Rezension: „Aus Ungarn nach Bayern. Ungarnflüchtlinge im Freistaat Bayern“

Freiheitskämpfer auf der Flucht

„Als der Sonderzug mit 10 Minuten Verspätung langsam in den Bahnhof einlief, erhoben sich zahllose Hände zu herzlichem Willkommen, Kameras surrten, Fotoverschlüsse klickten.“

„Gesichter erschienen an den Fenstern, die sorgenvollen Mienen der Flüchtlinge aus dem Grauen der letzten Tage erhellten sich. Dasselbe Bild, das wir nun schon von den zahlreichen Transporten Ausgewiesener und Flüchtender kennen: Bescheidenes neben gutem Gepäck, verhärmte neben strahlenden Gesichtern, Männer, überwiegend jung, Frauen, Halbwüchsige, Kinder.“

Als die erste Gruppe ungarischer Flüchtlinge am 16. November 1956 im bayerischen Auffanglager in Piding ankam, wurde sie mit großer Euphorie begrüßt. Hochrangige Vertreter der Landespolitik erwarteten die Ankömmlinge am Bahnsteig, gesäumt von zahlreichen Kameraleuten und Zeitungsjournalisten. „Aus der Hölle in die Freiheit“, so titelten sie später emotional. Den Freiheitskämpfern aus Ungarn wurde ein offizieller Empfang erster Güte bereitet. In Deutschland galten sie alle als Helden.

Staatsminister Stain begann seine Ansprache mit den Worten: „Meine lieben ungarischen Freunde!“ Es sollte klar gemacht werden, dass sie in Deutschland keine Flüchtlinge waren, sondern Gäste. Obwohl die meisten Ungarn vermutlich wenig von der Rede verstanden, drückten sie ihre Dankbarkeit durch regen Beifall aus.

Mikroperspektiven und Einzelschicksale

Kaum eine Studie dürfte die Schicksale der ungarischen Revolutionsflüchtlinge von 1956 in Bayern so detailliert aufarbeiten, wie die Neuerscheinung der traditionsreichen deutsch-ungarischen Forschungsreihe Studia Hungarica, die mittlerweile schon beim Band 56 angekommen ist. Autorin Rita Kiss verfolgt darin die Spuren der Flüchtlinge aus Ungarn nach Bayern – von ihrer aufsehenerregenden Ankunft über alle Höhen und Tiefen, bis sich ihre Spuren Anfang der siebziger Jahre verlieren.

Dabei vergisst sie nicht, das zeithistorische große Ganze in den Blick zu nehmen, das die politische Situation rund um den denkwürdigen Volksaufstand in Ungarn prägte. Dennoch gelingt es ihr, auch die Mikroperspektiven und Einzelschicksale zu illustrieren, unterfüttert mit einer breiten Basis zeitgeschichtlicher Dokumente, Presseartikel und Zeitzeugenberichten.

Ihre Reise führt sie über die österreichisch-ungarische Grenze, dokumentiert die Ausnahmesituation der chaotischen Umstände und spontanen Blitzentscheidungen, die die Menschen in ihre neuen Aufnahmeländer führte. Sie beleuchtet die Hoffnungen derer, die in Deutschland ein neues Leben suchten, und die Enttäuschungen jener, die sich entschlossen, trotz aller Gefahr in ihre ungarische Heimat zurückzukehren. Sie nimmt die Leser mit in den Alltag in den Flüchtlings- und Wohnlagern, die Unterbringung in deutsch-ungarischen Schulen und die Eingliederung in den Arbeitsmarkt.

Bewunderung für den Freiheitskampf der Ungarn

Dabei zeigt sich immer wieder das besondere Herz der Bayern für die Ungarn. Vielleicht mag es begründet sein im tausendjährigen Bund zwischen dem heiligen König Stephan und seiner Prinzessin Gisela von Bayern, die zu Gisela von Ungarn wurde. Auch wenn das Buch nicht ohne Wiederholungen und Redundanzen auskommt, untermauert es doch eindrucksvoll die bayerische und deutsche Bewunderung für den Freiheitskampf der Ungarn.

Der Direktor des Caritasverbandes Passau, Johann Lampert, der am 7. November 1956 im Passauer Stephansdom vor Tausenden eine Gedenkrede hielt, fasste es folgendermaßen in Worte: „Sie kämpfen für ein christlich abendländisches Europa, sie kämpfen für die ganze Welt.“ Die FDP-Abgeordnete Herta Ilk äußerte im deutschen Bundestag: „Sie brachten die Opfer für uns alle, für den Gedanken der Freiheit schlechthin, und daraus erwächst uns die Verpflichtung, diesen Menschen zu helfen.“

Verunsicherung und Enttäuschung

Das Glanzstück der Studie ist sicherlich ihr Einblick in die Wahrnehmung der Ungarn in der deutschen Bevölkerung und vice versa. Anschaulich schildert sie die ersten Eindrücke der Euphorie, die grenzenlose Bereitschaft zur Hilfe und die zahllosen Spenden und spontanen Zeichen der Solidarität. Sie zeigt aber auch die ersten Enttäuschungen, Missverständnisse und Schwierigkeiten, als die begeisterten Einheimischen merkten, dass es sich bei den Helden und Freiheitskämpfern auch nur um Menschen, mit all ihren positiven wie negativen Eigenschaften, handelte.

Insbesondere die Erwartungen der Ungarn, die sich hinter dem Eisernen Vorhang den Westen nur als verklärtes Paradies vorgestellt hatten, mussten zwangsläufig enttäuscht werden, sobald sie auf die Realität trafen. Die für die Ungarn grenzenlose Freiheit der westlichen Gesellschaften und des Kapitalismus mit all ihren Vorteilen und Nachteilen sowie die kulturelle Entwurzelung drohten, die Geflüchteten zu erdrücken und zu verunsichern. Auch die Konflikte zwischen den Altflüchtlingen vor 1956 und den Neuflüchtlingen werden erwähnt.

Nichtsdestotrotz, anders als in Österreich oder der Schweiz, schwang die wohlwollende und großzügige Unterstützung der Ungarn in Bayern nie in Ablehnung über. Viele Ungarn fanden in Bayern eine zweite Heimat, ja es entwickelte sich sogar ein reges ungarisches akademisches Kulturleben.

Aus eben jenem entstand das Ungarische Institut München, das sich der Förderung und Pflege der Hungarologie verschrieben hat. Seit 1964 publiziert es die Studia Hungarica. Zufällig deren 56. Band widmet sich nun den Ereignissen von 1956.

Der Autor ist Mitarbeiter des Deutsch-Ungarischen Instituts für europäische Zusammenarbeit am Mathias Corvinus Collegium.

 

Rita Kiss: Aus Ungarn nach Bayern. Ungarnflüchtlinge im Freistaat Bayern 1956–1973
(Studia Hungarica Bd. 56). Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2022.
312 S., Abb., kart., 34,95 EUR.

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