Budapester Andrássy út (damals noch Sugár út) um 1896: „Die Straßen wurden immer breiter und prunkvoller.“ (Foto: wikipedia)

Lesetipp: „Die Welt von Gestern“ von Stefan Zweig

Erinnerungen eines Europäers

Der Erste Weltkrieg schien den meisten Menschen wie aus heiterem Himmel zu kommen. Mitten in eine Hochblüte der europäischen Zivilisation fuhr der Krieg mit einem bislang unbekannten Zerstörungspotenzial und hinterließ eine von Grund auf veränderte Welt. Europa kam – zum großen Teil bedingt durch die Pariser Vorortverträge – auch nach dem Kriege nicht mehr zur Ruhe. 100 Jahre nach Trianon wäre nun ein geeigneter Moment, um einen Blick in die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg zu werfen – eine Zeit, die von einem scheinbar unumstößlichen Optimismus geprägt war, eine Morgenröte, die unzählige Menschen mit dem Gefühl eines sich in Sicherheit wähnenden Weltvertrauens erfüllte. In seinem Buch „Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers“ beschreibt der Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) jene Welt, die mit dem Ersten Weltkrieg ein jähes Ende fand.

„Ich bedaure jeden, der nicht jung diese letzten Jahre des Vertrauens in Europa miterlebt hat“, schreibt Stefan Zweig in seinen 1942 erstmalig veröffentlichten Erinnerungen an die „Welt von Gestern“. In dem kurzen Zeitraum „haben sich mehr an radikalen Verwandlungen und Veränderungen ereignet als sonst in zehn Menschengeschlechtern“, schreibt der Österreicher, der sich den „Kampf gegen den Verrat der Vernunft an die aktuelle Massenleidenschaft“ auf die Fahnen geschrieben hatte.

„Wir alle sind in unserer innersten Existenz von den vulkanischen Erschütterungen aufgewühlt worden“, berichtet er über das Schicksal einer ganzen Generation, die aus ihrer sicher geglaubten Welt mit äußerster Brutalität hinausgeschleudert wurde. Gerade in Mitteleuropa verloren unzählige Menschen buchstäblich ihre Heimat – so auch Millionen von Ungarn und Deutschen, die im Zuge der „Friedensverträge“ über Nacht zu Bewohnern von Staaten wurden, die ihnen durchaus feindlich gesinnt waren. Nach Stefan Zweig galt die Erfahrung der Heimatlosigkeit aber für so ziemlich alle Beteiligten, für Sieger und Besiegte, deren gewohnte Welt im ersten industrialisierten Krieg für immer untergegangen war.

Die Epoche des Weltvertrauens

„Es herrschte ein unglaublicher Optimismus“, erinnert sich Stefan Zweig an die Vorkriegszeit. „Unsere Generation war von einem heute unvorstellbaren Weltvertrauen beseelt“, berichtet er über eine Welt, von deren Glanz spätere Generationen sich kaum noch eine Vorstellung machen konnten.

Als vielgereister Mensch und Kosmopolit stieß Zweig überall in Europa auf die unterschiedlichsten Neuerungen, die auf eine gemeinsame zivilisatorische Entwicklung verwiesen. „Ein Aufschwung begann, der in allen Ländern unseres Europas fast gleichmäßig zu fühlen war“, berichtet er. „Das Fahrrad, das Automobil, die elektrischen Bahnen hatten die Distanzen verkleinert und der Welt ein neues Raumgefühl gegeben.“ Ganz egal, wohin man kam, nach Wien, Mailand, Paris, nach Budapest, Berlin oder London – „breiter, prunkvoller wurden die Straßen, machtvoller die öffentlichen Bauten, luxuriöser und geschmackvoller die Geschäfte. An so vielen Dingen konnte man erkennen, „wie der Reichtum wuchs und sich verbreitete. Es entstanden überall „neue Theater, neue Bibliotheken, Museen; Bequemlichkeiten, die wie Badezimmer und Telefon vordem das Privileg enger Kreise gewesen, drangen ein in die kleinbürgerlichen Kreise, und von unten stieg, seit die Arbeitszeit verkürzt war, das Proletariat empor, Anteil wenigstens an den kleinen Freuden und Behaglichkeiten des Lebens zu nehmen.“

