Detailansicht des Trianon-Denkmals am Parlament: „Der Friedensvertrag von Trianon ist in Wahrheit ein Diktat der Siegermächte des Ersten Weltkriegs.“ (Foto: Steindl Imre-Programm / www.sipzrt.hu / Tamás Wachsler)

Gastkommentar

100 Jahre Friedensdiktat von Trianon

In diesen Tagen erinnert Ungarn an den 100. Jahrestag des Friedensvertrags von Trianon, in Wahrheit ein Diktat der Siegermächte des Ersten Weltkriegs. Ungarn verlor mehr als zwei Drittel seines bisherigen Staatsgebietes und mehr als die Hälfte seiner Staatsbürger. Fortan lebten Millionen Ungarn schlagartig in anderen Staaten. Diese traumatische Erfahrung ist bis heute in der Erinnerung des ungarischen Volkes lebendig geblieben.

Auch Deutschland musste im Versailler Vertrag 1919 große Gebietsverluste hinnehmen, ganz zu schweigen von den noch erheblich weitergehenden territorialen Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs. Die gelungene wirtschaftliche und soziale Integration vieler Millionen Flüchtlinge aus den früheren deutschen Ostgebieten gehört zur Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das war keine Selbstverständlichkeit.
Aber diese eigenen Erfahrungen sollten uns Deutschen besser als anderen vermitteln, wie sensibel das Thema Trianon für unsere ungarischen Freunde noch immer ist. Die tiefe Verbundenheit der Ungarn mit ihrer Geschichte, ihrer Sprache und Kultur gilt naturgemäß auch für die, die außerhalb der eigenen Staatsgrenzen leben. Es ist ihr gutes Recht und sollte in der Europäischen Union selbstverständlich sein, diese Verbundenheit mit ihrer alten Heimat pflegen zu können.

DUG-Präsident Dr. Gerhard Papke: „Die Einweihung eines Trianon-Denkmals ist kein Rückfall in einen überkommenen Nationalismus.“ (Foto: Privat)

Umso verstörender waren die kürzlichen Äußerungen des rumänischen Präsidenten Johannis gegen die ungarische Minderheit in Rumänien. Dass einem solchen Politiker der renommierte Aachener Karlspreis verliehen werden soll, für Verdienste um das Zusammenwachsen Europas, ist ein Skandal. Die Preisverleihung ist wegen der Corona-Krise ohne neuen Termin verschoben worden. Sollte sie dennoch Realität werden, wird die kritische Debatte darüber in Deutschland neue Nahrung erhalten.

Mein fester Eindruck ist, dass Ungarn demgegenüber, bei allem Schmerz über das erlittene historische Unrecht, die Erinnerung an Trianon mit großem politischen Verantwortungsgefühl begeht. Es stünde deutschen Kommentatoren, die sich so gerne an der ungarischen Politik abarbeiten, gut zu Gesichte, dies anerkennend zu würdigen.

Denn in Wahrheit gehört es zu den großen politischen Leistungen Ungarns in der jüngeren Vergangenheit, sich derart unbeirrt seinen festen Platz im Bündnis und der Gemeinschaft des freien Westens gesucht zu haben. Christlich-abendländische Prägung, echte europäische Überzeugung und die aus der Erfahrung brutaler Fremdherrschaft gewachsene Freiheitsliebe waren und sind die Leitmotive dieser Richtungsentscheidung. Davon profitieren nicht nur die Ungarn, sondern alle Europäer.

Die Einweihung eines Trianon-Denkmals in Budapest, die für August geplant ist, ist somit auch kein Rückfall in einen überkommenen Nationalismus, sondern Bestandteil einer Erinnerungskultur, die zur Identität des ungarischen Volkes gehört. Genauso wie das berechtigte Selbstverständnis unserer ungarischen Freunde, ein starker Teil Europas zu sein.

Der Autor ist Landtagsvizepräsident NRW a.D. und seit Mai 2019 Präsident der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland e.V.

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