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Die linke Seite / Kommentar zu Veränderungen in der Medienlandschaft

Index rückt nach rechts

Die Zahl der unabhängigen Medien, die uns in Ungarn zur täglichen Informationsbeschaffung zur Verfügung stehen, lässt sich an zwei Händen zusammenzählen. In den letzten zehn Jahren hat sich eine klare Tendenz abgezeichnet.

Die öffentlich-rechtlichen Medien wurden in Propaganda-Kanäle umgewandelt. Die Népszabadság wurde eingestellt, Origo.hu kann man schon nicht mehr als Zeitung bezeichnen, andere Blätter schalteten auf Sparflamme und köcheln seitdem in diesem Modus vor sich hin. Emblematische Oppositionsorgane verleibte sich der Hausrabbiner ein. Selbst TV2 (Anm.: ein ehemals regierungskritischer TV-Sender) hat es aufgegeben, zu informieren. All diese Manöver wurden von folgsamen Vollstreckern ausgeführt. Ihre Namen sind ebenso bekannt wie ihr Auftrag. Sie werden nicht in Vergessenheit geraten.

Unklare Verhältnisse bei index.hu

Im Fall von Origo.hu spielte Miklós Vaszily den Henker. Ihm ist ohne Zweifel bewusst, dass das, wobei er da assistierte, Zerstörung war, aber er wird es schon irgendwie überwinden. So wie es jeder Anwalt überwindet, der weiß, dass sein Mandant schuldig ist.

Mit Origo.hu war jedoch nicht Schluss. Die Betreiber dieses Medienumbruchs arbeiten hart, und wir alle wissen, dass sie dort, wo sich die Gelegenheit ergibt, zuschlagen. Dass sie im Falle von Index.hu nicht mittellos waren, wissen wir seit Langem. Ich ging, als die erste Attacke ihre Wirkung zeigte. Davon konnte man sich noch erholen, aber die Besitzverhältnisse und die Autonomie des Portals sind seitdem fraglich. Die Atmosphäre in der Redaktion war ab diesem Zeitpunkt eine Mischung aus Pulverfass und Schrödingers Katzenkarton.

Wie kommt es, dass ein milliardenschweres Medienunternehmen in die Hände eines unbekannten KDNPlers beziehungsweise eines wohlerzogenen, aber nicht gerade unverzichtbaren Marketing-Managers bei Index.hu landet? In wessen Namen ist das Unternehmen bei ihnen geparkt und für wie lange?

Wie wird aus dem liebenswerten Boheme László Bodolai so ganz nebenbei ein Redaktionsleiter? Seine Angelgeschichten und sein „Winkeladvokat“-Blog sind zwar erinnerungswürdig, aber bitte, das ist doch hier kein Puppentheater. Und was für Abmachungen werden getroffen, wenn dieses ganze zerlumpte Unternehmen von der Gnade von Miklós Vaszily abhängt, dem der komplette Sales-Bereich und die Infrastruktur unterstehen? Wer sind diese Berater, denen gehorcht werden muss, woher beziehen sie ihre Berechtigung? Wer hat sie gerufen?

Die Redaktion tut trotzdem ihren Dienst, so als ob alles in Ordnung wäre. Sie tut, als ob es für sie das Normalste sei, eine Zeitung herauszugeben, aus der man so ziemlich alles Wichtige erfahren und sogar noch etwas lernen kann, bei der man sich nicht darum sorgen muss, in wichtigen Angelegenheiten nicht informiert zu werden, weil es Seiner Heiligkeit unangenehm wäre.

Ein Dorn im Auge Seiner Heiligkeit

Nur, dass Seine Heiligkeit von solch herablassender Art ist, dass er diejenigen zum Schweigen bringt, die anderer Meinung sind. Doch nicht nur konträre Meinungen stören seine empfindliche Nase. Ihn stört auch, dass diese Zeitungen außer dem, was er sagt, auch das veröffentlichen, was Gergely Karácsony oder Donald Tusk sagen. Ihn stört, dass sich so ein Bild der Wirklichkeit gemacht werden kann. Dies zeigt sich auch in der Funktionsweise der ihm gefälligen Medien, die nur von denen gelesen werden, die wissen wollen, was er heute lügt.

