Autorin und K.u.k.-Expertin Tamara Scheer. (Foto: YouTube)

Digitale Lesung mit Autorin Tamara Scheer

Sprechen Sie Habsburgisch?

Auch wenn kulturelle Großveranstaltungen wohl noch einige Wochen auf sich warten lassen – ganz ohne Kultur müssen Sie nicht bleiben. Zur heimischen Unterhaltung trägt dieser Tage auch das Österreichische Kulturforum in Budapest bei. Am Dienstag vergangener Woche veröffentlichte es eine Online-Lesung der Autorin Tamara Scheer. Dabei ging es um dalmatische Küstenrehe, das Portone dei Gnocchi, die zweite Menage und das Leben im Sliwowitzland.

Die Zeit zwischen 1867 bis zu seinem Untergang 1918 war für das Habsburgerreich eine Zeit der Umbrüche. Die Donaumonarchie selbst – ein Imperium inmitten Mittel- und Südosteuropas, von zahlreichen Nationalitäten bevölkert. Wie sich diese Vielfalt auch in der Sprache Kakaniens – wie Robert Musil die K. u. k. Monarchie zu nennen pflegte – niederschlug, beschreibt das populärwissenschaftliche Sachbuch „Von Friedensfurien und dalmatinischen Küstenrehen: Vergessene Wörter aus der Habsburgermonarchie“. Auf humoristische Weise erläutert die 224 Seiten starke Veröffentlichung aus der Mode gekommene Begrifflichkeiten, die damals oft in neckischer Form die Eigenheiten der unterschiedlichen Regionen und ihrer Bewohner zum Ausdruck brachten.

Vergessene Wortperlen

Geschrieben hat es die Österreicherin Tamara Scheer. Sie ist Historikerin und unterrichtet, wenn sie nicht gerade Bücher verfasst, am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien Geschichte der Habsburgermonarchie. Daneben ist Scheer auch Leiterin der historischen Sammlung des Päpstlichen Instituts Santa Maria dell’Anima in Rom.

Am Dienstag vergangener Woche stellte sie ihr Buch im Rahmen einer digitalen Lesung des Österreichischen Kulturforums vor. Dabei verriet sie unter anderem, dass es sich bei dem Buch eigentlich um ein „kleines Nebenprodukt“ ihrer nunmehr 15-jährigen Forschungstätigkeit handelt. Bei den Recherchen in diversen historischen Quellen sei ihr immer wieder aufgefallen, „dass häufig so Begriffe vorgekommen sind, die mir nichts gesagt haben, die aber ganz normal von den Schreibern der Tagebücher und Briefe verwendet worden sind, also quasi vor 1918 im allgemeinen Sprachgebrauch üblich waren.“

Diese vergessenen Wortperlen fand Scheer schließlich zu schade, um sie für immer in den Tiefen der Archive versinken zu lassen. Sie begann sie zu sammeln. Und irgendwann waren es so viele, „dass ich mir gedacht habe, es wäre eigentlich an der Zeit, daraus ein Buch zu machen. Kein streng wissenschaftliches mit mehr Fußnoten als Text, sondern etwas, dass jeder, der sich für die Geschichte der Habsburgermonarchie oder die Sprachgeschichte interessiert, lesen kann“, so Scheer.

Das Vokabular der Boulevardblätter

Tatsächlich stellte sich im Verlauf der Lesung heraus, dass es sich bei „Von Friedensfurien und dalmatinischen Küstenrehen“ nicht nur um ein lesbares, sondern sogar um ein überaus amüsantes und aufschlussreiches Buch handelt. So erfährt man etwa, um welch schlüpfriges Detail es sich handelt, wenn von einer „zweiten Menage“ die Rede ist. Darunter verstand man in den Boulevardblättern der Habsburgermonarchie nämlich nichts anderes als einen Mann, der neben dem eigenen Familienhaushalt noch einen zweiten, nämlich den seiner Geliebten, finanzierte.

Das Wort Menage stammt übrigens aus dem Französischen und bedeutet so viel wie Haushalt, war aber, wie Tamara Scheer erklärte, zur damaligen Zeit vor allem in der Armee als Begriff für die Verpflegung der Soldaten gängig. Auch von der berühmtesten zweiten Menage der Donaumonarchie weiß Scheer zu berichten: Katharina Schratt, eine österreichische Schauspielerin, die durch ihre langjährige private Beziehung zu Kaiser Franz Joseph I. bis heute Gegenstand vieler Gerüchte ist. „Die Schratt“, wie sie die Presse nannte, brachte der Kaiser nämlich in einer Villa nahe dem Schloss Schönbrunn unter und überhäufte sie mit wertvollem Schmuck.

