Sendungsbewusster Ministerpräsident. Am 14. September 2019 erklärte Viktor Orbán auf einem internationalen Kongress des Verbandes der Christlichen Intelligenz (KÉSZ) im Parlamentsgebäude: „Es ist die Mission der Ungarn, sich selbst und der Welt zu zeigen, wie das wahre, tiefsinnigere Leben aussieht, das wir auf den Geist der christlichen Freiheit begründen.“ (Foto: MTI / Szilárd Koszticsák)

BZ-Kommentar: Ungarn auf dem Weg zum europäischen Zentrum konservativen Denkens

Ideologische Kluft

„Die Kritik an Ungarns Rechtsstaatlichkeit in Verbindung mit den Maßnahmen zur Abwehr der Corona-Pandemie war völlig unbegründet.“ Ungarn sei bislang nie dagewesenen Angriffen ausgesetzt gewesen. Dabei habe sich das Land nur gegen die Pandemie und ihre Folgen gewehrt, sagte Justizministerin Judit Varga am Mittwoch bei der Anhörung vor dem Parlamentsausschuss für europäische Angelegenheiten.

Es ist immer wieder das Gleiche. Was die ungarische Regierung auch tut, stets finden westeuropäische Kritiker Ungarns irgendetwas daran auszusetzen und thematisieren ihre vermeintlichen Kritikpunkte danach lautstark. Wenn sich die Vorwürfe am Ende wieder einmal als haltlos herausstellen, dann wird einfach zum nächsten Angriff übergegangen, und das Spektakel geht von vorn los.

Dabei hilft es Ungarn herzlich wenig, wenn es sich jedesmal mit faktenreichen Erklärungen zur Wehr setzt. Langsam müsste auch der Letzte begriffen haben, dass es hier nur ganz am Rande um Fakten geht. Vielmehr geht es um handfeste weltanschauliche Differenzen, die dazu führen, dass in Ungarn die gleichen gesellschaftlichen Fragen teilweise komplett anders beantwortet werden als etwa in Deutschland. Diese Unterschiede sind es, die dafür sorgen, dass Ungarn in den Augen von Linken & Co. den Platz am Pranger quasi abonniert hat.

Um nachhaltig etwas an dieser Situation zu ändern, geht Ungarn jetzt verstärkt daran, sich mit der ideologischen Kluft zwischen Mittelost- und Westeuropa zu beschäftigen. Ober besser gesagt mit der Kluft zwischen ihren tonangebenden Kräften. So, wie sich die westeuropäischen Linken und Liberalen  in Ungarn Verbündete suchen und aufbauen, schaut sich das ungarische Regierungslager immer stärker in Westeuropa nach Verbündeten um – die es dort auch immer zahlreicher gibt.

Schließlich gibt es in Westeuropa inzwischen immer mehr Bürger, denen der von linken und liberalen Kräften vorgenommene radikale Umbau ihrer Heimat deutlich zu weit geht, und die daher immer interessierter und mit immer größerer Sympathie die andere Normalität in Mittelosteuropa verfolgen. Die Orbán-Regierung empfindet sich vor diesem Hintergrund auch als Anwalt westeuropäischer Bürger, die mit immer größerem Entsetzen erleben, wie ihr gewohntes gesellschaftliches Umfeld immer mehr von ihnen entfremdet wird.

Nicht zuletzt um diese Kräfte geht es der ungarischen Regierung, seit sie seit etwa drei Jahren eine internationale Konferenz nach der anderen in Budapest ausrichtet. Dabei spielen Themen eine Rolle, bei denen die ungarische Regierung vom westeuropäischen Mainstream markant abweichende Akzente setzt. Es geht also unter anderem um die Familienpolitik, die Rolle des Christentums in der heutigen Zeit, die Situation von verfolgten Christen im Nahen Osten und natürlich immer wieder um die Migrationspolitik beziehungsweise die Demografie.

