Sitz der EU-Kommission in Brüssel. In Ungarn wird die schleichende Kompetenzanmaßung der Brüsseler Bürokratie auch aus mentalen Gründen argwöhnisch verfolgt. Foto: BZ / Jan Mainka

Analyse: Alltag in Ungarn

Freiheit und Eigenverantwortung

Entgegen dem medial verbreiteten Bild herrscht in Ungarn nicht Unfreiheit und Unterdrückung, sondern eine vielfältig gelebte Freiheit, die sich mit tagtäglicher Eigenverantwortung und großer Toleranz paart.

Folgt man den Ferndiagnostikern in Medien, Öffentlichkeit und Politik in Deutschland, so herrscht in Ungarn eine Halbdiktatur, die die Freiheitsrechte einschränkt und die Menschen unterdrückt. Nach dieser Interpretation halten die Regierungsparteien alle Zügel fest in der Hand und lassen keine andere Meinung oder Bewegung zu. In Wahrheit jedoch gibt es in Ungarn jede Meinung und auch ihr Gegenteil. Jede politische Idee hat auch entsprechende Medien, Einrichtungen und Diskursräume und kann jederzeit und unter allen Umständen frei vertreten werden.

Es wäre schwer, den Ungarn immer nur eine Richtung vorzugeben, sie sind mannigfaltig und lassen sich nichts vorschreiben. Jüngst musste sich sogar der bekannte US-amerikanische Politologe George Friedman öffentlich entschuldigen, da er dem großen Irrtum aufgesessen war, wonach es in Ungarn gar nicht anders sein könne, als dass Ministerpräsident Viktor Orbán alle Züge in der Hand halte und mit Repressalien und Einschüchterungen arbeite. Dies ist mitnichten der Fall, wie Friedman in einem Meinungsbeitrag Mitte Mai selbst zugab.

Freiheitsdrang in Geschichte und Gegenwart

Aus ihrer langen Geschichte lernten die Ungarn, dass sie den Großen und Starken misstrauen sollten, denn meist sprang aus deren Politik nichts Gutes für sie heraus. Sie erkennen in der Politik globaler Großmächte oftmals eine Gefahr, die den Kleineren den Spielraum abschneidet und sie als Spielball der Großmachtinteressen diesen hoffnungslos ausliefert. Daher sehnen sie sich nach ihrer Freiheit. Durch lange Fremdherrschaften sensibilisiert, sind ihnen ihre 1990 wiedergewonnene Souveränität und Selbstbestimmung besonders heilig.

Aus diesem Grunde lehnen sie die schleichende Kompetenzanmaßung der Brüsseler Bürokratie genauso ab wie Einschränkungen der nationalen Souveränitätsrechte. In Nachbarschaft vieler großer Imperien gelegen, misstrauen sie Tendenzen jeglicher Imperien- oder Blockbildung und wollen als mittelgroßes Land ein selbstbestimmtes und freiheitliches Leben in Europa führen und sich aus einer wie auch immer gearteten Konfrontation anderer heraushalten.

Diese Attitüden finden sich nicht nur in der Politik des Landes, sondern auch in den Einstellungen und Verhaltensweisen seiner Menschen. Die Muster aus der Geschichte und der aktuellen geopolitischen Lage haben eine Entsprechung im alltäglichen Mitein­ander der Ungarn. Ihre Freiheit ist ihnen hoch und heilig, und kritisch beäugen sie mögliche Einschränkungen ihrer Freiheitssphäre. Dies lässt sich auch beobachten, wenn es um staatliche Handlungen, Anordnungen oder Maßnahmen geht, die immer erstmal hinterfragt werden und nur dann Akzeptanz erfahren, wenn ein jeder für sich selbst die Notwendigkeit einer solchen Regelung oder Entscheidung eingesehen hat.

Die aufmüpfigen und störrischen Ungarn hiervon zu überzeugen, ist häufig eine Herkulesaufgabe. Sich durch Sachzwänge nicht einschränken lassen zu wollen, findet sich auch im tagtäglichen Alltag des zwischenmenschlichen Lebens wieder, beispielsweise in der Scheu, Abneigung und dem regelrechten Widerwillen gegenüber Terminen, Absprachen oder Regelwerken. Ein ausländischer Gesprächspartner drückte es mir gegenüber einmal wie folgt aus: „Ein Wunder, dass dieses Land funktioniert.“

Das Land der mangelnden Konsequenz

Trotz dieser Eigenheiten aber funktioniert das Land – und es funktioniert erstaunlich gut. Bildet man eine Matrix von Regelwerken, Verfahrensweisen und Mustern einerseits und Resultaten, Lebensqualität und Freiheitsempfinden andererseits, so wäre das Ergebnis wohl, dass das Land mit einer großen Ungezwungenheit und Unbekümmertheit betrieben werden kann, die ausländische Beobachter verblüffen würden.