Eine wunderbare Unbesorgtheit war über die Welt gekommen, denn „was sollte diesen Aufstieg unterbrechen, was den Elan hemmen, der aus seinem eigenen Schwung immer neue Kräfte anzog?“, fragt der Autor, dessen Herz in der Erinnerung an die verlorene Zeit ganz offensichtlich schmerzen musste. „Nicht nur die Städte wurden schöner, die Menschen selbst wurden es. Dank des Sports, der besseren Ernährung und verkürzter Arbeitszeiten wurden sie schöner und gesünder.“

Wir erfahren, dass der heute noch immer andauernde Jugendkult bis in die Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert zurückreicht, „als sich eine ganze Generation dazu entschloss, jugendlicher zu werden“. „Die Frauen warfen die Korsetts weg, sie verzichteten auf Schleier und Sonnenschirme, weil sie Luft und Sonne nicht mehr scheuten“. „Sie kürzten die Röcke, um besser beim Tennis die Beine regen zu können und zeigten keine Scham mehr, die wohlgewachsenen sichtbar werden zu lassen.“ Bald schon sollte man junge Mädchen ohne Gouvernante mit jungen Freunden auf Ausflügen sehen und beim Sport „in offener und selbstsicherer Kameradschaft“.

In diesen zehn Jahren bis zum Krieg, so Zweig, „war mehr Freiheit, Ungezwungenheit zurückgewonnen worden, als vordem in hundert Jahren“. Es war, als sei ein anderer Rhythmus in die Welt gekommen. „Ein Jahr, was geschah jetzt alles in einem Jahr!“, ruft der Autor begeistert aus. „Wir jauchzten in Wien, als Blériot den Ärmelkanal überflog, als wäre es ein Held unserer Heimat“, erzählt er in einem ganz wunderbar lebendigen Stil, als säße er gerade mit ein paar Jugendlichen in einem Park und würde ihnen von einem versunkenen Kontinent berichten.

Wissen um die geistig-kulturelle Einheit Europas

„Wir waren völlig von der Zukunft Europas überzeugt, ja wir hofften sogar auf eine zukünftige Einigung unseres geliebten Europas“, schreibt Stefan Zweig im Bewusstsein der tieferliegenden Einheit der europäischen Zivilisation. Offensichtlich war der Gedanke an ein vereinigtes Europa gar nicht allein dem „Großen Krieg“ geschuldet, wie heute oftmals berichtet wird. Vielmehr hatte er zuvor schon geradezu in der Luft gelegen und die Herzen jener höher schlagen lassen, die ganz individuell damit begonnen hatten, sich über die eifersüchtigen Grenzen der eigenen Nation hinaus zu entwickeln.

„Aus Stolz auf die sich stündlich überjagenden Triumphe unserer Technik, unserer Wissenschaft war zum ersten Mal ein europäisches Gemeinschaftsgefühl, ein europäisches Nationalbewusstsein im Werden. Wie sinnlos, sagten wir uns, diese Grenzen, wenn sie jedes Flugzeug spielhaft leicht überschwingt, wie provinziell, wie künstlich diese Zollschranken und Grenzwächter, wie widersprechend dem Sinn unserer Zeit, der sichtlich Bindung und Weltbürgerschaft begehrt! Nur wer diese Epoche des Weltvertrauens miterlebt habe, „weiß, dass alles seitdem Rückfall und Verdüsterung gewesen“.

Von der Gier nach dem Immer-Mehr

„Warum Europa in den Krieg ging?“, fragt sich Stefan Zweig. „Ich weiß es nicht anders zu erklären als mit diesem Überschuss an Kraft“, schreibt er. „Als tragische Folge jenes inneren Dynamismus, der sich in diesen vierzig Jahren Frieden aufgehäuft hatte und sich gewaltsam entladen wollte.“ Womöglich sei der Aufstieg zu rasch gekommen: die Staaten und Städte „zu hastig mächtig geworden“ – und immer, so Zweig, „verleitet das Gefühl von Kraft Menschen wie Staaten dazu, sie zu gebrauchen oder zu missbrauchen“.