Es ist ganz klar zu erkennen, dass die mittelosteuropäischen Länder angeführt von Ungarn immer mehr Anstrengungen unternehmen, um den sogenannten vorpolitischen Raum in Europa für das konservative Denken zurückzuerobern. BZ-Autor Boris Kálnoky hat einmal zusammengetragen, was in Ungarn in letzter Zeit unternommen wurde, um allein konservativen Denkern aus dem angelsächsischen Sprachraum mehr Geltung zu verschaffen.

Eine ähnliche Zusammenstellung ließe sich inzwischen auch über deutsche konservative Denker schreiben, die in den letzten Jahren in Budapest zu Gast waren oder beruflich sogar längerfristig mit Budapest verbunden sind.

Westeuropäische konservative Denker finden zunehmend eine Heimstatt und Bühne in Ungarn. Und können von hier aus wieder zurückwirken auf ihre Heimatländer, in denen sie immer mehr Probleme haben, sich vor einem größeren Publikum frei zu äußern. Auch die in der kommenden Woche stattfindende Budapester Konferenz „Europe uncencored“ soll sicher auch jenseits des Eisernen Denkvorhangs wahrgenommen werden.

Früher war Ungarn innerhalb des Ostblocks durch seine relativ freie Atmosphäre ein Vordenker. Das Land nutzte seine größeren geistigen Freiräume, um an die Grenzen des Sag- und Schreibbaren zu gehen. Damals war die Wochenzeitung Budapester Rundschau für Ostdeutsche ein begehrtes Medium. Immerhin bekamen die im ideologisch erstarrten Ostdeutschland lebenden politisch Interessierten über sie mit, wie innerhalb der Systemgrenzen noch gedacht werden kann. Ab 1985 rückte dann Gorbatschow und sein neues Denken in den Mittelpunkt ihres Interesses.

Heute erleben wir, diesmal in Ost-West-Relation einen ähnlichen intellektuellen Austausch. Ungarn spielt dabei abermals eine wichtige Rolle.

2 Antworten auf “Ideologische Kluft

  1. Ich freue mich immer wieder über die sprachliche Brillianz der Kommentatoren und das Rückgrat der Budapester Zeitung. Es ist wichtig, den Finger in die Wunde zu legen. National wie international. Ungarn muss sich nicht verstecken und, wie im Meinungskommentar bereits angeklungen, immer mehr Menschen sehen in dem ungarischen Weg die Hoffnung auf ein besseres Europa. Dafür braucht man langen Atem, aber wir sind schon 1000 Jahr hier, da spielen 10-20 jetzt auch nicht wirklich eine Rolle. Die ungarische “Option” zu persönlichem Glück finden auch immer mehr Europäer interessant. Die dt. Diaspora wird grösser und grösser. Makler in Ungarn haben alle Hände zu tun, die Nachfrage zu brfriedigen. Hilfesuchende finden sich auf FB, in Foren und auch auf Telegram (das neue Whatsapp) um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Wir sollten diese Menschen mit offenen Armen empfangen und zeigen, wie wir Ungarn ticken.

    https://t.me/AuswandernUngarn

  2. Heute hielt Merkel in Brüssel eine Schulmädchen- oder, wenn Sie so wollen, eine Politbüro-Rede. Obwohl sie sie nur ablas, bekam sie Applaus. Von wem nur? Wenn man die christdemokratische Pfarrerstochter hört und die Applaudierenden anschaut, dann denkt man, das Mädchen von einst ist in einer falschen Partei und auf dem falschen Posten gelandet. Zu ihrer Gefolgschaft gehören inzwischen Linksliberale, Sozialisten und Kommunisten.
    Ich freue mich, dass in Budapest eine konservative Denkfabrik mit viel internationalem Input entsteht. Diese Intellektuellen und politische Akteure sollen ihre Meinungen kontrovers diskutieren. Gespannt warte ich auf entsprechende Medienberichte. Die Budapester Zeitung erreicht hoffentlich in Ungarn und im Ausland immer mehr Menschen, die nicht bereit sind, die politische und intellektuelle Arena zugunsten von Linksliberalen und Sozialisten zu räumen. Ich hoffe, in der BZ wird von der heutigen Videokonferenz berichtet, vielleicht sogar von der Merkel-Rede.

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