Oftmals gilt in Ungarn die alte Binsenweisheit, das Land sei „ein Land der mangelnden Konsequenz“. Dieser Ausspruch geht auf ein Werk des Politologen Tamás Fricz aus dem Jahr 2004 zurück, der damit umschrieb, dass die damalige politische Elite den Wählerwillen ignorierte. Im Falle von Deutschland hat man stattdessen eher den Eindruck, Deutschland sei das Land bis zur letzten Konsequenz, im Guten wie im Schlechten. Plan ist Plan, Regel ist Regel, und zwar bis zum Äußersten.

Das „Land der mangelnden Konsequenz“ weist hingegen in eine ganz andere Richtung und umschreibt, dass es in Ungarn zwar Regeln gibt, doch viele sich nicht an diese halten und die Nichtbeachtung auch meist keine Konsequenzen zeitigt. Die Ungarn akzeptieren solche nämlich nur widerwillig und oftmals schlussendlich nur aus eigenem Entschluss. Sanktionierungen bewirken meist das Gegenteil, nämlich eine „Bockigkeit“ und strikte Ablehnung. Daher ist jeder Regelungsgeber angehalten, den Leuten die Einhaltung oder Beachtung einer Regelung niedrigschwellig, attraktiv und schmackhaft zu machen.

Die Idee des kleinen Tores

Aus den geschichtlich und politisch tradierten Mustern kann eine Lebenseinstellung der Menschen abgeleitet werden, die es schwer bis unmöglich macht, sie in ein Regelungswerk einzuordnen und sie diesem zu unterwerfen. Das Ablehnen des Großen und Starken, desjenigen, der die Macht hat, findet sich mit Bezug auf die internationale, aber auch die nationale Politik wie auch im alltäglichen Leben des menschlichen Miteinanders.

Gibt es eine Regel, fragt man sich immer, wie man diese umgehen könne. Zwar mag es auch ordnende Umstände in Staat und Gesellschaft geben, doch werden diese nur skeptisch und mürrisch angenommen und wenn, dann auch mit der insgeheimen Hoffnung, doch noch ein Schlupfloch oder eine Ausnahme zu finden. Diese gelten natürlich nur für einen selbst, und nur durch geschicktes Taktieren und das sprichwörtliche „kleine Tor“ (kiskapu) kann man einer Sonderbehandlung Geltung verschaffen.

Daher werden Abmachungen, die gar nicht zu vermeiden sind, erstmal nonchalant hingenommen, denn meist sieht die Welt am Ende immer ein wenig anders aus und gibt es ein „Wir-besprechen-das-noch“, was immer einen Ausweg, eine Ausflucht, einen Verhandlungsweg bedeutet. So verspricht man sich immer wieder, dass es schlussendlich egal bleiben könne, welche Regel genau gelte, denn einer müsste sich immer um die Einforderung der Konsequenz bemühen, und das geschieht eher selten.

Das System der Eigenverantwortung

In dieser Gemengelage muss ein feingliedriges Austarieren zwischen Gemeinwohl und Individualinteresse erfolgen, das einem Husarenstück gleichkommen mag. Den Ungarn Regeln und deren Einhaltung mit Zwang und Gewalt vorzuschreiben, ist eine Sache der Unmöglichkeit. Ihnen muss selbst die Erkenntnis reifen, dass das Gesetz, die Vorschrift, das Regelungswerk einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen hat, von dem auch sie selbst individuell profitieren.

Aus diesem Grunde agiert die Politik in Ungarn dann klug und vorausschauend, wenn sie Maßnahmen umsetzt, die dem Denken und den Wünschen vieler Menschen nahe sind und sich problemlos in deren innere Denklogik einbetten lassen. So gesehen kann sich bei ihnen die Einsicht durchsetzen, sie selbst hätten dieser Entscheidung die Fundierung gegeben. Auf jeden Fall aber müssen Staat und Gesellschaft so auf den Einzelnen wirken, dass dieser selbstbestimmt und eigenverantwortlich sinnvolle Entscheidungen trifft. Beispielsweise hat man bei der Bekämpfung der Pandemie an das Verantwortungsbewusstsein der Menschen appelliert, Anreize gesetzt und nicht mit Strafen oder Sanktionen gedroht – solche hätten wohl den gegenteiligen Effekt gehabt.

