Karl IV. (Karl I.), der letzte Herrscher der Dynastie: Nicht die Paläste waren sein Zuhause, sondern Garnisonen, Eisenbahnwagons und am Ende das Exil auf Madeira. Foto: Archiv Wien Museum

Ungarns letzter König Karl IV.

Habsburgs verspielte Hoffnung

Kein Habsburger ist wohl so stark in den Hintergrund gedrängt worden wie Karl IV. (Karl I.), der letzte Herrscher der Dynastie.

Friedensbringer wollte er eigentlich sein, als unglücklicher Kriegsherr ging er aber in die Geschichtsbücher ein. Nicht die Paläste waren sein Zuhause, sondern Garnisonen, Eisenbahnwagons und am Ende das Exil auf Madeira.

Am 1. April 2022 jährte sich Karls Todestag zum hundertsten Mal. Aus diesem Anlass finden einige Ausstellungen und Veranstaltungen statt. Am 21. März hielten namhafte Historiker – darunter Iván Bertényi, Christopher Brennan, Róbert Fiziker, Lothar Höbelt und Manfried Rauchensteiner – Vorträge am Ungarischen Kulturinstitut in Wien.

Im Mittelpunkt stand Karls Einfluss auf die europäische Außen- und ungarische Innenpolitik. Wie ist sein politisches Engagement während und nach dem Ersten Weltkrieg heute zu werten? Und wie sehr beeinflusste seine Persönlichkeit die Entwicklungen in einem Europa, das sich im 20. Jahrhundert neu formierte?

Krönung mitten im Krieg

Mitte November 1916 – es tobt noch der Erste Weltkrieg und sein Ende ist nicht absehbar – erreicht eine Depesche den Feldmarschallleutnant Karl von Habsburg. Er solle sofort nach Wien kommen, der alte Kaiser Franz Joseph liege im Sterben. Mit einiger Verspätung trifft der Thronfolger in der Reichshauptstadt ein. Erste Filmaufnahmen vom Begräbnis Franz Josephs I. und vom neuen Herrscherpaar Karl und Zita mit ihrem Sohn Otto gehen um die Welt. Nun liegt es an Karl, die Geschicke der Donaumonarchie zu lenken. Am 29-jährigen Spross der Dynastie hängen alle Hoffnungen seiner Untertanen, denen er bis dahin nicht wirklich ein Begriff ist.

Viele Zeitzeugen und Historiker sahen und sehen in Karl eine sehr ambivalente, recht widersprüchliche Persönlichkeit. Christopher Brennan, der die Biografie und Politik des Monarchen ausführlich erforscht hat, beschreibt ihn als „manchmal ungestüm und unentschlossen, sorglos und überlegt, leicht im Umgang, ohne leichtfertig zu sein, sich einer Sache bewusst, aber wenig gewissenhaft.“ Franz Joseph nannte seinen Großneffen einen „guten Burschen“. Vor seiner Seligsprechung 2004 unterstrich man seine Rolle als „vorbildlicher Christ, Ehemann, Familienvater und Herrscher“ – ein Image, das vor allem sein Sohn Otto gern der Öffentlichkeit präsentierte. Banaler ist das Resümee von Historiker Róbert Fiziker: Für ihn ist Karl ein „gescheiterter, erfolgloser Herrscher“. Woran scheiterte er? Hätte er den Lauf der Dinge verändern und den Zerfall der Monarchie womöglich verhindern können? Und welche Rolle spielte Ungarn dabei?

Bei einem Besuch in Trient. Foto: Archiv Wien Museum

Franz Ferdinand war den Magyaren nicht wohlgesinnt. Seine Absicht war es, die Macht der ungarischen Reichshälfte stark einzuschränken. Nach dessen Ermordung in Sarajevo 1914 erhoffte sich Budapest daher einen Richtungswechsel. Diese Hoffnung erfüllte Karl zum Teil, als er mit mehreren Gesten den Ungarn entgegenkam: Seine Krönung am Krönungshügel in Budapest und Besuche in Pressburg und Debrecen, dem Zentrum der habsburgfeindlichen Calvinisten, waren wichtige Symbolakte, die der neue Herrscher setzte. Ausreichend waren sie aber nicht. In den Augen von Iván Bertényi, Vizedirektor am Ungarischen Kulturinstitut, erwies sich vor allem die Entlassung des erfahrenen Ministerpräsidenten István Tisza als verhängnisvoll für das weitere politische Geschehen.

