Rezension: Untergrundfürsten, Geschichten aus Siebenbürgen von Géza Szőcs

Transsilvanische Absurditäten

Lautréamont hat den Surrealismus als „das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ definiert. Er musste es wissen – wird er doch oft als „Großvater“ des Surrealismus bezeichnet.

Seinen Urenkel möchte man den rumänisch-ungarischen Autor Géza Szőcs nicht nennen – aber die „Geschichten aus Siebenbürgen“, übersetzt und 2021 aus dem Nachlass herausgegeben von Hans-Henning Paetzke, erinnern doch sehr an die „automatische Schreibweise“ des Franzosen, in dessen schmalem Werk Träume, Unbewusstes und Rauschhaftes eine Synthese miteinander eingehen, die dem Leser allerhand Phantasie und Einfühlungsvermögen abfordert.

Ob das den Text für ein breites Publikum bekömmlich macht, will ich nicht beurteilen. Überhaupt ist es anmaßend, dem Autor ein ästhetisches Qualitätsurteil auszustellen, denn dazu müsste man seine Texte wohl im ungarischen Original lesen können. Wir aber sind angewiesen auf die Mittlerdienste des in Budapest lebenden, mehrfach preisgekrönten Nachdichters aus dem Ungarischen. Er ist nicht nur Vermittler ungarischer Literatur, sondern auch Kenner von Land und Leuten – darunter namhaften Vertretern der ungarischen Gegenwartsliteratur. Auch den Verfasser der 21 phantastischen „Geschichten aus Siebenbürgen“ kannte er so gut, dass er den Geschichten kenntnisreiche Vor- und Nachworte sowie biographische Notizen beifügen kann.

Vom Dissidenten zum Staatssekretär

Beginnen wir mit letzteren: Bereits die Vita des Autors ist eine phantastische Geschichte: Geboren 1953 im rumänischen Siebenbürgen, hat Szőcs als Herausgeber einer Untergrundzeitschrift schon früh mit der rumänischen Securitate Bekanntschaft machen müssen. Im Schweizer Exil setzte er die journalistische Arbeit bis zur Rückkehr in das postkommunistische Rumänien fort. Sein wachsendes unmittelbar politisches Engagement erreichte 2012 seinen Zenit, als er in der Orbán-Regierung zum Staatssekretär für Kultur berufen und anschließend Kultur-Chefberater des Ministerpräsidenten wurde.

Bei der Vielzahl politischer beziehungsweise kulturpolitischer Spitzenfunktionen ist es beachtenswert, dass Szőcs ein so umfangreiches künstlerisches Oeuvre aufzuweisen hat. Er habe dem Verbranntwerden durch Politik widerstanden, schrieb Paetzke in seinem kenntnisreichen Nachwort. Das sei ihm nur dank einer „exorbitanten Begabung“ gelungen. Das zu beurteilen steht Nicht-Muttersprachlern – wie schon gesagt – nicht zu. Dass Szőcs nicht nur Paetzke gegenüber ein warmherziger und selbstloser Freund war, möchten wir wohl glauben – hätte er sich sonst der Mühe des Nachdichtens komplizierter Texte unterzogen?

Der Vereinnahmung widerstanden

Der Freundschaft zwischen Autor und Nachdichter verdanken wir auch das interessante Nachwort, das auf den politischen Standort von Szőcs eingeht: „Er hatte sich einer Treue gegenüber einer in nahezu ganz Europa verfemten Politik verschrieben. Dennoch glaube ich behaupten zu dürfen, dass er sich nie ganz vereinnahmen ließ. Er wollte dazugehören und dann auch wieder nicht.“ Und weiter: „Géza meinte offensichtlich, dass ein literarisches Werk von der öffentlichen Rolle eines Autors losgelöst zu betrachten sei.“

Über die Zulässigkeit einer solchen Trennung zwischen Gesinnung und Werk kann man streiten, und der deutsch-deutsche Literaturstreit um Anna Seghers, Christa Wolf und Stephan Hermlin hat zu diesem Diskurs in jüngster Vergangenheit Unerquickliches beigetragen. Dass Paetzke auch diese Seite seines „guten und treuen Freundes“ erwähnt, den er dessen ungeachtet in einer Reihe mit Gottfried Benn sieht, gibt zu denken, spricht aber auch für die Objektivität des Nachdichters und Herausgebers.

Surrealistische Zwei-Minuten-Geschichten

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen sollte die Rezensentin Kritisches oder Lobendes zu den 21 Geschichten notieren, mit denen Géza Szőcs den schon todkranken János Sziveri unterhält – so die Erzählsituation. Es sind Geschichten aus Siebenbürgen: „lyrische Fabeln, transsilvanische Absurditäten, surrealistische Zwei-Minuten-Geschichten“, in denen statt des Regenschirms und einer Nähmaschine auf den Seziertisch vierzig Kuckucke aus einhundertdreißig Uhren kriechen, um die Mittagszeit zu verkünden.

Alles ist möglich in einem Land, das von unsichtbaren Fürsten regiert wird, an deren Spitze ein Untergrundherrscher mit dem Namen Singular II steht. Auch er ist – so sagt man – ein Verwandter von Pandabären, die in der Nähe der siebenbürgischen Bambusplantagen leben …

In diesem Stil beschreibt Szőcs auf etwa 100 Seiten eine Phantasiewelt, von der behauptet wird, dass es sich um Siebenbürgen handle.

Als Reiseführer ist dieses Buch sicher untauglich – als amüsante Nonsens-Lektüre über ein Land Absurdistan wird es jedoch bestimmt Leser finden, zumal diesen Geschichten 21 Illustrationen von Andrea Jánosi beigefügt sind, die farbenfroh und sinnenfreudig die Kurzgeschichten kommentieren.

Es sind Märchen für Erwachsene, die alles konterkarieren, was wir je über Märchen gelernt haben. Sie sind so geheimnisvoll wie der letzte Satz auf dem Cover des schmalen Bändchens: „Géza Szőcs’ 21 Geschichten beleuchten als Laternen Siebenbürgens Leichnam in der Dämmerung des Vergessens.“

Lautréamont hätte wohl seine Freude an diesen Laternen gehabt.

Untergrundfürsten, Geschichten aus Siebenbürgen von Géza Szőcs
Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke.
Mit 21 farbigen Illustrationen von Andrea Jánosi
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2021
127 Seiten, 20 Euro

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