Foto: Fortepan

So konstatiert der Autor im Rückblick, wie Europa von einer gierigen Unersättlichkeit getrieben wurde: „Frankreich strotzte von Reichtum. Aber es wollte noch mehr, wollte noch eine Kolonie, obwohl es keine Menschen hatte für die alten; beinahe kam es um Marokkos willen zum Kriege. Italien wollte die Kyrenaika, Österreich annektierte Bosnien. Serbien und Bulgarien wiederum stießen gegen die Türkei vor.“ So berichtet der Autor von einer unersättlichen „Gier nach Expansion“, die sich überall in Europa ausbreitete wie eine „bazillische Ansteckung“.

„Die französischen Industriellen, die dick verdienten, hetzten gegen die deutschen, die ebenso im Fett saßen“, stellt er unparteiisch fest. „Die Hamburger Schiffahrt mit ihren riesigen Dividenden arbeitete gegen die von Southampton, die ungarischen Landwirte gegen die serbischen, die einen Konzerne gegen die anderen – die Konjunktur hatte sie alle toll gemacht, hüben und drüben, nach einem wilden Mehr und Mehr.“

Exkurs: Überflüssiges Geld

Was Stefan Zweig hier literarisch beschreibt, deckt sich mit den Analysen des englischen Publizisten und Ökonomen John Atkinson Hobson (1858-1940), demzufolge die Produktion in den Industriestaaten der westlichen Welt schneller gewachsen sei als die Massenkaufkraft. So sei „überflüssiges Geld“ entstanden, das innerhalb der nationalen Grenzen nicht mehr gewinnbringend investiert werden konnte und also exportiert werden musste. Von daher habe die koloniale Expansion den Versuch dargestellt, Absatzmärkte für die Überproduktion sowie Rohstoffquellen und günstige Produktionsstandorte zu erschließen – Expansionsbestreben, bei dem die nationalen Grenzen nur im Wege stehen würden.

Da die Investitionen im Ausland jedoch völlig unkalkulierbar gewesen seien, hätten die größten Investoren und Kapitaleigner die Machtmittel des Staates in Anspruch nehmen müssen, um dem Kapital im Ausland Sicherheiten zu verschaffen. Da die ausländischen Geldanlagen also staatliche Protektion benötigten, habe dies auch eine „Expansion der staatlichen Gewaltmittel“ nötig gemacht. Damit sei Hobson zufolge die Führung im imperialen Geschäft in die Hände des Industriekapitals gewechselt: die Sonderinteressen der Kapitaleigner hätten zusehends die Staatsgeschäfte dominiert. Zwangsläufig entstanden auf diese Weise Konflikte zwischen den kapitalistischen Eliten der verschiedenen Staaten bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen, in die sie – durch die heillose Verflechtung der Wirtschaft mit der Politik und der Kultur – die verschiedenen Nationen als Ganzes mit hineinrissen. Von daher wäre ebenso falsch wie ungerecht, den Nationen selbst, nachdem man im Namen des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ in den Krieg gezogen war, die Schuld am Kriege pauschal in die Schuhe zu schieben.

„Jeder Staat hatte plötzlich das Gefühl, stark zu sein, und vergaß, dass der andere genauso empfand, jeder wollte noch mehr und jeder etwas von dem anderen“, schreibt Stefan Zweig. Und während sich die großen Koalitionen immer enger und immer militärischer formten, während in Deutschland mitten im Frieden eine Kriegssteuer eingeführt und in Frankreich die Dienstzeit verlängert wurde, sorgte der allgemeine Optimismus dafür, dass man doch nicht so recht an die Möglichkeit eines Krieges glauben wollte.

Hoffnung auf die moralische Kraft Europas

„Es war noch keine Panik, aber doch eine ständige schwelende Unruhe, immer fühlten wir ein leises Unbehagen, wenn vom Balkan her die Schüsse knatterten“, schreibt Stefan Zweig. Unterdessen bildeten sich endlich jene Kräfte, die einen Krieg verhindern wollten. „Da war die sozialistische Partei“, so Zweig, „da waren die mächtigen katholischen Gruppen unter der Führung des Papstes und einige international verquickte Konzerne, da waren einige wenige verständige Politiker, die gegen jene unterirdischen Treibereien sich auflehnten.“

