmen zur Abwehr der Corona-Pandemie war völlig unbegründet.“ Ungarn sei bislang nie dagewesenen Angriffen ausgesetzt gewesen. Dabei habe sich das Land nur gegen die Pandemie und ihre Folgen gewehrt, sagte Justizministerin Judit Varga am Mittwoch ...

BZ-Kommentar

Goldene Zeitalter

In Umbruchphasen – und in einer solchen leben wir zweifelsohne – ist es aufschlussreich und inspirierend, sich mit vorausgegangenen zu beschäftigen. Wie deuteten sie sich an? Wie haben die Menschen sie durchlebt? Wie kamen sie danach wieder zur Ruhe?