Ratlosigkeit. Am Ende entschieden sich viele Index-Mitarbeiter für eine kollektive Kündigung. (Foto: Index / János Bődey)

Massenkündigung beim Nachrichtenportal Index

Solidarisierung mit entlassenem Chefredakteur

Am Freitag reichten mehr als 70 Journalisten und Redaktionsmitglieder des Nachrichtenportals Index ihre Kündigung ein. Grund dafür war, dass László Bodolai, Vorsitzender des Direktorats der Index Zrt. am Mittwoch Chefredakteur Szabolcs Dull entlassen hat.

Die Redaktion veröffentlichte am Freitagmittag eine Stellungnahme zur Massenkündigung. Darin heißt es unter anderem: „Zwei Dinge halten wir für die Grundvoraussetzungen des freien Funktionierens von Index: Weder in den auf Index erscheinenden Inhalt, noch in das Leben oder den Aufbau der Redaktion darf von außen eingegriffen werden. Mit dem Rauswurf von Szabolcs Dull ist letztere Voraussetzung verletzt worden.”

Bodolai: „Nicht mit solchen Wellen gerechnet“

Noch bis Donnerstagmorgen schien es, als gäbe es ein Einlenken. Nachdem am Mittwoch Chefredakteur Szabolcs Dull wegen der angeblichen Weitergabe geschäftsrelevanter Informationen entlassen worden war, stellte sich die Redaktion geschlossen hinter ihren Ex-Chefredakteur und bat am Donnerstag Bodolai um die Rücknahme der Kündigung von Dull.

Die linke Tageszeitung Népszava sprach am selben Tag mit László Bodolai, der sagte, es hätte keine Differenzen mit der Index-Redaktion gegeben, nur Dull sei unfähig zur Kooperation gewesen. Er selber würde jetzt warten, wie viele Kollegen tatsächlich aufstehen, um einschätzen zu können, wie es mit Index weitergehen könne. Mit solchen Wellen, hätte er nach eigenen Angaben, aber nicht gerechnet. Bis Freitagnachmittag reichten dann schließlich mehr als 70 Kollegen ihre Kündigung ein.

Török: „Über das Schicksal von Index entscheidet man letztlich im Fidesz

Derweil werden die Geschehnisse rund im Index auch national heiß diskutiert. Gábor Török, konservativer Politanalyst, äußerste sich Freitagmittag auf Facebook zum Thema und fand deutliche Worte: „Über das Schicksal von Index entscheidet man letztlich im Fidesz (sprich: in der Machtfabrik im Umfeld des Ministerpräsidenten), denn die Eigentümer sind mittlerweile dort zu finden. (….) Für die Machtfabrik sind die Medien eine rein politische Frage, sie glauben nicht daran, dass es politisch unabhängigen (sprich: nicht die politische Logik anwendenden) Journalismus geben kann. Was sie können, eignen sie sich an (…), was nicht, nehmen sie als Feind war und so stehen sie ihm gegenüber.”

Auch der liberale Publizist András Hont sieht in der jetzt entstandenen Situation keine Überraschung, vielmehr „ist Index seit zwei Jahren nachweisbar in der Hand des Fidesz“.

Derzeit ist nicht bekannt, ob die über 70 Index-Redakteure bei ihrer Kündigung aus Solidarität zu ihrem bisherigen Chefredakteur und auf Grund einer angenommen politischen Einflussnahme durch den Eigentümer handelten, oder ob es bereits handfeste Anhaltspunkte dafür gab, dass es bei Index zu einer Richtungsänderung kommen würde. Derzeit ist ungewiss, ob und wie das Portal weiterbestehen wird. Sobald weitere Einzelheiten dazu bekannt sind, werden wir darüber berichten.

 

Mehr Hintergründe zu den schon seit Jahren andauernden Konflikten mit den jeweiligen Index-Eigentümern können Sie hier lesen.

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