Viktor Orbán Trianon
Einweihung eines Trianon-Denkmals am 6. Juni in Sátoraljaújhely. (Foto: MTI / Zsolt Czeglédi)

100 Jahre Trianon

Wie wir uns erinnern

Der 4. Juni dieses Jahres markierte den 100. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags von Trianon. Formal bedeutete dieses Ereignis das Ende des Ersten Weltkriegs, für Land und Leute aber den Verlust von zwei Dritteln der vormals ungarischen Territorien.

Millionen Ungarn fanden sich plötzlich außerhalb der Landesgrenzen lebend. Trianon wurde seitdem zum Symbol des nationalen Zusammenhalts sowie der ideologischen Kluft in den Köpfen. Und obwohl laut einer Studie des Forschungsprojekts Trianon100 rund 85 Prozent der Ungarn Trianon als das tragischste Ereignis der ungarischen Geschichte erachten, ist der Umgang mit dem Thema bis heute ein heißes Eisen.

Von alten Landkarten und neuen Autoaufklebern, die Ungarn in seinen alten Grenzen zeigen, über die Székler-Flagge, die vom Parlament weht, bis hin zum Trianon-Mahnmal am Kossuth tér – die Erinnerungen an den Verlust, den Trianon für die Ungarn bedeutet, begegnen uns in vielen Formen. Dabei gibt es kein zweites Thema, das geeignet wäre, vergleichbar emotionale Diskussionen zu provozieren. Wie delikat ein Gespräch über Ungarns „nationales Trauma“, wie es häufig genannt wird, nach wie vor ist, zeigt sich auch darin, dass von allen Personen, mit denen die Budapester Zeitung im Rahmen dieses Artikels sprach, nur zwei mit vollem Namen genannt werden wollten. Die Mehrzahl zieht es vor, anonym zu bleiben.

Einer der Gründe, warum Trianon bis zum heutigen Tag derart kontrovers diskutiert wird, ist, dass es keine allgemein akzeptierten und von offizieller Seite gestützten Narrative gibt. „Zwischen den beiden Weltkriegen gab es nur einen Weg, um Trianon zu gedenken“, erklärte Balázs Ablonczy, Leiter des Forschungsprojektes Trianon100, kürzlich in einem Interview mit dem Online-Nachrichtenportal index.hu. Die Horthy-Ära sei von Wahlsprüchen wie „Nein! Nein! Niemals!“ Und „Lasst uns alles zurücknehmen“ geprägt gewesen, erläutert der Historiker. „Sogar die Opposition, darunter die Sozialdemokraten und die Liberalen, betonte die Wichtigkeit einer Revision. Allerdings dachten sie vor allem an eine ethnisch basierte Revision, bei der jene Territorien zurückgegeben würden, die mehrheitlich von Ungarn bewohnt waren“, so Ablonczy. Während also der Rückgewinn verlorener Territorien vor dem Zweiten Weltkrieg ein weitestgehend akzeptierter Wunsch einer Mehrheit der Ungarn war, „war es nach 1945 und insbesondere nach ’47 nicht mehr erlaubt, darüber zu reden“, erinnert Ablonczy.

Geschichtsstunde in der Familie

Éva ist Hochschuldozentin und als Kind einer Akademikerfamilie in den 1960er Jahren in einer ungarischen Kleinstadt aufgewachsen. „In der Schule haben wir nichts über Trianon gelernt“, erzählt sie. „Das erste Mal habe ich darüber von meinem Großvater Franz erfahren. Er wurde in einer Stadt geboren, die heute zu Kroatien gehört. Als die Grenzen neu gezogen wurden, lebte die Familie plötzlich in verschiedenen Ländern. Ein Bruder, der weiterhin das Haus der Familie bewohnte, wohnte nun in Jugoslawien, ein Bruder in Österreich und nur Franz verblieb auf ungarischem Territorium. Allerdings definierten sich mein Großvater und seine Brüder nie wirklich als Ungarn, aber auch nicht als Kroaten oder Österreicher. Stattdessen bezeichneten sie sich alle als Ungarisch sprechende Deutsch-Kroaten. Sie beherrschten natürlich alle drei Sprachen, obwohl der Bruder meines Großvaters ihm am Ende seines Lebens oft sagte, dass sein Kroatisch nicht mehr so gut sei, wie es einmal war.“