Es ist kein Geheimnis: Es gibt Spannungen im Umfeld der Lakaienmedien. Hunderte von Milliarden Forint sind zu ihnen geflossen, aber ihre Leistung ist gering und inzestuös. Eine ganze Garde ist gescheitert. Sie erreichen den harten Kern, doch verstehen sie die Sprache der Allgemeinheit nicht. Weil fanatische Treue erwartet wird, verschließen sie sich vor der normalen Mehrheit, die sich von dieser zynischen, bewussten Lügerei abgestoßen fühlt. Außerdem sieht sie andernorts sehr wohl, dass es diese Borkai-Affäre gibt. Sie sieht auch, was die Lakaienmedien verschweigen. Deshalb werden diese auch dort eingeordnet, wo sie hingehören. Seine Heiligkeit jedoch zetert wütend, warum nicht mehr an ihn glauben, wo er doch die Pfarrer bezahlt.

Hier stehen sich offensichtlich zwei Wunschvorstellungen gegenüber: Index.hu soll mit kaum spürbarem, aber zunehmendem, vorsichtigen Druck umgestaltet werden. Damit es weiterhin angesagt, locker, trendy und vor allem beliebt bleibt, aber trotzdem eher dem Fidesz als der Opposition nahesteht.

Locker und jugendlich oder Fidesz

Als Opposition gilt jeder, der auch über unangenehme Dinge schreibt, ob nun über das Finanzgebaren des ehemaligen Vorsitzenden der Roma-Interessenvertretung Lungo Drom, Flórián Farkas, die wirtschaftlichen Aktivitäten von Orbáns Schwiegersohn István Tiborcz oder über József Balázs, ein Lehrbezirksleiter, der einen Sportlehrer für ein witziges Video abstrafte.

Eben hier liegt der eigentliche Widerspruch: Es gibt nichts am Fidesz, das locker, jugendlich oder angesagt wäre. Dafür bräuchte es nämlich einen freien Geist. Dies war auch die Hoffnung der Heti Válasz (Anm.: eingestellte, regierungsnahe und zuletzt eher regierungskritische konservative Wochenzeitung), doch schnell wurde sie wie ein Hornissennest zerschlagen. Es darf eben nur schamvolle Lügerei, zusammengekniffene Ärsche und Verschweigen geben. Auf dieses Niveau sind alle gleichgeschalteten Zeitungen herabgesunken – siehe Mandiner.

Das Auslagern der Kolumnen bietet die Möglichkeit, auf der Titelseite von Index.hu, die Gold wert ist, mehr Artikel aus der Propagandafabrik zu positionieren und weniger kritische Stimmen. Es ist jedoch eine Illusion, zu hoffen, dass dies unbemerkt geschieht.

Täglich können sich so ein paar Hunderttausend Ungarn weniger über die skandalösen Machenschaften informieren, ebenso viele Ungarn werden sich an fehlenden Beatmungsmaschinen und überflüssigen Sportstadien stoßen – ein Reingewinn für all jene, die am Vollzug solcher Dinge interessiert sind.

Quo vadis Index.hu?

Momentan wissen wir nicht, ob Index.hu fallen wird oder erhalten bleibt. Dies hängt auch davon ab, wie riskant es ist, so vielen Menschen den täglichen Lesestoff zu entziehen, der über Jahrzehnte hinweg zu ihrer festen täglichen Lektüre geworden ist. Wie die in den Himmel emporgehobenen Bügelbretter zeigen: Es gibt Hoffnung, solange es einen gemeinsamen Willen gibt. Auch deswegen entsteht dieser Artikel.