Die Haltung der meisten Intellektuellen sei jedoch eine „gleichgültig passive“ gewesen. „Wir glaubten genug zu tun, wenn wir europäisch dachten und international uns verbrüderten, wenn wir in unserer Sphäre uns zum Ideal friedlicher Verständigung und geistiger Verbrüderung über die Sprachen und Länder hinweg bekannten“, schreibt der Österreicher. Tatsächlich war unter einigen europäischen Intellektuellen – allen voran bei dem französischen Schriftsteller Romain Rolland, dessen Werk der Verbrüderung der europäischen Nationen diente – die europäische Idee erwacht. Und gerade die neue Generation sei es gewesen, die am stärksten dieser Idee anhing. „Wir waren überzeugt, dass die moralische Kraft Europas sich triumphierend bekunden würde im letzten kritischen Augenblick“, erinnert sich Zweig.

Schließlich sollte sich die Welt jedoch allzu wenig um literarische Manifestationen bekümmern: von einer Verbrüderung der europäischen Nationen war generell sehr wenig die Rede. „Irgendein elektrisches Knistern war im Gebälk von unsichtbaren Reibungen, immer wieder sprang ein Funke ab, immer nur gerade ein Funke, aber jeder hätte den gehäuften Explosionsstoff zur Entladung bringen können“, schreibt Zweig. „Besonders wir in Österreich spürten, dass wir im Kern der Unruhe lagen.“

Wie ein tönernes Gefäß in tausend Stücke

„Jener Sommer 1914 wäre auch ohne das Verhängnis, das er über die europäische Erde brachte, uns unvergesslich geblieben“, schreibt Stefan Zweig voller Wehmut. „Denn selten habe ich einen Sommer erlebt, der üppiger, schöner, und fast möchte ich sagen, sommerlicher gewesen. Seidenblau der Himmel durch Tage und Tage, weich und schwül die Luft, duftig und warm die Wiesen, dunkel und füllig die Wälder mit ihrem jungen Grün; heute noch, wenn ich das Wort Sommer ausspreche, muss ich unwillkürlich an jene strahlenden Julitage denken, die ich damals in Baden bei Wien verbrachte.“

Als am 28. Juni 1914 jene verhängnisvollen Schüsse in Sarajevo fielen, schlugen sie die „Welt der Sicherheit und der schöpferischen Vernunft in einer einzigen Sekunde wie ein hohles tönernes Gefäß in tausend Stücke“. So mündete das von der Überproduktion befeuerte imperialistische Zeitalter in den ersten großen europäischen Bruderkrieg. So begann eine neue Epoche verheerender Kriege, sodass man heute zusehends von einem neuen 30-jährigen, wenn nicht gar einem 100-jährigen Krieg spricht, der gerade Mitteleuropa besonders hart treffen sollte. Lange Zeit sah es sogar so aus, als ob Europa seine Mitte nie wieder finden sollte …

Budapest – So schön und sorglos wie nie

1915 wurde Stefan Zweig in seiner Funktion als Titularfeldwebel für das Österreichische Kriegsarchiv, das für seine Bibliothek die Originale der russischen Proklamationen und Anschläge im besetzten österreichischen Gebiet sammeln wollte, auch auf den Weg nach Budapest geführt. Dabei benutzte er unter anderem Lazarettzüge, die in ihrem Grauen nichts von jenen „gut erhellten, weißen, wohlgewaschenen Sanitätszügen hatten, in denen sich die Erzherzoginnen und die vornehmen Damen der Wiener Gesellschaft zu Anfang des Krieges als Krankenpflegerinnen abbilden ließen“.

Es handelte sich um gewöhnliche Transportwagen „ohne richtige Fenster, nur mit einer schmalen Luftluke und innen von verrußten Öllampen erhellt“. „Eine primitive Tragbahre stand neben der andern“, erinnert er sich. „Alle waren sie belegt mit stöhnenden, schwitzenden, todfahlen Menschen, die nach Luft röchelten in dem dicken Geruch von Exkrementen und Jodoform.“

