Rüstungskäufe
„Die Ungarische Armee muss darauf vorbereitet sein, unter allen Umständen an jedem beliebigen Ort zum Einsatz zu gelangen.“ (Foto: Árpád Földházi)

Interview mit Verteidigungsminister Tibor Benkő u.a. über die Rüstungskäufe der jüngsten Vergangenheit

Der Frieden muss geschützt werden!

Ohne professionell ausgebildete, loyale Soldaten nützt einem Land auch die beste Militärtechnik nichts, meint Tibor Benkő. Wir unterhielten uns mit dem Verteidigungsminister über die Modernisierung der Ungarischen Armee, die Rüstungskäufe, die Verpflichtungen innerhalb der NATO und das Prestige einer militärischen Laufbahn.
19. Oktober 2020 12:19

Es gibt derzeit Rüstungseinkäufe in einer Dimension, als würden wir in den Krieg ziehen?

Wir wollen keinen Krieg, wir möchten in Frieden leben, doch der muss gegen alle Herausforderungen geschützt sein. Dazu müssen wir uns an die heutigen Gegebenheiten anpassen und neue Fähigkeiten entwickeln. Das ist mit einer überwiegend vor mehr als vierzig Jahren in Dienst gestellten Technik nicht mehr machbar. Die Sicherheitslage verändert sich blitzschnell, wenn wir uns nur den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland vor Augen führen. Die Anwendung der sogenannten hybriden Kriegsführung in unserer Nähe schreibt die Regeln der konventionellen Kriegsführung um. Deshalb benötigen wir Technik, die auch im Cyberspace eingesetzt werden kann. Die Ungarische Armee muss darauf vorbereitet sein, unter allen Umständen an jedem beliebigen Ort zum Einsatz zu gelangen.

Das Programm zur Entwicklung der Schlagkraft unserer Armee läuft bereits seit 2017. Warum wirkt es von außen betrachtet so, als würden sich die Rüstungskäufe im Moment überschlagen?

Da überschlägt sich nichts, die Rüstungskäufe unterliegen einer durchdachten Konzeption. Noch vor Auflage des Programms im Januar 2017 hatten wir bis ins Detail geplant, über welche Fertigkeiten die Ungarische Armee im Jahre 2026 verfügen muss. Dem schlossen sich Marktforschung, Verhandlungen und Vertragsabschlüsse an, die heute konkrete Gestalt annehmen. Diese Prozesse sind sehr zeitaufwendig. In der Zwischenzeit müssen wir die Soldaten auf den Umgang mit der modernen Technik vorbereiten. Gleichzeitig müssen wir uns die wirtschaftliche Entwicklung des Landes vor Augen halten, einschließlich der Bestrebungen der Regierung, auch in diesem Sektor Arbeitsplätze zu generieren.

Verteidigungsminister Tibor Benkő vor einem der ersten in Ungarn eingetroffenen Leopard-Panzer: „Unsere Marktforschung zeigte, dass sich die europäische und innerhalb dieser wiederum die deutsche Rüstungsindustrie am besten für unsere Zwecke anbietet.“   Foto: Árpád Földházi

Viele Mitgliedstaaten vertrauen auf die NATO-Doktrin der gegenseitigen Beistandspflicht, andere setzen darauf, unbedingt die Schlagkraft der eigenen Armee zu stärken. Wann vollzog Ungarn die entsprechende Wende in seiner Militärpolitik?

Die Regierung erklärte bereits 2010, dass Veränderungen notwendig sind und das Land imstande sein muss, sich selbst zu verteidigen. Das verlangt übrigens auch die NATO. Gegen Mitte des vergangenen Jahrzehnts stabilisierte sich unsere Wirtschafts- und Finanzlage in einer Weise, dass ein militärisches Entwicklungsprogramm von substanzieller Tragweite auf den Weg gebracht werden konnte. Auf dem NATO-Gipfel 2014 in Wales gab Ministerpräsident Viktor Orbán bekannt, dass Ungarn seine Verteidigungsausgaben bis 2024 auf 2 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigern wird.

Spielte dabei die Annexion der Krim durch Russland im gleichen Jahr eine Rolle?

Was auf der Krim geschah, wirkte sich auf die NATO als Ganzes aus – die auf dem Gipfel in Wales gemachten Zusagen widerspiegeln dies gut. Die Mitgliedstaaten erkannten, dass jedes einzelne Land für den Schutz seiner Souveränität die eigene Kampfkraft erhöhen muss, um auf diesem Wege auch das Bündnis zu stärken. Die 2015 einsetzende Migrationswelle forcierte dieses Umdenken noch weiter. Heute sprechen wir von einer Bedrohung der NATO-Staaten aus östlicher und aus südlicher Richtung, wobei wir hier in Mitteleuropa aus beiden Richtungen getroffen werden können. Ungarn muss – gemeinsam mit den anderen Ländern der Visegrád-Gruppe (V4) – eine wichtige Rolle besetzen, wenn es um Garantien für die Sicherheit der Region geht.

