Staatspräsident Tamás Sulyok im Parlament: „Ich stehe zu meiner Vergangenheit und senke in diesem Wissen mein Haupt vor sämtlichen Opfern des Holocaust.“ Fotos: Facebook/ Tamás Sulyok

Staatspräsident am Holocaust-Gedenktag:

Keiner steht über dem anderen

Staatspräsident Tamás Sulyok hielt am Gedenktag für die ungarischen Opfer des Holocaust eine bemerkenswerte Rede im Parlament.

Die Menschen müssten sich immer wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontieren, denn nur so sei eine respektvolle und aufrichtige Erinnerung an die Landsleute möglich, die zu Opfern wurden. „Kein Mensch hat das Recht, gleich ob religiös motiviert, aufgrund seiner Herkunft oder seiner Ideologie, über das Leben eines anderen zu urteilen, keine Gemeinschaft darf sich über die andere stellen“, erklärte Sulyok. Im unverrückbaren Glauben an die Unantastbarkeit der Menschenwürde sei der Gedenktag deshalb gleichzeitig ein Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Er glaube grundlegend an das Gute im Menschen und wisse nicht die Antwort, warum sich die Menschheit in immer neue Tragödien stürzt, Sinn und Verstand ausschaltet, um die Waffen gegeneinander zu richten. Der 16. April sei der Gedenktag für mehrere hunderttausend jüdische Mitbürger, „die aus unserer Mitte gerissen wurden“. Die Lehre müsse sein, dass der Geist der Unmenschlichkeit nie mehr auch nur aufkeimen dürfe.

Sämtliche Repräsentanten des jüdischen Lebens in Ungarn sowie der Botschafter Israels nahmen an der Gedenkveranstaltung teil.

Als Täter und Opfer schwiegen

Dann wurde der Staatspräsident persönlich, der selbst zwölf Jahre nach dem Holocaust geboren wurde. Er wuchs in einer Familie heran, in der alle von sich behaupteten, nie jemandem geschadet zu haben. Sein Vater, dessen Mittäterschaft Historiker unlängst aufdeckten, wuchs in einer Zeit auf, „als sowohl die Täter als auch die Opfer schwiegen“, ob im Zusammenhang mit dem Holocaust, den Massenvergewaltigungen durch Sowjetsoldaten ab 1945 oder den standrechtlichen Erschießungen Aufständischer im Herbst 1956. Seinen Vater könne er über die „neuen Wahrheiten“ nicht mehr befragen, denn der ist seit vierzig Jahren tot. „Aber ich stehe zu meiner persönlichen Vergangenheit und senke in diesem Wissen mein Haupt vor sämtlichen Opfern des Holocaust“, erklärte Sulyok.

Das dunkelste Kapitel

Der Staatspräsident Israels, Jitzchak Herzog, bezeichnete den Holocaust in einer Videobotschaft an die Teilnehmer der Gedenkstunde im Parlament als „dunkelstes Kapitel der Weltgeschichte“. Der Vorsitzende des Dachverbands der Jüdischen Gemeinschaft in Ungarn (Mazsihisz), Andor Grósz, mahnte die heutigen Generationen, selbst wenn sie für die Taten ihrer Vorgänger nicht verantwortlich seien, doch Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sich so etwas nie wiederholt. Israels Botschafter in Budapest, Yakov Hadas-Handelsman, erinnerte daran, dass fast jeder zehnte von 6 Mio. Toten des Holocaust Ungar war, Menschen, die in die ungarische Gesellschaft integriert waren, die sich in Politik, Wirtschaft und Kultur einbrachten.

Das ungarische Parlament beschloss im Jahre 2000, zur Zeit der ersten Orbán-Regierung, den 16. April fortan als Gedenktag der ungarischen Opfer des Holocaust zu begehen. An jenem Tag im Jahre 1944 begannen die ungarischen Behörden in Transkarpatien (heute Ukraine), die Juden in Ghettos einzupferchen.

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24. Mai 2024 10:23 Uhr