Tourismus
Inländer konnten die Balaton-Saison noch halbwegs retten – den Budapester Tourismus werden sie nicht mehr über Wasser halten können. (Foto: BZT/Jan Mainka)

BZ-Kommentar zu den Auswirkungen der radikalen Reisebeschränkungen auf den Fremdenverkehr

Tourismus geht baden

Bei all den vollmundigen Ankündigungen zum Schutz der Wirtschaft scheint die Regierung ganz offensichtlich nicht an den Tourismus gedacht zu haben. Ihr, insbesondere über dem Budapester Tourismus leichtfertig gesenkter Daumen scheint zumindest nicht von viel Einfühlungsvermögen gegenüber dieser volkswirtschaftlich wichtigen Branche zu künden.

Vielleicht hat ihre Einstellung aber auch mit einem fehlenden Verständnis für die Funktionsweise dieser Branche zu tun. Möglicherweise hat der von einheimischen Gästen halbwegs über die Saison gerettete Balaton-Tourismus sogar die Illusion genährt, man könne die, durch das Ausbleiben ausländischer Gäste weggebrochene Nachfrage durch einheimische Nachfrage kompensieren – sich also quasi wie Baron Münchhausen eigenhändig und am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.

Ohne internationale Gäste bleiben die meisten Tourismuskapazitäten ungenutzt

Eine solche Betrachtungsweise lässt freilich außer Acht, dass Ungarn und ganz speziell Budapest über so gewaltige Tourismuskapazitäten verfügen, dass sie unmöglich allein mit den eigenen Landsleuten ausgelastet werden können – nicht mit Blick auf die absolute Zahl an notwendigen potenziellen Gästen und erst recht nicht mit Blick auf deren Kaufkraft. Zumindest, wenn der Staat nicht vorhat, seine Bürger großzügig mit zweckgebundenen Transferzahlungen auszustatten, um etwa Budapester Hotels und Restaurants mit ungarischen Gästen aufzufüllen.

In unserem Artikel mit dem vielsagenden Titel „Soll das Inland das neue Ausland sein?“ fühlen wir solchen Überlegungen auf den Zahn, oder besser: Weisen wir anhand von statistischen Daten nach, dass der ungarische Tourismus in seiner bisherigen Form einfach auf einen großen Zustrom an ausländischen Gästen angewiesen ist. Fast wie eine Ergänzung zeigen wir in einem weiteren Artikel anhand von mehreren konkreten Einzelschicksalen auf, welche ganz handfesten Folgen die verhängnisvolle Grenzschließungsaktion der Regierung bereits hat.

Aussichtslose Situation für Budapester Tourismus

Motiviert war diese Aktion explizit von der Absicht, das Funktionieren der ungarischen Wirtschaft abzusichern. Als ersten Kollateralschaden bringt sie nun eine wichtige Branche der Volkswirtschaft und Zehntausende Arbeitnehmer in eine veritable Existenzkrise. Hotels, die sich noch geradeso über den Sommer gerettet haben und sich auf eine Verlustverringerung im Herbst freuten, werfen jetzt angesichts ihrer plötzlichen Perspektivlosigkeit scharenweise das Handtuch.

Besonders bitter: Langsam zeichnet sich ab, dass der Opfergang der ungarischen Tourismusbranche vergebens sein könnte. Seit die ungarischen Grenzen mehr oder weniger dicht sind, gehen die Corona-Zahlen in Ungarn plötzlich geradezu durch die Decke. Inzwischen belegt Ungarn in Sachen Ausbreitungsschnelligkeit innerhalb von Europa den zweiten Platz hinter Frankreich.

Besser gezielt relevante Gefahrenquellen ins Visier nehmen

Bereits Ende August wiesen Experten darauf hin, dass nicht etwa importierte Coronaviren die wichtigste Gefahrenquelle bilden würden, sondern Ansteckungen von Inländer zu Inländer im Inland. Statt auf einen Schlag die ganze Welt auf Rot zu setzen, hätte man sich vielleicht beizeiten lieber mit inländischen Maßnahmen wie einem besonderen Schutz von Risikogruppen oder einer besser organisierten Offenlegung von Infektionsketten beschäftigen sollen.

Dem ungarischen Tourismus hilft eine solche späte Einsicht freilich nicht mehr.

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13. Januar 2023 15:10 Uhr