Ungarn bietet auf eigene Kosten eine Lehrvorführung in Sachen europäischer Grenzschutz. (Foto: MTI / Zoltán Gergely Kelemen)

BZ-Kommentar zur Migrationskrise 2020

Realisten und Übermoralisten

Die Türken attackieren mal wieder Europa. Im Unterschied zur Zeit der Sultane und Janitscharen diesmal aber nicht direkt, sondern mittels eines nichttürkischen Rammbocks. Für diese unangenehme Aufgabe hat der türkische Präsident Erdogan Teile der in seinem Land festsitzenden Flüchtlinge eingespannt.

Ein weiterer Unterschied zu damals ist, dass es der Türkei diesmal nicht um territorialen Zugewinn im Westen geht, sondern lediglich um Tributzahlungen. Ob nun in Form von Geld, Lobbydiensten oder was auch immer. So ganz genau scheint selbst Erdogan seine Forderungen noch nicht zu kennen. Vielleicht wartet er erst einmal ab, wie groß die Kopflosigkeit und Ängste der Europäer durch die plötzlich losgetretene erneute Migrationskrise noch werden und nennt erst dann seinen Preis für die (vorläufige) Beendigung des aktuellen Erpressungsversuchs.

Der Flüchtlingsdeal als Waffe

Neben der Skrupellosigkeit, mit der Erdogan seinen Plan auf dem Rücken der Flüchtlinge durchzieht, überrascht vor allem die verdutzte Reaktion der Westeuropäer, insbesondere der deutschen Bundesregierung. Erst schieben sie einem nicht über jeden Zweifel erhabenen Mann wie Erdogan eine Waffe über den Tisch und dann wundern sie sich, wenn er sie auch benutzt…

Denn nichts anderes als eine Waffe mit einem riesigen Drohpotenzial ist der Flüchtlingsdeal mit der Türkei. Völlig blauäugig haben die europäischen Verantwortlichen die Sicherheit eines Großteils ihrer Südgrenzen „outgesourct“. Schlimmer noch: Seit der Migrationskrise von 2015 ließen sie die Zeit ungenutzt verstreichen. Sie unterließen es, den Schutz ihrer Grenzen wieder schleunigst in die eigenen Hände zu nehmen – und damit Erdogans Waffe zu entschärfen.

Diese Zusammenhänge sind eigentlich nicht so schwer zu begreifen. Wer sie dennoch nicht verstand, für den boten unter anderem die Vertreter der ungarischen Regierung seit 2015 Nachhilfeunterricht an. Gebetsmühlenartig wiesen sie darauf hin, welche fatalen Folgen es haben kann, die Kontrolle der eigenen Grenzen einer externen Macht zu überantworten.

Ja mehr noch, Ungarn gab den Anhängern der „Theorie von den nicht schützbaren Grenzen“ sogar noch eine Lehrvorführung in Sachen des Gegenteils. Alles umsonst. Statt Aufmerksamkeit und Anerkennung erntete Ungarn von den westlichen Verantwortlichen nur Verachtung und Geringschätzung.

„Hässliche Bilder“

Das Nichtstun der westlichen Entscheidungsträger rächt sich jetzt. Die aus Angst vor „hässlichen Bildern“ verursachte Lähmung ihrer Entschlusskraft führt nun zu noch hässlicheren Bildern. Immerhin entstehen sie jetzt schön weit weg von der deutschen Grenze. Wahrscheinlich ging es genau darum. Während sich jetzt die Griechen ihren Tag mit solchen Bildern vergällen und griechische Grenzschützer ihre Gesundheit riskieren müssen, sitzen die sauberen deutschen Entscheidungsträger weit weg und machen sich saubere Gedanken über eine „Koalition der Willigen“, über Kontingente, über Selektionskriterien bei einer möglichen Evakuierung und andere theoretische Konstrukte.

Wohltuend ist immerhin, dass die Übermoralisten den Griechen, die jetzt für sie die unerfreuliche Drecksarbeit leisten, nicht mehr in den Rücken fallen, wie bis dato den Ungarn. Ja mehr noch, die Griechen werden sogar ermuntert durchzuhalten. Ihnen wird auch finanzielle und Frontex-Hilfe in Aussicht gestellt.

Für die Aktivisten der ersten Stunde, also die Ungarn muss es jetzt bitter sein, diese abermalige Ungleichbehandlung zu erleben. Aber letztendlich geht es um Europa, und eine späte Einsicht der westlichen Entscheidungsträger in die Realitäten ist immer noch besser als keine.

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