Historiker Balázs Ablonczy: „Man kann die Geschichte nicht in ein paar YouTube-Kommentaren aufarbeiten.“ (Foto: Facebook / Ablonczy)

In Familien ohne verwandtschaftliche Bande außerhalb der neuen Grenzen war das Wissen über Trianon und seine Folgen dagegen weitaus weniger verbreitet. „In unserer Familie wurde niemals darüber gesprochen“, erzählt Anna, eine pensionierte Musikerin aus Budapest. „Meine Eltern haben im Grunde genommen nie über Geschichte gesprochen.“ Ähnlich hat es Sándor erlebt. Der heute 76-Jährige wuchs in einer Lehrerfamilie auf dem Land auf. „Obwohl ich in Nagy­várad geboren wurde, eine Stadt, die heute Oradea heißt und zu Rumänien gehört, hat mein Vater nie darüber gesprochen. Erst gegen Ende der 1980er Jahre, als klar war, die Wende kommt bald. Doch selbst dann sprach er vornehmlich über die extreme Armut, unter der viele Ungarn damals litten. Die Menschen, die in Waggons hausen mussten, waren ihm wichtiger, als die Territorien, die wir verloren hatten.“

„Ich war mir sicher, früher war es näher“

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde die Frage nach Trianon sehr unterschiedlich gehandhabt. Nicht viele Politiker trauten sich, so offen darüber zu sprechen, wie der damalige Ministerpräsident József Antall, der zu Beginn seiner Regierungszeit sagte: „Im Sinne des ungarischen Gesetzes bin ich das Oberhaupt aller ungarischen Staatsbürger dieses zehn Millionen Einwohner umfassenden Landes, aber im Geiste und im Herzen würde ich gerne der Ministerpräsident aller 15 Millionen Ungarn sein.“ Mit dieser Aussage kehrte die Diskussion über Trianon endgültig in die ungarische Gesellschaft zurück.

„Als ich 1992 den Pfadfindern beitrat, haben mir die älteren Mitglieder von Trianon erzählt“, sagt Feri, der heute in der Unterhaltungsbranche arbeitet. Er erinnert sich an Abende, an denen sie gemeinsam ums Lagerfeuer saßen: „Sie haben Lieder darüber gesungen, etwa das Lied von der stolzen Burg von Krasz­na­hork oder auch die Székler-Hymne. So habe ich verinnerlicht, was es heißt, Ungar zu sein. Wenn ich jemals in die Vergangenheit reisen könnte, dann würde ich zum Tag der Vertragsunterzeichnung zurückgehen. Es ist schrecklich, sich vorzustellen, wie viele Ungarn damals ihre Heimat verloren haben. Sie sind eines Morgens aufgewacht und waren nicht länger in Ungarn. Und jene, die damals das Sagen hatten, haben es einfach geschehen lassen. Sie haben damit nicht nur das Land gebrochen, sondern auch das Herz eines jeden Ungarn.“

Auch wenn die ungarische Bevölkerung in den 1990er Jahren begann, offener über Trianon zu sprechen, hat sich noch immer keine weitgehend akzeptierte Lehrmeinung herausgebildet. „In gewisser Weise hat die ungarische Geschichtswissenschaft diese wichtige Dekade einfach ausgeblendet“, sagt Ablonczy. „Damals – in einer Zeit vor dem Internet – hätte sie noch das Meinungsmonopol in dieser Frage gehabt. Diese Chance hat sie nun verpasst.“ Laut Ablonczy seien Historiker seit den 2010er Jahren nicht mehr die ausschlaggebende Quelle, wenn es darum geht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. „Aber man kann die Geschichte nunmal nicht in ein paar YouTube-Kommentaren aufarbeiten.“ Im Interview weist Ablonczy zudem darauf hin, dass sich nicht einmal alle Geschichtslehrer in der Frage von Trianon einig wären.

„Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht mal daran erinnern, in der Schule darüber gelernt zu haben“, sagt auch die 30-jährige Bori, die für eine IT-Firma in Budapest arbeitet. „Ich war acht Jahre alt, als ich das erste Mal erfahren habe, dass Siebenbürgen einmal zu Ungarn gehörte. Ich wusste damals nur, dass Ungarn ein kleines Land ist, in dem alles nah beieinander liegt. Aber immer, wenn wir nach Siebenbürgen fuhren, dauerte es so furchtbar lange, bis wir ankamen. Ich weiß noch, dass ich immer dachte: Schade, dass das nicht mehr Ungarn ist. Denn ich war mir sicher, früher muss es näher gelegen haben.”

Familienbande zerrissen

„Für mich ist es die größte Tragödie, von all den Familien zu hören, die durch Trianon auseinandergerissen wurden“, sagt der 40-jährige Barnabás. Der Marketingmanager eines ungarischen Unternehmens fügt hinzu: „Dass Leute ihre Verwandten nicht mehr sehen konnten, nur weil sie plötzlich auf der anderen Seite der Grenze lebten.“

Barnabás bemerkt zudem, dass durch Trianon auch Familien Schaden genommen haben, die ansonsten intakt blieben. „Ich hatte eine Tante aus Sza­mos­újvár – oder Gherla, wie es auf Rumänisch heißt. Sie ist in Rumänien aufgewachsen, hat die Rumänen aber immer gehasst. Sie hat mir erzählt, dass ihr Vater ihrem Bruder den Schwur abnahm, niemals eine rumänische Frau zu heiraten. Und obwohl er sich später in Bukarest in eine Rumänin verliebte, konnte er es nicht übers Herz bringen, seinen Schwur zu brechen. Er ist am Ende allein gestorben.”

Im Falle der Familie des 30-jährigen David lag der Fall anders. Sein Vater ist Rumäne, seine Mutter eine Ungarin, die in Rumänien geboren wurde. Unmittelbar nach der Wende, als David noch ein Baby war, zogen sie nach Ungarn. Obwohl seine Großmutter zunächst die Ehe ihrer Tochter zu akzeptieren schien, schlichen sich mit der Zeit mehr und mehr Konflikte ein. „Wir lebten schon lange in Ungarn, da fing meine Großmutter an, sich über meinen Vater auszulassen. Sie beschimpfte ihn, weil er Rumäne war. Ich weiß noch, dass ich mit ihr darüber gestritten habe, dass sie nicht so über meinen Vater reden solle.“

Die Erinnerung an Trianon – außerhalb der Grenze

Wenn man nach Siebenbürgen reist, stößt man auf zahlreiche Denkmäler und andere Insignien, die an die frühere Zugehörigkeit zu Ungarn erinnern. Überraschenderweise ist Trianon aber für die, die dort leben oder Verwandtschaft dort haben, weitaus weniger relevant, als man es vermuten mag. „Ich habe das Gefühl, dass die Ansichten desto radikaler werden, umso weiter man sich von den eigentlich betroffenen Gebieten entfernt“, empfindet Bori, die sowohl Verwandte in Ungarn als auch in Siebenbürgen hat. Sie glaubt, dass die Mitglieder ihrer Familie, die nach Ungarn gezogen sind, weitaus emotionaler auf das Thema Trianon reagieren, als jene, die außerhalb der Grenzen geblieben sind. „Meine Verwandten, die dort geblieben sind, denken nicht mehr darüber nach. Sie wollen ihr Leben einfach nur, so gut es geht, gestalten. Sie machen sich nicht zu viele Gedanken darüber, ob ihre Kinder nun zum ungarischen Wasserball-Training gehen oder zum rumänischen. Sie entscheiden sich einfach für das bessere Angebot.“

