Dr. Robert Breitner bei seiner Ansprache im Parlament in Budapest anlässlich der Gedenkfeier zum 20. Jahrestag im Juni 2009 zum Fall des Eisernen Vorhanges. (Foto: Wolfgang Bachkönig)

Die Fluchtgeschichte von Dr. Robert Breitner

Endlich war ich frei …

Dr. Robert Breitner wusste bereits im Alter von acht Jahren, was die Stasi ist und dass die Menschen in der DDR von deren Mitarbeitern bespitzelt werden. Das Warten bis zur Rente, um legal ausreisen zu können, war für ihn keine Option. Deshalb entschloss er sich bereits im Alter von 18 Jahren zur Flucht. An der ungarisch-burgenländischen Grenze wurde er bei Répcevis von ungarischen Grenzsoldaten festgenommen. Nach dem Verhör setzten ihn die ungarischen Behörden mit der Auflage, Ungarn sofort in Richtung DDR zur verlassen, auf freien Fuß. Er fuhr jedoch nach Budapest, fand in einem Flüchtlingslager des Malteser Hilfsdienstes Aufnahme und reiste am 10. September 1989 legal aus Ungarn aus.

Dr. Robert Breitner erzählt: Bis auf die kurzfristige Festnahme an der tschechoslowakisch-ungarischen Grenze, die ja ohne Folgen blieb, ist meine Flucht von der DDR bis nach Ungarn „planmäßig“ verlaufen. Doch der gefährlichste Teil auf dem Weg in die Freiheit steht mir mit dem illegalen Grenzübertritt nach Österreich ja noch bevor. Deshalb ist eine exakte Planung notwendig.

In Budapest suche ich mit meinem westdeutschen Freund in einem Kiosk nach Landkarten von Westungarn, auf denen man die Topographie des Grenzgebietes sehen kann. Danach entscheiden wir, dass wir mit dem Zug noch gemeinsam bis nach Szombathely reisen und sich dort unsere Wege trennen werden. Mein Freund, so beschließen wir, wird dann von Szombathely alleine nach Wien fahren. Weiters vereinbaren wir, dass er sich nach zwei Tagen täglich um 12:00 Uhr beim Stephansdom einfinden wird, um mich dort zu treffen. Nach geglückter Flucht wollen wir unseren Weg nach West-Berlin wieder gemeinsam fortsetzen. Doch zu dem Treffen kommt es nicht, weil ich bei meinem Fluchtversuch verhaftet werde.

Pfarrer aus Augsburg hilft

Nachdem wir in Szombathely aus dem Waggon gestiegen sind, trennen sich unsere Wege. Mein Bekannter nimmt nun auch meinen Koffer und fährt alleine weiter nach Wien. In Szombathely komme ich zur katholischen Kirche, spreche den Pfarrer an und ersuche ihn, mir bei der Flucht zu helfen. Als er meine Bitte mit der Begründung, dass die „Augen des Staates“ auch auf seine Gemeinde gerichtet seien und er deshalb kein Risiko eingehen könne, ablehnt, gehe ich enttäuscht aus dem Gotteshaus. Dass dieses Gespräch ein anderer, ebenfalls in dieser Kirche anwesender Pfarrer – der mir später helfen wird – mithört, bemerke ich zu diesem Zeitpunkt nicht.

„Was soll ich jetzt tun“, frage ich mich, als sich das Glück plötzlich wieder auf meine Seite schlägt. Auf dem Weg aus der Kirche spricht mich nämlich dieser ältere Herr, der sich als Pfarrer der ungarisch-katholischen Gemeinde des Bistums Augsburg vorstellt, an und sagt mir, dass er gehört habe, warum ich in diese Kirche gekommen sei. Er bietet mir sofort seine Hilfe an und ersucht mich, ihm zu folgen und in sein Auto zu steigen. Im ersten Moment bin ich mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. „Ist es etwa ein „Mann der Stasi“, denke ich mir, setze mich aber dennoch in sein Fahrzeug und fahre mit ihm von der Kirche weg. Während der Fahrt erzählt er mir seine Geschichte. „Ich war einst, so wie Sie, ein Flüchtling, denn ich musste Ungarn nach dem Einmarsch der Sowjetarmee im Jahre 1956 während der Revolution verlassen. Damals haben mir die Westdeutschen geholfen und jetzt helfe ich ihnen.“

Wir fahren mit seinem Audi 80, der in Augsburg zugelassen ist, zu seinen Eltern bei Kőszeg. Nachdem ich zu essen bekommen und mich ausgeruht habe, bringt mich der Pfarrer mit seinem Schwager zur Grenze. Ich laufe sofort durch ein mannshohes Maisfeld in Richtung eines Waldes, den ich durchqueren muss, bevor es dunkel wird. In diesem Wald vermute ich nämlich dürres Holz, das ich in der Dunkelheit nicht sehen kann. Diesen trockenen Ästen muss ich unbedingt ausweichen, um nicht darüber zu stolpern und dadurch Geräusche zu verursachen. Doch so einfach, wie ich mir das vorgestellt habe, ist es nicht, weil man mich wahrscheinlich bereits bei der Durchquerung dieses etwa 500 Meter breiten Maisfeldes bemerkt hat. Ich höre nämlich das Bellen von Hunden, die sich in unmittelbarer Nähe befinden müssen. Plötzlich stehe ich vor einem Bach – ich denke, dass ist die Rabnitz – zwischen Répcevis in Ungarn und Lutzmannsburg in Österreich, den ich überspringe. Dann erreiche ich nach einigen Schritten diesen Wald, wo ich mich zunächst verstecke. Das Hundegebell lässt nach, jedoch höre ich ab diesem Moment kontinuierlich ein Pfeifen mit Lang- und Kurzzeichen – ungarische Grenzsoldaten, die mich wahrscheinlich entdeckt und schon länger beobachtet hatten, dürften sich durch Morsen (Morsen = konstantes Ein- bzw. Ausschalten von Signalen) untereinander verständigt haben.

