Demographie
Millionen Ungarn weniger
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Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Parlament nahm die Rákóczi-Sommeruni in Sátoraljaújhely zum Anlass für ungewohnt offene Worte. „Die Zahl der Ungarn im Karpatenbecken schrumpft dramatisch“, sagte der Fidesz-Politiker Zsolt Németh. Die jüngsten Volkszählungen hätten niederschmetternde Zahlen zutage gebracht. In Siebenbürgen leben im Vergleich zu 1,6 Mio. vor dreißig Jahren nur noch rund 1 Mio. ethnische Ungarn. Transkarpatien sei wegen des Ukraine-Kriegs nicht überschaubar, aber auch dort dürfte der Bevölkerungsschwund im Kreis der ungarischen Minderheit 40% erreicht haben. Die Vojvodina im heutigen Serbien hätte schon unter den Jugoslawien-Kriegen in den 1990er Jahren gelitten. Einzig das historische Oberungarn in der heutigen Slowakei halte sich noch einigermaßen, aber auch dort ist die ungarische Bevölkerung um ein Fünftel kleiner geworden.
Im Mutterland nicht besser
„Im Mutterland sieht es nicht besser aus, ohne den Zuzug von Landsleuten aus dem Karpatenbecken hätten wir schon heute hierzulande weniger als neun Millionen Einwohner“, führte Németh weiter aus. Schlimmer noch: Wenn diese Tendenz anhält, wird Ungarns Bevölkerung bis 2050 womöglich auf 7 Mio. Einwohner schrumpfen. Im gesamten Karpatenbecken werden bis dahin vielleicht noch 8,5-9 Mio. Ungarn verbleiben.
Warnungen nicht aus der Luft gegriffen
Die monatlich vom Zentralamt für Statistik (KSH) präsentierten Zahlen zu Geburten und Sterbefällen zeigen eindrucksvoll, dass die Warnungen des Regierungspolitikers nicht aus der Luft gegriffen sind. Zwischen Juli 2022 und Juni 2023 fiel die Geburtenzahl für zwölf Monate unter 90.000 Babys: Der Rückgang zum Basiszeitraum erreichte bei 88.350 Geburten knapp 3%. Zwar geht die Sterbezahl seit der Corona-Pandemie radikal zurück, bis Ende Juni um 9% zu den zwölf Basismonaten, doch bei insgesamt 131.500 Todesfällen wird weiterhin Jahr für Jahr eine gar nicht so kleine Stadt entvölkert. Gleichzeitig gaben sich ein Fünftel weniger Paare das Ja-Wort (55.200 Eheschließungen binnen zwölf Monaten), was nicht viel Gutes für die Familienplanung verheißt.
Im I. Halbjahr 2023 kamen knapp 42.000 Kinder zur Welt, mit einer Geburtsverlagerung von Budapest in die umliegenden Gemeinden. Zur gleichen Zeit starben mehr als 64.500 Ungarn, darunter weiterhin die meisten in der Hauptstadt und der Tiefebene im Landesosten. Die Zahl der Eheschließungen fiel seit Jahresbeginn noch dramatischer um 30% zurück, um 25% in Nordungarn und um 35% in Budapest.
Einst ein Land von 10,7 Mio. Ungarn
Das KSH erinnert daran, dass im Rekordjahr 1980 noch 10,7 Mio. Ungarn das Land bevölkerten. Heute sind davon – nach vorläufigen Angaben aus der aktuellen Volkszählung – 9,6 Mio. verblieben. Der Bevölkerungsschwund erklärt sich in erster Linie aus einer zunehmend größeren Spanne zwischen den Zahlen der Sterbefälle und der Geburten. Zwischen den Volkszählungen von 2011 und 2022 schieden hierzulande 465.000 Personen mehr aus dem Leben, als geboren wurden. Im Saldo der Zu- zur Abwanderung ergab sich zur gleichen Zeit ein Plus von 130.000 Personen.
In den folgenden fünf Jahrzehnten droht die Bevölkerung – auch unter Anrechnung der Wanderungssalden – um weitere 1,5-2 Mio. Personen abzunehmen. Das geschieht nicht unabhängig davon, dass heute auf 100 Ungarn im aktiven Alter 23 Minderjährige, aber bereits 32 Ältere (ab 65 Jahren) kommen. Übrigens gab es bis 2006 mehr Kinder als alte Menschen in Ungarn; seither haben die Rentner ein Übergewicht in der Bevölkerung von 40% erlangt.