Ein anderer Aspekt ist die große Liberalität und Toleranz der Ungarn. Es ist ihnen einfach oftmals völlig gleich, wie sich der andere im Privatleben oder in der Politik gibt. Man akzeptiert vieles, ohne sich zu empören. Moralisieren, sich entrüsten oder anderen Vorschriften zu machen, sie gar auf solche hinzuweisen, ist den Ungarn wesensfremd. Immer wieder fordern sie diese Toleranz auch auf europäischer Ebene ein – zumeist erfolglos.

Konsequenzen für die Politik

In einem freiheitsliebenden Land wie Ungarn, dessen Bevölkerung allergisch auf jegliche Art von Bevormundung reagiert, sei es auch nur eine Regelung, eine Maßnahme, eine Verfahrensweise oder eine Abmachung, muss die Politik klug, besonnen und feinfühlig agieren. Jeder Entscheidung einer Zentralgewalt wird erstmal mit Skepsis, Widerborstigkeit und Ablehnung begegnet – sei es eine innerungarische Obrigkeit oder noch viel mehr eine internationale Instanz.

Aus diesem Grunde kann Politik nur auf die Eigenverantwortung der Menschen bauen und auf ihre Einsicht, sich unter Berücksichtigung aller Umstände doch auf Gemeinsinn und Gemeinwohl einzulassen. Die ungarische Politik hat es verstanden, nicht Strenge, Zwang oder Durchsetzungskraft walten zu lassen, sondern einen cleveren Handlungsrahmen zu entwerfen, der die Menschen auch emotional mitnimmt und ihnen Eigenverantwortung angedeihen lässt. Dann kann auch das öffentliche Leben des Landes gemanagt werden. Wichtig ist am Ende immer, dass individuelle Lebensqualität und Freiheitsempfinden Hand in Hand gehen mit dem gemeinsam Erreichten.

Fazit

Aus den historischen Erfahrungen, dem gelebten Individualismus, der Ablehnung von staatlichen Obrigkeiten und Instanzen und deren Entscheidungen sowie dem Mangel an harten Konsequenzen findet man in Ungarn eine Gemengelage, die international ihresgleichen sucht. Es ist schwierig, das Land zu regieren, denn es muss eine ständige Balance zwischen notwendigen Maßnahmen und den von der Bevölkerung auch innerlich akzeptierten Schritten erzielt werden. Der Ausgleich zwischen Gemeinwohl und Individualinteresse ist nichts anderes als die Herstellung dieses fein austarierten Gleichgewichts. Oftmals hilft der Zweiklang zwischen Freiheit und Eigenverantwortung.

Schon allein mit Blick auf all diese Gegebenheiten ist es also völlig unmöglich, den freiheitsliebenden Ungarn eine Diktatur überzustülpen – oder höchstens mit extremer physischer Gewalt wie in der kommunistischen Ära. Die international oft erhobenen Vorwürfe, in Ungarn gäbe es Unfreiheit und Unterdrückung, zeugen vor allem von einer großen Unkenntnis der Kritiker hinsichtlich der ungarischen Mentalität. Wie in vielen anderen Fragen ist auch beim Thema Freiheit eher das Gegenteil von dem der Fall, was in einigen Medien in Deutschland über Ungarn behauptet wird.

BENCE BAUER ist Direktor des Deutsch-Ungarischen Instituts für Europäische Zusammenarbeit am Mathias Corvinus Collegium in Budapest. Er ist Mitherausgeber von „Hungarian Conservative“ und publiziert zu zeitgeschichtlichen und europapolitischen Themen in verschiedensten Medien in deutscher, englischer und ungarischer Sprache.

Ein Gedanke zu “Freiheit und Eigenverantwortung

  1. Ich habe vor 30 Jahre einen Artikel im Spiegel gelesen. In Trier vor Bahnhof gab es 2 Telefonzelle. Psychologiestudenten habe vor einem ” Für Frauen” vor dem anderen : “Fur Männern” Schilder platziert und haben beobachtet vas passiert. Männer- keine Schlange. Frauen lange Schlange.
    2 Frauen sind nur in Männer Telefonzelle gegangen. 1 war eine Ungarin, die andere aus Kuba. No comment.

    0
    0

Schreibe einen Kommentar

Weitere Artikel