„Aus und vorbei…“

Es ist nun so dunkel, dass ich die Hand vor dem eigenen Gesicht nicht sehen kann. Obwohl Schwärme von Mücken über mich herfallen und mich stechen, harre ich zunächst in meinem Versteck, in dem ich mich nicht bewegen kann und darf, aus. Ich habe Angst, dass sie mich so kurz vor dem Ziel erwischen und versuche die Schmerzen zu ertragen.

Kurz nachdem ich den Wald verlassen habe, stehen plötzlich zwei junge ungarische Grenzsoldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag vor mir. Ich werde zu einem Militärfahrzeug eskortiert und mit diesem in eine Kaserne der Grenzwache gebracht, wo ich dem Kommandanten vorgeführt werde. Er fragt mich nach dem Grund meiner Flucht und teilt mir mit, dass ich den staatlichen Behörden übergeben werden muss.

„Aus und vorbei, bald werde ich in einem Gefängnis in der DDR landen“, denke ich mir. Nach diesem Gespräch bringt man mich in den Fernsehraum, in dem sich zwei junge Soldaten aufhalten. Ich bekomme etwas zu essen. Eine Matratze für den Rest der Nacht stellt man ebenfalls für mich bereit.

Doch bald kommt ein Kleinbus mit zwei „ungarischen Stasi-Beamten“, die mich abholen. Wir fahren zunächst in weitere Kasernen der Grenzwache, wo mehrere Flüchtlinge aus der DDR, die nach gescheitertem Fluchtversuch festgenommen worden waren, zusteigen müssen und werden in ein Gefängnis nach Sopron gebracht. Dort sperrt man mich zusammen mit einem Flüchtling aus Sachsen in eine Zelle. Nach etwa zwei Stunden bringen sie mich in einen Raum, in dem bereits zwei „ungarische Stasileute“ warten und mich verhören.

Nach dem Verhör setzt man mich mit der Drohung einer neuerlichen Verhaftung auf freien Fuß und erteilt mir die Weisung, sofort die Heimreise anzutreten. Zuvor sagt man mir jedoch, dass ich im Falle einer Festnahme während eines Fluchtversuches über die Grenze nach Österreich oder Jugoslawien mit einer Auslieferung in die DDR – sprich Stasi – zu rechnen habe. Bevor ich das Gefängnis verlasse, gibt man mir noch ungarische Forint, damit ich mir einen Fahrschein für die Heimreise kaufen kann.

Heimreise in die DDR ist keine Option

Über eine Heimreise in die DDR mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Während ich zum Busbahnhof in Sopron gehe, denke ich nur darüber nach, wie ich mein Ziel – eine neuerliche Flucht in den Westen – mit möglichst wenig Risiko schaffen kann. Ich fahre zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland nach Budapest. Ich will nämlich vorerst versuchen, eine legale Ausreise nach Westdeutschland zu erreichen.

Am Eingang zur Botschaft hängt ein Zettel, der darauf hinweist, dass auf dem Areal der Budapester Pfarrgemeinde Zugliget ein Flüchtlingslager eingerichtet wird und man dort Aufnahme findet. Ich halte mich daran, suche dieses Lager, auf und gehöre zu den ersten Flüchtlingen, die dort eintreffen und aufgenommen werden.

Nun war ich an einem sicheren Ort, hatte ein Dach über dem Kopf, wurde verpflegt und konnte in Ruhe überlegen was ich tun werde. Das Risiko einer neuerlichen Flucht samt Festnahme und Abschiebung in die DDR wollte ich jetzt nicht mehr eingehen. Im Lager hörten sämtliche dort anwesende Flüchtlinge täglich mehrmals die Nachrichten und warteten auf eine für sie zufriedenstellende Lösung – die nur eine freie Ausreise nach Österreich sein konnte – durch die Politik. Es vergingen mehrere Wochen, bis am 10. September 1989 endlich die für uns alle erlösende Nachricht kam.

Geschafft!

Nur wenige Stunden nach dieser „frohen Kunde“ brach ich mit westdeutschen Bekannten Richtung Wien auf. Kurz vor der österreichischen Grenze traf ich einige Leute aus dem Lager in „Zugliget“, die in der Zwischenzeit mehrfach versucht hatten, nach Österreich zu flüchten und gescheitert waren. Sie nahmen mich in ihrem Auto mit, wir fuhren während der Nacht durch Österreich bis nach Vilshofen in Bayern, wo wir als Flüchtlinge registriert wurden. Endlich war ich frei und konnte ein neues Leben beginnen.

Auszug aus dem besprochenen Buch.

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