Magyar
Péter Magyar auf seiner dritten Großkundgebung, am 6. April in Budapest: Ob er nicht nur gut reden, sondern auch eine Partei auf einen nachhaltigen Erfolgskurs bringen kann, muss sich erst noch zeigen. Foto: MTI/ Zoltán Balogh

Kommentar zum Phänomen Péter Magyar

Kann er mehr als schöne Reden halten?

Durch das plötzliche Auftauchen von Péter Magyar ist etwas Bewegung in das festgefahrene ungarische Parteiengefüge gekommen.

Bisher ist das Phänomen Péter Magyar aber noch so frisch, dass nur wenig gesicherte Aussagen zu dessen Perspektiven möglich sind. Sämtliche ungarische Altparteien scheinen sich noch immer verdutzt die Augen zu reiben und eher abzuwarten.

Welche Inhalte?

Die potenziellen Wähler sind da schon entschlussfreudiger, siehe die beeindruckenden Teilnehmerzahlen der ersten drei Magyar-Demos, aber auch die ersten Umfrageergebnisse. Die Wäh­lergunst scheint einfach kurz und entschlossen demjenigen zuzufliegen, dem die Orbán-Gegner momentan die größten Chancen einräumen, Orbán und den Fidesz nicht nur verbal zu attackieren, sondern letztlich auch zu stürzen. Den Glauben daran vermittelt Magyar derzeit am besten.

Da tut es auch keinen Abbruch, dass der neue Hoffnungsträger des Anti-Orbán-Lagers bisher weder eine richtig funktionierende Partei noch ein klares Programm hat. Es scheint viele eher linke und liberale Orbán-Kritiker nicht einmal groß zu stören, dass Magyar nach eigenen Aussagen eher ein Rechter ist und bei etlichen wichtigen Themen wie Migration oder EU-Zukunft sehr nahe bis ganz beim Fidesz liegt.

Die fehlende Loyalität der Wähler gegenüber ihren bisherigen Parteien könnte sich nicht zuletzt aus deren chronischer Erfolglosigkeit erklären. Ebenso wie aus der Einsicht, dass diese inzwischen nahezu alle Konstellationen ausprobiert haben, um den Fidesz bei Wahlen zu besiegen. Mal versuchten sie es mehr oder weniger getrennt und mal fast geschlossen. Das Ergebnis blieb jedes Mal das Gleiche.

Kann er eine Partei führen?

Kein Wunder, dass viele aus dem Anti-Orbán-Lager jetzt sogar für eher waghalsig erscheinende Experimente offen sind, denn um ein solches handelt es sich ganz zweifellos, wenn sie nun Magyar ihr Vertrauen schenken. Schließlich kann dieser zwar gut reden, ist aber, was den Aufbau und das Führen einer Partei betrifft, noch komplett unerfahren.

Noch steht auch der Beweis aus, dass er bei der Personalpolitik das richtige Geschick mitbringt, ob er Konflikte schlichten und eine klare Linie durchsetzen kann. Ob er langfristig überhaupt gut mit Parteikollegen und Mitarbeitern zusammenarbeiten kann. Wenn man berücksichtigt, was seine vormalige Ehefrau Judit Varga über Magyars aufbrausenden, narzisstischen Charakter so alles berichtet hat, dann könnten einem diesbezüglich durchaus Zweifel kommen.

Wer wird ihn unterstützen?

Noch gibt es hier aber kaum Erfahrungswerte, weil es bisher auch kaum Personal gibt und sich das Ganze noch immer als eine große Ein-Mann-Show darstellt. Deswegen kann auch noch immer nicht gesagt werden, ob Magyar beim Personal eher auf abtrünnige Profipolitiker anderer Parteien setzt oder auf „unverdorbene“ Idealisten, also eher auf Erfahrung oder auf Hoffnung.

Beide Alternativen haben Vor- und Nachteile. Bei Abtrünnigen – bei Magyar selber handelt es sich ja auch um einen solchen – könnten sich früher oder später Probleme in Sachen Loyalität ergeben. Wer einmal seine früheren Gefährten verraten hat, könnte es auch ein zweites Mal tun…

Außerdem bringen Abtrünnige nicht nur Erfahrungen mit, sondern auch den „Stallgeruch“ ihrer bisherigen Organisation. Wenn plötzlich zu viele „alte“ Gesichter auftauchen, dann könnte der neuen Partei rasch der Reiz des Neuen, Hoffnungsvollen verloren gehen und sie an Attraktivität einbüßen.