Gescheiterte Friedenspläne, vereitelte Restaurationsversuche

Der junge König galt als politisch nicht sehr erfahren. Seine Reformideen waren meist unausgereift und zu „improvisiert“, um Lösungen für Probleme im Vielvölkerreich zu finden. Laut Christopher Brennan lenkte die Vorstellung eines „Sonderfriedens“ Karl von notwendigen Reformen ab. Ein klares Konzept, wie denn dieser Friede aussehen sollte, hatte der Regent nicht.

Karl bemühte sich, so der Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner, in erster Linie um einen Waffenstillstand und Verzichtfrieden. Österreichs Eigenständigkeit unterstrich er zwar bei einem Treffen mit seinem wichtigsten Verbündeten, dem deutschen Kaiser Wilhelm II. Trotz seiner anti-preußischen Haltung, die manche Kräfte dem Habsburger zugutehielten, war Österreich-Ungarn jedoch auf deutsche Militärhilfe angewiesen.

Für Lothar Höbelt, der sich mit der Außenpolitik von Karl IV. auseinandergesetzt hat, war ein angedachter „Sonderfrieden“ allerdings Ausdruck einer Hoffnungslosigkeit, den Großen Krieg doch noch für Österreich-­Ungarn gewinnen zu können. Ein Friedensangebot der Entente zeichnete sich nicht ab. Mit dem Kriegseintritt der USA im Jahr 1917 und dem Einsatz von U-Booten schwand auch diese leise Hoffnung zunehmend.

Als der Krieg 1918 verloren war, unterzeichnete Karl schließlich die „Eckartsauer Erklärung“ auf dem Marchfelder Schloss Eckartsau, nachdem Schönbrunn an die neue Republik Deutsch-Österreich übergegangen war. In diesem Dokument verzichtete er auf die Ausübung seiner Staatsgeschäfte, nicht aber auf den Thron. „Ich bin und bleibe der rechtmäßige Herrscher Deutsch-Österreichs“, schrieb Karl an den Wiener Erzbischof, „Ich werde nie abdanken.“

Seine feste Entschlossenheit, die Monarchie wiederherzustellen, und sein Selbstbild als „Herrscher von Gottes Gnaden“ alarmierten die neuen Machthaber in Europa. Zwei Restaurationsversuche, in Ungarn wieder an die Macht zu kommen, scheiterten am Widerstand von Miklós Horthy.

Erinnerungen aus dem Exil

In Europa befürchtete man einen dritten Restaurationsversuch. Nach einer kurzen Internierung in der Abtei Tihany am Balaton wurden Karl und Zita im November 1921 mit einem britischen Schiff auf die isolierte Atlantikinsel Madeira gebracht. Der Habsburg-Historiker David Schriffl hat diese letzten Monate näher untersucht. Die portugiesische Regierung behandelte den Vertriebenen im Exil nicht wie einen Gefangenen, sondern wie einen Gast. Man verbot Karl zwar, die Insel zu verlassen, und ließ ihn von den lokalen Behörden streng bewachen. Trotzdem durfte er mit seiner Frau und den Kindern ein ruhiges Familienleben – wenn auch in sehr bescheidenen Verhältnissen – führen. Sein Sohn Otto bezeichnete diese Monate später einmal als die glücklichste Zeit seines Lebens.

Ein portugiesischer Fotograf begleitete die Familie im Exil. Über vierzig Schwarzweiß-Aufnahmen sind daraus entstanden und erstmals in einer kleinen Ausstellung am Ungarischen Kulturinstitut zu sehen. Sie zeigen das vertriebene Herrscherpaar beim Flanieren in Funchal, Karl auf der Jagd in den Bergen von Madeira und schließlich den letzten Kaiser von Österreich und König von Ungarn auf dem Totenbett.

Der Tod von Karl IV. am 1. April 1922 auf Madeira ließ die Kaiser- und Königstreuen in Europa aber nicht verstummen. Der Historiker Vince Paál spricht von zwei Lagern in Ungarn: einerseits die Legitimisten, die Karl und dessen Nachkommen weiterhin als rechtmäßige Herrscher betrachteten, und andererseits die Freien Königswähler, die einen neuen Monarchen bestimmen wollten. Eine Rolle spielte hier auch die Grenzziehung: Die Legitimisten beanspruchten nämlich auch jene früheren Gebiete Ungarns, die jetzt anderen Nationalstaaten angehörten. Mit dem Anschluss und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verschwand diese politische Gruppierung zunehmend in der Bedeutungslosigkeit.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Herrscher, der seine historische Rolle nie in Frage stellte und am Vermächtnis seiner Vorfahren festhalten wollte. Selbst dann, als die Weichen für ein neues Zeitalter in Europa schon längst gestellt waren.

Schreibe einen Kommentar

Weitere Artikel