„Momentan wissen wir nicht, ob Index.hu fallen wird oder erhalten bleibt.“

Es mag sein, dass die Gleichschaltung nun ein neuerliches Opfer fordert. Dann wird sich zeigen, dass eine Zeitung so unabhängig ist, wie die Menschen, die sie schreiben. Der Rest ist nur Betriebssache. Im Zuge eines Hilferufes der Index-Redaktion entstand eine kilometerlange Liste an Unterstützern. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass diese der Probe einer Krisenfinanzierung nicht standhalten wird. Man wird mit einem kleineren Budget leben müssen. Dies wird die Mannschaft bald feststellen.

Noch kann Index.hu als einheitliche Werkstatt verstanden werden. Doch die Gegenseite arbeitet bereits daran, das zu ändern. Die Geschichte der Zeitung begann einst mit dem Exodus aus den Klauen eines viel kleineren Lehnsherrn. Damals wurde aus Internetto Index. 20 Jahre ist das her.

Wir wünschen unserem Konkurrenten ein glückliches Überleben. Doch auch so bleiben wir immer noch genug. Ihr werdet keine Zeit haben, uns alle auszurotten. Der Tag wird kommen, an dem ihr hastig flieht, weil die Wirklichkeit euch einholt. Und es wird keine andere geben.

Aus dem Ungarischen von EKG.

Der hier gekürzt wiedergegebene Kommentar erschien am 23. Juni auf dem Onlineportal der linksliberalen Wochenzeitung hvg.

Ein Gedanke zu “Index rückt nach rechts

  1. Sehr geehrter Herr Tóta,

    mir fiel das Lesen des Artikel wirklich schwer. Er ist keine Glanzleistung, kein pulitzerverdächtiges Pergament. Ich habe nach dem Überfliegen der Überschrift gehofft, eine gut recherchierte Story präsentiert zu bekommen, in der sie Zusammenhänge erläutern und belegen. Stattdessen sehe ich einen weinenden Journalisten, der seine angestaute Wut in eine Backform pressen möchte. Der Versuch ist jedoch gescheitert. Statt einer guten Dramaturgie, mit Verweisen (Links, Links, Links) zu den aufgeführten Skandalen, höre ich nur, dass es den armen Mitarbeitern der Redaktion bald sehr schlecht gehen wird und dass man sich als freier Bürger bald nicht mehr wirklich informieren könne. Wirklich? Sind jetzt alle Medien in FIDESZ Hand? Ich kaufe ihnen ihre Bestürzung ab, belegen sie die Anschuldigungen doch bitte mit Fakten und nicht mit emotionalen Gitarrenriffs.

    Meine Pupillen vergrööserten sich wirklich bei der Art der Erwähnung der Skandale. Sie jonglieren da mit Namen und Ereignissen, dass es einem schindelig wird. Sie jagen die Ereignisse durch die Schreibmaschine wie eine Chefsekretärin. Es rattert nur so. Die Ereignisse nationaler Tragweite mögen dem Magyaren geläufig, auf den deutschsprachigen Leser wirkt das befremdlich. Die zusammenhanglose Aufzählung wirkt grotesk, eher so, als wollten sie dem klassische Narrativ des “finger poining” huldigen. Hier hätte der Übersetzer zumindest mit weiteren Verweisen arbeiten müssen. Besser wäre es, die Skandale als allgemeine Erwähnung einfliessen zu lassen. Schlechter Stil, die Herren! Auch eine Journalistenschule vermittelt Wissen, welches angewendet werden darf.

    Erfolg als Journalist zeigt sich dadurch, wenn man Leserschaft bindet, Zuspruch erhält. Manchmal gibt es Preise für gut recherchierte Artikel. Medien transportieren “Information”, fassen das Passiertes in Worte, insbesondere Meinungsartikel müssen diese Klaviatur perfekt beherrschen. Der vorliegende transport leider nur negative Schwingungen mit einem Hoffnungskrümel zum Schluss. Dadurch erreichen sie keine Menschen, nur die treue Leserschaft wird befriedigt. Diese wollen sie doch aber garnicht erreichen? Oder doch? Bubble publishing nennt man das dann wohl.