Zumal wir es in der ungarischen Innenpolitik momentan mit dem interessanten Phänomen zu tun haben, dass gesellschaftliche Bewegungen umso erfolgreicher sind, je weiter weg sie sich von den chronisch erfolglosen linken und liberalen Altparteien und deren Politikern präsentieren. Die kürzliche gutbesuchte Influencer-Demo auf dem Heldenplatz spricht diesbezüglich Bände. Auch die drei bisherigen Magyar-Kundgebungen fanden, sicher ganz bewusst, ohne sichtbare Beteiligung bekannter Parteipolitiker statt.

Fazit

Noch fliegen Péter Magyar die Herzen und die Sympathien aus dem Anti-Orbán-Lager nur so zu. Da wir in Ungarn aber in einer Parteien-Demokratie leben und nur über Parteien Änderungen in der Führung des Landes bewirkt werden können, wird er früher oder später gezwungen sein, den momentanen Schwebezustand aufzugeben und sich auf die Ebene der Parteiarbeit herab zu begeben. Wie andere Parteien auch muss er sich dann um Inhalte, Personal, Finanzierung und viele weitere schnöde Alltagsfragen kümmern. Dann wird sich schnell zeigen, ob er nicht nur schöne Reden halten, sondern auch eine Partei erfolgreich führen kann.

Der Autor ist Publizist, lebt seit mehreren Jahren in Budapest und schreibt regelmäßig für ungarische und deutschsprachige Medien.

4 Antworten auf “Kann er mehr als schöne Reden halten?

  1. Das Beste, was Orbán passieren kann, als Folge einer peinlichen Begnadigungsgeschichte, die zwei Damen ihre Karriere kostete. Eine weitere Zersplitterung des oppositionellen Lagers und ein weißer Hemdenträger ohne weißes Hemd. Hauptsache, man kann dreckige Wäsche öffentlich waschen. Das bringt erst mal Stimmung.

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    1. Viele wundern sich, warum sich der Fidesz derzeit – abgesehen von einigen Social Media-Aktivitäten – so passiv zur ganzen Magyar-Hype verhält…
      Möglicherweise verfolgen Orbán & Co einfach nur gelassen, wie Magyar gerade die linken und liberalen Oppositionsparteien aussaugt.
      Und wenn er sein Werk vollbracht hat, dann stolpert er vielleicht über irgendeine Finanzsache oder eine MeToo-Geschichte. Bei narzisstischen Egomanen wie ihm kann so etwas manchmal ganz schnell gehen…
      Am Ende bleibt dann ein großer Scherbenhaufen zurück, was zuvor noch eine halbwegs funktionierende linke und liberale Opposition war …
      Wer weiß! Auf Grund der unheimlichen Dynamik und vielen Fragezeichen, wird es sicher noch einige überraschende Wendungen geben …

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      1. Man kann bereits jetzt erkennen, dass der Hype nachlässt, weil die Konzentration auf eine Person – statt auf ein Team mit einem Programm – langfristig kaum hält. Es ist also wahrscheinlich, dass die Zersplitterung der Opposition das unbeabsichtigte “Ziel” ist, auf den der ganze Vorgang hinausläuft. Von Fidesz ist es einkalkuliert. Ich wünsche Judit Varga und Katalin Novák erholsame Abstinenz vom Politikbetrieb und ein erfolgreiches Comeback.

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  2. Dass die Orbanregierung den global agierenden Oligarchen, die den sogenannten Westen, inklusive großer Teile der USA und beinahe ganz Europa, beherrschen, ein Dorn im Auge ist, dürfte kein Geheimnis sein.

    Wenn dann, wie aus heiterem Himmel, so ein “Messias” in Ungarn auftaucht, der die Orbanregierung attackiert und dabei Zigtausende zu überzeugen scheint, besteht zumindest der dringende Verdacht, dass dieser verdeckte Unterstützung durch diese Oligarchen erhält.

    Das sollte man nicht unterschätzen. Die Oligarchen werden schließlich nicht aufhören, Orban zu attackieren. Schließlich ordnet er sich nicht unter und steht den Zielen der Globalisten im Wege.

    Eine Person, die mal beim Fidesz war, sich dann abgewandt hat, aber wohl immer noch ein gewisses Vertrauen bei den Fidesz-Anhängern genießt, würde sich doch für die Aufgabe, Orban zu demontieren, besonders gut eignen, oder?. Das passt ganz genau auf Magyar.

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