Lebensalltag der späten Habsburgermonarchie

Neben dieser historisch verbrieften „Freundschaft“ füllen auch zahlreiche weitere Details der österreichisch-ungarischen Geschichte und der damaligen Lebenswirklichkeit die Seiten von Scheers Buch. Diese beziehen sich auf die Jahre zwischen 1867 und 1918. Viel erfährt man etwa aus den Sphären des Militärs und der Diplomatie, doch auch die Kulinarik rückt immer wieder in den Fokus.

Das titelstiftende dalmatische Küstenreh etwa, so Scheer, gehört zu jenen eigentümlichen Wortschöpfungen dieser Zeit, die verdeutlichen, wie unterschiedlich geprägt die Gaumen innerhalb der Donaumonarchie waren. „Was dem einen ein Leckerbissen, galt dem anderen als ein Unding“, zitierte Scheer aus ihrem Buch. Denn bei dem dalmatischen Küstenreh „handelte es sich nämlich keineswegs um das in den mitteleuropäischen Wäldern heimische Wild, sondern um ein Tier, das umso häufiger gegessen wurde, je weiter man in die südosteuropäischen Gegenden der Donaumonarchie vor­drang.“ Österreicher und Deutsche fanden Schafsfleisch, wie Scheer mit unzähligen Tagebucheinträgen belegt, dagegen wenig schmackhaft.

Auch einen weiteren der Kulinarik entsprungenen Begriff stellte die Autorin in ihrer Lesung vor: Mit „Portone dei Gnocchi“ bezeichneten die einheimischen Bewohner der kroatischen Hafenstadt Pola etwas spöttisch den Eingang zur hauptsächlich von Angehörigen der K. u. k. Marine bewohnten Neustadt. Denn dort, so wussten sie, wohnten die „Knödelfresser“. Laut Scheer lässt sich daraus schließen, dass unter den aus allen Teilen der Donaumonarchie stammenden Offizieren und Marinesoldaten wohl auch viele Tschechen dabei waren. Diese waren damals wie heute für ihre Liebe zu Knödeln bekannt.

Auch bei der Bezeichnung „Sliwowitzland“, mit dem sich ein weiteres Kapitel des Buches beschäftigt – aus dem die Autorin auch im Rahmen der digitalen Lesung vortrug –, geht es um die kulinarischen Vorzüge einer bestimmten Bevölkerungsgruppe beziehungsweise ihrer Region. Hinter dem Begriff verstecken sich die mit zahlreichen Pflaumenbäumen bedeckten Landstriche Sloweniens. Aus diesen fertigen die Slowenen einen starken Pflaumenschnaps, den Sliwowitz.

Digitale Einbahnstraße

Unser Fazit der digitalen Lesung? Da war viel Schönes dran. Schließlich bot sie einen einzigartigen Einblick in Scheers äußerst unterhaltsames Buch. Der größtenteils humoristische Wortschatz, den sie vorstellt, illustriert die Vielfalt der damaligen Gesellschaft und lässt den Eindruck einer zusammengewachsenen Sprachkultur entstehen, für die es kein Wörterbuch gibt – das Habsburgisch.

Die Informationen zum Schaffensprozess, aber auch zur Person von Tamara Scheer, die die Lesung bereitstellte, waren ohne Frage interessant, und die vorgelesenen Auszüge im österreichischen Akzent der Autorin gleich um ein Vielfaches charmanter. Was fehlte, war jedoch – und hier handelt es sich eigentlich um das wichtigste Element der Autorenlesung – die Möglichkeit, mit der Schriftstellerin ins Gespräch zu kommen. Natürlich gibt es in Zeiten des Internets 2.0 die Möglichkeit, Kommentare zu verfassen und zu veröffentlichen, die dann auch von der Autorin gelesen werden könnten. Die unsichtbare Barriere dieser anonymen Kommunikation führt jedoch dazu, dass sich meist keiner angesprochen fühlt. Gewünscht hätten wir uns auch einen stärkeren Ungarnbezug, schließlich hält das Buch auch die eine oder andere humorvolle Wortschöpfung aus der Welt der Magyaren bereit.

Die komplette Lesung können Sie sich auf der Facebook-Seite und dem You­Tube-Kanal des Österreichischen Kulturforums anschauen.

„Von Friedensfurien und dalmatinischen Küstenrehen: Vergessene Wörter aus der Habsburgermonarchie“
Von Tamara Scheer
Erschienen im Amalthea-Verlag im Januar 2019
ISBN-13: 978-3-99050-145-0
25 Euro
Eine Leseprobe finden Sie auf der Seite des Verlags unter https://amalthea.at

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