    Um eines klar zu statuieren: Inhaltlich mögen sie sogar im Recht sein, nur der Versuch das zu vermitteln scheitert kläglich. Schon die Überschrift ist eine Bankrotterklärung: “Index rückt nach rechts” (OMG!). Was meinen sie denn damit? Ist das etwas falsch? Ist es vielleicht nicht erwünscht? Suggerieren sie den Untergang oder wollen sie das Angstzentrum des werten Lesers aktivieren? Oder passt es nicht in ihr Konzept? Sind denn alle bei Index links und müssen nun um ihren Job fürchten? Wenn Index “nach rechts rückt”, werden jetzt alle Artikel einen anderen Farbstich erhalten? Braun? Dann gibt es nur noch Bärengeschichten statt Flamingos und májas hurka statt ubisali. Nun, das ist, wie sie selber erkennen müssen, Schwachsinn. Sie wollten einzig auf die politische Berichterstattung hinweisen und die scheint bedroht. Die Gefahr von rechts bedroht mitnichten die gesamte Redaktion. Ausser der Politabteilung hat doch der Rest nichts mit dem Thema zu tun, oder doch? Ist Index durchpolitisiert? So, wie im Kommunismus? Wenn JA, dann ziehen sie sich bitte den Schuh an, den sie verbotenerweise dem “Henker” umhängen (sic!) wollen. Die Wortwahl im gesamten Artikel ist, mit Verlaub, unter aller Sau. Nachdem ich die letzten Tage wirklich erstklassige konsumiert habe, bin ich dieses Mal konsterniert. Ein Deutscher hätte das nie so geschrieben, zuviele Ungereimtheiten haben die erregter Feder verlassen. Man mag glauben, das Übersetzungsbüro ist dem Rotstift zum Opfer gefallen.

    Noch einmal: Index ist am Ende oder die politische Abteilung vor dem Umbruch? Ich würde gerne wissen, wieviele in der besagten Abteilung vor dem Aus stehen? Oder noch interessanter: wieviele in der Redaktion freuen sich, dass sie jetzt nicht mehr so sehr links (pardon: unabhängig) sondern stattdessen konservativ (pardon: rechts) schreiben dürfen. Und damit die allgemeinen Bevölkerungsmeinung widerspiegeln. Erkennen sie den Widerspruch in ihrem Versuch etwas zu vermitteln, was nur einige arme Schreiber betrifft. Erkennen sie ihr Narrativ? Sicher erkennen sie meines. ich hoffe doch sehr, dass die politische Denkweise in ihrer Redaktion nicht nach politischem Duktus erfolgt. Das wäre wirklich ein Skandal. Berichte hierzu liegen in ihrer Verantwortung als vierte Kraft im Staate. Nehmen sie diese Verantwortung wahr!

    Zum Schluss:
    Ich hätte wirklich einen besseren Bericht erwarten. Inhaltlich wie auch stilistisch. Mit Jammern hat noch niemand die Welt verändert. Sie verändern somit also keine Meinung bei den Konsumenten. Ich fühle mich übrigens nicht zu einem politischen Spektrum zugehörig. Ich möchte meine Umwelt, meine Mitmenschen, meine Zukunft ernstnehmen. Das geht ohne Politik, diese erbringt nur die Dienstleistung der Rahmenbedingungen.

    ich sage es sogar noch deutlicher:
    Eure Grabenkämpfe sind für den einfachen Mann eher eine Belustigung. Sie wollen ernstgenommen werden? Dann verschwenden sie nicht unsere Zeit mit so einem Veriss! Machen sie ihre Arbeit, aber machen sie die mit Herz und Verstand! Nicht mit der politischen Brieftasche im Hinterkopf.

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