Réka, eine junge ungarische Filmemacherin, die in Marosvásárhely (Targu Mures) in Rumänien aufwuchs, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Obwohl sie als Ungarin außerhalb der Grenzen aufgewachsen ist, hat Trianon nie eine große Rolle in ihrem Leben gespielt. „Ich könnte nicht einmal sagen, wann ich das erste Mal von Trianon gehört habe. Natürlich muss ich irgendwann davon gelernt und auch verstanden haben, was das für praktische Konsequenzen hatte. Aber es war für mich einfach nicht so ein einschneidendes Lebensereignis. Nicht wie damals, als ich das erste mal Nirvana im Fernsehen gesehen habe.“ Für Réka war es das Natürlichste der Welt, in einem Teil Rumäniens aufzuwachsen, der früher einmal zu einem anderen Land gehört hat. „Es hat mich nicht wirklich berührt.“ Als jemand, der 70 Jahre nach Trianon geboren wurde, hatte die junge Frau auch ein ganz anderes Verhältnis zur rumänischen Mehrheitsgesellschaft. „Als Teenie habe ich natürlich nicht viel mit meinen Eltern über meine Beziehungen gesprochen, das geht sicher vielen jungen Leuten so. Dabei war mein erster Freund sogar Rumäne. Wir haben uns viele SMS geschrieben, als wir zusammen waren – natürlich auf Rumänisch.“

Auch Borbála Lőrincz findet, dass die Diskussion um Trianon in Siebenbürgen wesentlich weniger präsent ist als in Ungarn. Die Soziologin hat ihre Masterarbeit zum Thema „Nationalistische Politik und tagtägliche Ethnizität in einem Székler-Dorf“ geschrieben. „Eine Erkenntnis meiner Arbeit ist, dass die Fragen, die ungarische Politiker gerne in den Vordergrund stellen, im Leben der Bewohner dieses Dorfes keine große Rolle spielen. Armut, auseinanderbrechende Gemeinschaften, Leute, die wegziehen und ausgegrenzt werden – das ist es, worüber die Menschen sprechen. Über ihre ungarische Identität sprachen sie nur, wenn ich sie direkt danach gefragt habe.“

„Trianon hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin”

Der in Ungarn geborene Hugo Száz Guimaraes wusste nicht viel über seine ungarischen Wurzeln, als er 2013 zum ersten Mal nach Ungarn reiste. Was ihm seine Mutter erzählt hatte, war, dass seine ungarischen Urgroßeltern ihre Heimat in Jugoslawien und Rumänien nach dem Krieg verlassen mussten. „Sie haben sich dafür geschämt, dass sie ihr Land und ihre Dokumente verloren haben“, erzählt er. „Trianon hat mir persönlich zuerst nicht viel gesagt. Doch dann habe ich begonnen, mir vorzustellen, was es für sie bedeutet haben muss, ihre Heimat zu verlieren, und ich habe sie sehr bedauert.“ Im Rahmen eines Förderprogramms erhielt Hugo die Möglichkeit, am Balassi-Institut in Budapest Ungarisch zu lernen. Im Anschluss daran entschied er sich, seinem Geburtsland Brasilien den Rücken zu kehren, um dauerhaft nach Ungarn zu ziehen. „Meine Großeltern haben sich auf dem Schiff nach Brasilien kennengelernt. Sie hätten sich sonst wahrscheinlich niemals getroffen. Hätte es Trianon nicht gegeben, dann wäre ich nicht in Brasilien geboren worden. In gewisser Weise hat mich Trianon also zu dem gemacht, der ich heute bin.“

Nach Hugos Ansicht sollte die Erinnerung an Trianon wachgehalten werden. Er glaubt, dass es insbesondere die ungarische Kultur ist, die gefördert werden sollte. „In Sao Paolo gibt es eine große ungarische Community. Viele halten die ungarische Sprache, ungarische Volkstänze und Märchen dort am Leben, aber meine Familie hat ihren Bezug zur ungarischen Kultur verloren. Und wenn das verloren geht, dann geht auch das Gefühl von Identität verloren, und das ist die wahre ungarische Tragödie.”

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