Deutsch-ungarisches Gipfeltreffen im August 2019 in Sopron: „Aus dem Verhältnis Oberlehrer-Schüler sollte sich ein Verhältnis zweier wissbegieriger Schüler entwickeln, die sich bestmöglich einander unterstützen.“ (Foto: MTI / Szilárd Koszticsák)

BZ-Kommentar

Die Virus-Zäsur nutzen!

Global ist bei weitem noch nicht das letzte Wort bezüglich des neuartigen Coronavirus gespro-chen. Wir wissen noch immer nicht, wo und wie es entstanden ist. Ebenso haben wir kaum eine Vorstellung, wie unsere zukünftige Koexistenz mit diesem Virus aussehen und wie weit sich unser zukünftiges von unserem bisherigen Leben unterscheiden wird.

Unbestritten dürfte aber schon jetzt sein, dass die 2019/2020er Attacke des Virus in der neueren Geschichte der Menschheit eine Zäsur darstellen wird. Ebenso wie beim 1989er Sturz des Kommu-nismus wird es eine Davor- und eine Danach-Welt geben, wobei sich beide grundlegend voneinan-der unterscheiden werden.

Bis jetzt wenig wahrscheinlich ist, dass es sich beim Virus-Angriff um ein Ereignis lediglich mit dem Veränderungspotenzial der 2008er Weltfinanzkrise handelt. Obwohl diese Krise zu gewissen Änderungen der Regularien auf den Finanzmärkten geführt hatte, ist es hier fast unmöglich, von einer Welt davor und einer danach zu sprechen. Zu minimal sind ihre Unterschiede.

Zu vieles wurde damals aus der Davor- und die Danach-Welt hinübergerettet. Nicht zuletzt ausge-rechnet auch die Verhaltensmuster der großen Finanzakteure, die zur 2008er Krise geführt hatten. Eine große Entrümpelungsaktion fand nicht. Genau hier setzt der ungarisch-deutsche Musiker und Produzent Leslie Mandoki in seinem Essay an. Er hofft, dass die Danach-Welt diesmal eine nachhaltig bessere sein wird als die vorherige.

Ausgiebig nutzt er das Privileg des Künstlers, nämlich mit dem Herzen zu denken, um eine bessere Welt zu entwerfen. „Diese Krise eröffnet uns jetzt abermals die Chance, die Weichen neu zu stel-len“, appelliert Mandoki. Als jemand, der sowohl in Deutschland als auch in Ungarn fest verwurzelt ist und daher auch besonders an den künstlich erzeugten deutsch-ungarischen Spannungen leidet, hofft er natürlich auch auf einen besseren, also friedlicheren Umgang beider Länder. Was das be-trifft, so scheint der Ball im Moment eher in der deutschen beziehungsweise westlichen Hälfte des Spielfelds zu liegen.

Dass es immer wieder zu Verstimmungen kommt, hat nicht zuletzt damit etwas zu tun, dass im Westen nach wie vor die feste Überzeugung besteht, der Osten müsse am westlichen Wesen gene-sen. Wenn im Westen etwa Säkularismus, Multikulturalismus und Homo-Ehe als Muster vorgegeben werden, dann müsse der Osten diese blind übernehmen. Wenn nicht, dann habe der Westen das moralische Recht, die „renitenten Ostler“ mit Zwangsmaßnahmen zur Räson zu bringen.

Das Problem ist nur, dass der Westen für den Osten bei weitem nicht mehr das leuchtende Beispiel darstellt, wie noch vor dreißig Jahren beim politischen Umbruch und selbst noch 2004 bei der gro-ßen Ost-Erweiterung der EU. Es ist das große Verdienst des liberalen bulgarischen Philosophen Ivan Krastev in seinem Buch „Das Licht, das erlosch“ genau darauf hingewiesen zu haben. Deutlich stellt er darin fest, dass die Ost-EU-Länder inzwischen nicht mehr dazu bereit seien, den Westen kritiklos nachzuahmen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil der Westen durch seine Praxis viel von seiner einstigen Vorbildwirkung eingebüßt hat.

Diese Erkenntnis ist für die Protagonisten des Westens und ihr Selbstbild natürlich bitter. Sie kann aber auch dazu beitragen, neue Umgangsformen miteinander zu entwickeln. Aus dem Verhältnis Oberlehrer-Schüler sollte sich ein Verhältnis zweier wissbegieriger Schüler entwickeln, die sich beim Lösen der vielen schweren Aufgaben, die die Realität permanent stellt, bestmöglich einander unter-stützen. Es wäre für die Zukunft Europas wünschenswert, wenn bei den nun hoffentlich anstehen-den Weichenstellungen auch die Überlegung berücksichtigt würde.

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