Ungarische Rüstungskäufe: Deutsche Firmen profitieren mit Abstand am meisten.   Grafik: Mandiner/BZT

Ungarn hat der NATO also zugesagt, die Verteidigungsausgaben bis 2024 auf zwei Prozent am BIP zu erhöhen. Wird das denn gelingen, jetzt wo die Corona-Pandemie zu Sparmaßnahmen zwingt?

Weit verbreitet ist die Auffassung, dass die Gesundheit vorgeht, was auf der Ebene des Einzelnen auch durchaus der Wahrheit entspricht. Aber ohne Frieden lässt es sich schlecht gesund leben. Jugoslawien ist das beste Beispiel hierfür: Einst beneideten wir unseren südlichen Nachbarn um das dortige Lebensniveau, das sich jedoch mit dem Bürgerkrieg auf einen Schlag in Schall und Rauch auflöste. Dementsprechend kommt die Modernisierung des Landes auch in der Corona-Krise nicht zum Stillstand, was natürlich immer mit Augenmaß unter Berücksichtigung der finanziellen Möglichkeiten geschieht. Im Haushaltsplan für 2021 sind 1,66 Prozent am BIP für die Verteidigung vorgesehen – ausgehend davon erscheint es realistisch, die zugesagten zwei Prozent bis 2024 zu erreichen.

Wann können wir von einer modernen, regional maßgeblichen Ungarischen Armee sprechen?

In der strategischen Planung müssen wir mindestens zehn Jahre vorausschauen. Als Beispiel wäre da das Leasing der Gripen-Kampfflugzeuge, das 2026 ausläuft. In diesem Fall müssen wir um 2022/23 entscheiden, ob wir die Flotte beibehalten oder austauschen. Für die Beschaffung von Kampfpanzern unterzeichneten wir 2018 einen entsprechenden Vertrag. Die ersten Leopard 2A7 werden aber erst 2023 eintreffen. Genauso verhält es sich mit den mittelschweren Hubschraubern H225M. Unser Modernisierungsprogramm modelliert die Fertigkeiten, über die unsere Armee bis 2026 verfügen soll. Damit aber endet die Entwicklung keineswegs; schon jetzt blicken wir bis 2030-32 voraus. Ihre Frage kurz beantwortet dürften wir bis 2028 über eine moderne und starke Streitkraft verfügen. Dieses Niveau gilt es, anschließend zu halten.

Die jüngste Meldung handelte davon, dass Rheinmetall in Zalaegerszeg Lynx-Schützenpanzer bauen wird. Wie kam es, dass sich der deutsche Rüstungskonzern für Ungarn als Fertigungsstandort entschied?

Das ist eine komplexe Frage. In unserer Verteidigungspolitik verknüpfen wir die Modernisierung der Armee mit Forschung, Entwicklung und Innovationen beziehungsweise mit der Schaffung einer eigenen Rüstungsindustrie. Deutschland verfolgt sehr aufmerksam die ungarischen Ankündigungen und sieht sehr wohl, dass wir den Worten Taten folgen lassen. Was die Fertigung anbelangt, geht es nicht mehr um billige Arbeitskräfte, sondern um die Erkenntnis, dass hier motivierte und hochqualifizierte Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Deutschland kann auf Ungarn als Geschäftspartner zählen.

Es handelt sich um das größte einheimische Rüstungsprojekt seit Jahrzehnten. Die Ungarische Armee soll mehr als zweihundert Schützenpanzer Lynx KF41 erhalten.

Wir haben exakt 218 Lynx bestellt. Die ersten Schützenpanzer im Rahmen dieses Großauftrags werden 2022 noch in Deutschland gefertigt, bevor das Werk in Zalaegerszeg seine Produktion 2023 aufnimmt.

“Wir müssen Wege suchen, die jungen Leute anzusprechen, um sie für das Militär zu begeistern.”   Foto: Árpád Földházi

Ungarn kauft systematisch deutsche Militärtechnik ein, daneben wurden im August Raketen aus US-Produktion bestellt, die Gripen-Kampfflugzeuge wiederum stammen aus Schweden. Erfolgt diese Diversifizierung bei der Beschaffung bewusst?

Unsere Marktforschung zeigte, dass sich die europäische und innerhalb dieser wiederum die deutsche Rüstungsindustrie am besten für unsere Zwecke anbietet. Dabei reden wir nicht nur von Beschaffungen, sondern ebenso von der Ansiedlung von Fertigungskapazitäten, um den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes zu unterstützen und Arbeitsplätze zu schaffen. Die Diversifizierung geschieht natürlich bewusst: Die amerikanische Raketentechnik ist beispielsweise mit den Gripen kompatibel. Die Schlagkraft der NATO machen nicht die Typen der technischen Geräte aus, sondern deren Parameter. Dass die Kompatibilität bei jeder Technik gewährleistet ist, haben wir jeweils ins Kalkül gezogen. Hier geht es ja darum, dass wir uns bei gemeinsamen NATO-Einsätzen logistisch gegenseitig unterstützen können.

