Autor Uwe Gardein: „Um Ungarn seine angestammte Verfassung zurückzugeben, gab es nur einen Weg: Elisabeth musste Königin von Ungarn werden und Franz-Joseph der König.“ Foto: Luis Strobl

Gespräch mit Uwe Gardein über seinen Roman „Turul flieg. Sisi, Königin von Ungarn“

Eine willensstarke Frau

Vor kurzem erschien der Roman „Turul flieg“, der den Rückblick von Elisabeth von Österreich-Ungarn auf ihr Leben in der Nacht vor ihrem Tod zum Thema hat. Wir unterhielten uns mit Autor Uwe Gardein über die Motive für dieses Buch und dessen Hauptheldin.

Wie entstand die Idee, einen Roman über Elisabeth und Ungarn zu schreiben?

Während der Arbeit an meinem Roman über König Ludwig II. von Bayern (Die Stunde des Königs) begegnete ich einer Elisabeth, wie ich sie zuvor so nicht eingeschätzt hatte. Besonders ihre konsequente Stellungnahme zum Tod von König Ludwig hatte mich beeindruckt, denn sie war der Meinung, dass es Mord gewesen sein musste. Trotz der feindlichen Haltung der bayerischen Regierung ihr gegenüber und dem Drängen aus Wien, sich nicht mehr zu äußern, blieb sie ihrer Ansicht treu. Das hatte mir imponiert und so entdeckte ich eine engagierte Frau, die sich politisch äußerte und sich nicht einschüchtern ließ. Meine erste Arbeit betraf einen Vortrag über den Mord von Genf, den ich 2005 im Rahmen des Münchner Krimifestivals hielt. Danach folgten die konkreten Arbeiten an dem Roman. Der Mord geschah übrigens willkürlich. Elisabeth war als Opfer zuvor nicht ausgewählt worden. Ihr Mörder wusste zum Tatzeitpunkt nicht, auf wen er einstach.

Wie verlief die Recherche?

Mein Ziel war es, nur bei denen zu suchen, die Zeitgenossen der Kaiserin und Königin Elisabeth waren, und bei seriösen Historikern. Hier einige Beispiele. Zunächst galt es, die Familiengeschichte zu erfahren und dabei war ein Buch über die Wittelsbacher von Adalbert Prinz von Bayern nützlich. Er beschrieb die Verlobung von Elisabeth und Franz-Joseph. Von besonderem Interesse war das Tagebuch von Marie Valérie, der jüngsten Tochter, aus der Zeit von 1878 bis 1890. Am 22. Dezember 1884 notierte sie in Schloss Gödöllő die Worte ihrer Mutter: Hier ist jetzt dein zweites Zuhause. Am 18. Januar 1885 schrieb sie: Wieder Wien, der „Kerker“. Ein mehr als deutlicher Hinweis auf den Konflikt, was die Einstellung von Österreich gegenüber Ungarn betraf. Besonders wichtig waren die Berichte der Hofdamen. Da war die Gräfin Maria Theresia Festetics von Tolna und Irma Gräfin Sztáray, die das Attentat in Genf mit ansehen mussten. Dazu eine Ergänzung. Elisabeth duldete nur ungarische Hofdamen um sich und sprach in ihrer Umgebung, auch in Wien, nur ungarisch. Von besonderem Interesse waren auch die Berichte des preußischen Diplomaten Philipp Fürst zu Eulenberg-Hertefeld (1847-1921) und die des Georg Eugen Reichsfreiherr von und zu Franckenstein (1825-1890), dessen Mutter Ungarin war. Die unterschiedlichen und subjektiven Meinungen der Herren zu der damaligen Zeit waren sehr wichtig für die eigene Beurteilung. Im Zentrum standen allerdings die eigenen Aufzeichnungen von Elisabeth.

Der Schriftsteller UWE GARDEIN schrieb schon mehrere historische Romane. Insgesamt publizierte er bisher fast zwanzig Bücher. Nach seinem Roman „Turul flieg“ erschien „Die Villa in Szentes“. Gardein schrieb auch einige Theaterstücke, TV-Drehbücher sowie für Zeitungen. Er lebt in der Nähe von München.

Deutlich erkennbar wird der Ruf nach Freiheit besonders in ihren Gedichten. „Glücklich, wer nur sich gehört“, schrieb sie. Und auch: „Nur ich, die schier wie Verfluchte“. Ihre Gedichte sprechen eine Wahrheit aus, die gerne übersehen wird. So schrieb sie über die Habsburger Herrschaft: „Der alte Zopf, er blieb sich gleich, seit hundert und acht Jahren! Ihr seid so stolz noch und borniert.“

Mit dem Untertitel „Königin von Ungarn“, zeigt das Buch deutlich in eine bestimmte Richtung. Warum?