Als Zweig endlich in Budapest ankam, mochte er seinen Augen nicht trauen. Nur „neun Schnellzugstunden von der Front“ war Budapest „so schön und sorglos wie nie“: „Die Frauen in weißen Kleidern promenierten Arm in Arm mit Offizieren, die mir plötzlich wie Offiziere aus einer ganz anderen Armee erschienen als jene, die ich erst gestern oder vorgestern gesehen“, schreibt er ungläubig. Nach all dem Elend, nach all den Toten und Verwundeten konnte er es einfach nicht fassen, als er sah, wie die Offiziere den Frauen Veilchensträuße kauften und „die Damen galant verehrten“, wie „tadellose Autos mit tadellos rasierten und gekleideten Herren durch die Straßen fuhren“. Aber hatte man ein Recht, „diese Menschen anzuklagen?“, fragte sich der Schriftsteller. „War es nicht eigentlich das Natürlichste, dass sie lebten und versuchten, sich ihres Lebens zu freuen?“

Seine Frage wurde kurz darauf beantwortet, als ihm ein Kellner eine Wiener Zeitung brachte. „Da standen alle die Phrasen von dem unbeugsamen Siegeswillen, von den geringen Verlusten unserer eigenen Truppen und den riesigen der Gegner, da sprang sie mich an, nackt, riesenhaft und schamlos, die Lüge des Krieges!“, schreibt er voller Zorn und kommt zu dem Schluss: „Nein, nicht die Spaziergänger, die Lässigen, die Sorglosen waren die Schuldigen, sondern einzig die, die mit ihrem Wort zum Kriege hetzten. Aber schuldig auch wir, wenn wir das unsere nicht gegen sie wendeten.“

In Gedenken an einen großen Europäer

Wie interessant es doch wäre, wenn wir Stefan Zweig zu seiner Meinung über die heutige Europäische Union befragen könnten. Würde er darin tatsächlich die Erfüllung all seiner Träume erblicken? Als geistiger Mensch, der sich der Vielfalt Europas bewusst war, wie sie sich historisch in den unterschiedlichen Völkern entwickelt hat, würde er womöglich bedauern, dass die kulturelle Dimension, die den eigentlichen Reichtum unseres „Kontinents“ ausmacht, im Rahmen der europäischen Union keine allzu große Rolle mehr zu spielen scheint. Sicherlich wäre Stefan Zweig jedoch äußerst glücklich gewesen, wenn er erlebt hätte, wie sich die Europäer auf einen Weg der Aussöhnung begeben haben, um eine Union zu bilden, die sämtliche Konflikte auf friedlichem Wege lösen möchte.

Ganz anders zur Zeit von Stefan Zweig: Blutenden Herzens musste er miterleben, wie sich die europäische Zivilisation in aufeinanderfolgenden Bruderkriegen selbst zerstörte. Auch die kulturelle Hochblüte, in der ganz Europa noch vor dem Ersten Weltkrieg stand, zu der auch Stefan Zweig selbst maßgeblich beigetragen hat, wurde jäh unterbrochen. Im Dritten Reich wurden erst seine Bücher verbrannt, dann wurde er 1935 auf die Liste der verbotenen Autoren gesetzt.

Über mehrere Stationen gelangte Stefan Zweig 1940 nach Brasilien. In der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942 nahm er sich mit seiner Frau in Petrópolis in den Bergen etwa 50 Kilometer nordöstlich von Rio de Janeiro das Leben. Die Zerstörung seiner „geistigen Heimat Europa“ hatte das Gefühl der Entwurzelung, das bereits nach dem Ersten Weltkrieg so bestimmend wurde, ins Unerträgliche gesteigert. Seine Kräfte seien „durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft“.

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers

1942 postum erschienen, 506 Seiten.
Das Buch kann u.a. bei Amazon als Taschenbuch zum Preis von 12 Euro erworben werden.

Ein Gedanke zu “Erinnerungen eines Europäers

  1. „Frankreich strotzte von Reichtum. Aber es wollte noch mehr, wollte noch eine Kolonie, obwohl es keine Menschen hatte für die alten; beinahe kam es um Marokkos willen zum Kriege. Italien wollte die Kyrenaika, Österreich annektierte Bosnien. Serbien und Bulgarien wiederum stießen gegen die Türkei vor.“ So berichtet der Autor von einer unersättlichen „Gier nach Expansion“, die sich überall in Europa ausbreitete wie eine „bazillische Ansteckung“.

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