Sie halten viele Vorträge für altgediente Soldaten im Ruhestand. Warum ist Ihnen das wichtig?

Selbst die modernste Technik taugt nichts ohne entsprechend qualifizierte, loyale Soldaten. Wir müssen also Wege suchen, die jungen Leute anzusprechen, um sie für das Militär zu begeistern. Mehr als die Hälfte der Bewerber gewinnt die Motivation durch Familienangehörige, die einst gedient haben. Deshalb ist es wichtig, den älteren Generationen die Entwicklung der Ungarischen Armee vor Augen zu führen. So können sie ihren Erfahrungsschatz um dieses Wissen erweitert in die Waagschale werfen, wenn es junge Soldaten anzuwerben gilt.

Saab JAS 39 Gripen der ungarischen Luftwaffe: „Um 2022/23 entscheiden wir, ob wir die Flotte beibehalten oder austauschen.“   Foto: Árpád Földházi

Die moderne Technik dürfte viele junge Menschen begeistern. Wenn dann auch der Sold stimmt, wird die Laufbahn bei der Armee noch attraktiver.
Wir haben ein Karrieremodell entwickelt, das die materiellen Aussichten in der Zukunft transparent vermittelt. Die Ansprache der Jugend geschieht aber bereits im Rahmen einer patriotischen und militärischen Erziehung, die wir in unserem Kadettenprogramm standardisiert haben. Mittlerweile werden an 76 Partnerschulen militärische Grundkenntnisse unterrichtet oder sogenannte Kadettenklassen geführt. Diese Schüler werden bereits ernsthafter an den Militäralltag gewöhnt. Seit 2014 gibt es in Debrecen die vorläufig einzige Militärische Mittelschule mit Internat. Bis 2028 wollen wir landesweit acht bis zehn solcher Mittelschulen auf den Weg bringen, die der Armee den benötigten Nachwuchs sichern können.

Welches Ansehen haben die Soldaten heute?

Es ist wichtig, dass die Gesellschaft das wahre Gesicht der Armee erkennt, sie nicht nur als notwendiges Übel betrachtet, das viel Geld verschlingt. Frieden, Sicherheit und Stabilität verlangen Opfer. Dazu gehört auch die Form des Reservedienstes. Besaß das Land 2010 gerade einmal siebzehn Reservisten, stehen heute mehr als zehntausend bereit. Ich denke, diese Zahl spricht für sich. Reservisten melden sich häufig von ihrem Arbeitsplatz ab, um Ungarn an den Südgrenzen zu schützen. Die Menschen sehnen sich nach Ordnung, Disziplin und Kameradschaft; daneben erstarkt die Loyalität zur Heimat.

Manöver der ungarischen Armee: “Ein Soldat schützt seine Heimat und gibt, wenn es sein muss, auch sein Leben für sie. Das muss moralisch wie materiell Anerkennung finden.”   Foto: Árpád Földházi

Wird die Armee noch einmal jenes Prestige erlangen können, welches sie vor etwa hundert Jahren besaß?

Die heutigen Umstände sind ganz andere, als vor einhundert Jahren. In der Tat gehören die letzten dreißig Jahre nicht zur Blütezeit der Armee. Die Soldaten müssen beweisen, dass sie mit ihrem Auftreten und ihrem Know-how die Anerkennung der Gesellschaft verdienen. Im Übrigen nehmen die Bürger die Armee bei Katastrophenlagen wie der Hochwasserabwehr längst positiv wahr. Ein Soldat schützt seine Heimat und gibt, wenn es sein muss, auch sein Leben für sie. Das muss moralisch wie materiell Anerkennung finden. Wir denken, ein attraktives Karrieremodell bei der Ungarischen Armee auf die Beine gestellt zu haben.

TIBOR BENKŐ wurde 1955 in Nyíregyháza geboren; er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er durchlief seine militärische Ausbildung an der Militärhochschule „Lajos Kossuth“, an der Kalinin-Akademie im heutigen St. Petersburg und am Army War College in den USA, bevor er an der Universität für Nationale Verteidigung „Miklós Zrínyi“ promovierte. In den 1980er Jahren diente er als Offizier in verschiedenen Artillerieverbänden in Kiskunhalas und Székesfehérvár. Ab den 1990er Jahren führte er Brigaden und Regimenter in Kiskunhalas und Debrecen, bevor er 2006 zum Befehlshaber der Boden­truppen der Ungarischen Armee ernannt wurde. Seit 2010 war er Generalstabschef, von wo er 2018 als Verteidigungsminister in die Orbán-Regierung berufen wurde.

Aus dem Ungarischen übertragen von Rainer Ackermann.

Das hier gekürzt wiedergegebene Interview von Tamás Maráczi erschien Anfang Oktober im konservativen Wochenmagazin Mandiner.

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