Dazu muss ich etwas zur bayerischen Geschichte sagen. Gisela (geb. vermutlich 985), die Königin von Ungarn und Gemahlin von Stephan I., stammte aus der Nähe von Regensburg in Bayern. Der bayerische Kurfürst Max Emanuel (geb. 1662) unterstützte den ungarischen Adel im Kampf gegen Wien. Es gab diesen Beistand für Ungarn also bereits vor dem Engagement von Kaiserin Elisabeth. Nach der gescheiterten ungarischen Revolution von 1848/49 floh der Historiker János Graf Mayláth von Szekhély nach München, wo er Hauslehrer von Elisabeth wurde. Sie besaß eine Begabung für Fremdsprachen, sprach bereits Französisch und Englisch, lernte sehr schnell Ungarisch, was ihr das Land näher brachte. Es ist davon auszugehen, dass ihr Graf Mayláth das Unglück der Ungarn näher brachte und ihr den Freiheitswillen des ungarischen Volkes vermitteln konnte. Ungarn wurde letztlich für die Kaiserin Elisabeth zu einem zentralen Thema. Anzumerken ist auch, dass sie ihre Kindheit und Jugend im Schloss von Possenhofen verbrachte, mit vielen Freiheiten für damalige Verhältnisse und Ungebundenheit. Das sollte in ihrem weiteren Leben eine große Rolle spielen, auch bezüglich der ungarischen Freiheitsidee.

Wie konnte Elisabeth nach ihrer Heirat am Wiener Hof ihre Sympathie für Ungarn weiter mit Leben erfüllen?

Elisabeth war eine sehr belesene Frau und hörte davon, dass der Schriftsteller Jószef Eötvös nach 1848 in München gelebt hatte und in Österreich nicht gelesen werden durfte. Sie beauftragte den ungarischen Journalisten Max Falk damit, ihr die Werke zu beschaffen. Falk war als ungarischer Freiheitskämpfer in Wien polizeibekannt und ein Kontakt zur Kaiserin absolut unmöglich. Elisabeth ernannte ihn zu ihrem Lehrer für ungarische Sprachkultur und setzte sich über die Verbote hinweg. Durch Falk wurde ihr wiederum der Politiker Ferenc Deák nahegebracht, der in ihrem Leben noch eine große Rolle spielen sollte. Mit Max Falk begann ihr konkretes politisches Engagement für Ungarn.

Wie reagierte der Wiener Hof auf diese Entwicklung?

Als Erzherzogin Sophie, die Mutter von Franz-Joseph, durch ihre Spione von dieser Beziehung erfuhr, verlangte sie von ihrem Sohn, diesen Kontakt zu unterbinden. Es kam selten vor, dass der Kaiser sich gegen seine Mutter stellte, aber in diesem Fall tat er es, um Elisabeth nicht zu verärgern. Sie hatte ihm mitgeteilt, dass ihre ungarische Sprache durch Falk immer besser wurde.

Denkmal für Königin Elisabeth am Budaer Brückenkopf der nach ihr benannten Brücke. Foto: Luis Strobl

Was war der Hintergrund des Verhaltens von Erzherzogin Sophie?

Der Streit zwischen den Frauen zeigte, dass Elisabeth sich nicht in eine Rolle zwingen lassen wollte, die von der Erzherzogin vorgeschrieben wurde. Die Erzherzogin wiederum befürchtete eine erneute Revolution wie 1848/49. Man kannte in Wien die klaren Freiheitsbestrebungen in Ungarn und reagierte mit harter Unterdrückung. Elisabeth wusste, dass sie von Agenten beobachtet wurde, und nicht einmal ihr Gatte Franz-Joseph war in der Lage, die Anordnungen seiner Mutter zu unterbinden. Erzherzogin Sophie hatte allerdings ihre Schwiegertochter auch völlig falsch eingeschätzt.

Inwiefern?

Als sie eine passende Gemahlin für ihren Sohn suchte, fand sie in ganz Europa keine geeignete Prinzessin. Die 15-jährige Elisabeth schien ihr geeignet zu sein, weil sie davon ausging, das junge Mädchen dirigieren zu können. Deren Mutter Ludovika war auch auf der Suche nach einer guten Partie für ihre Tochter gewesen. Da passte es gut, dass die Sophie und Ludovika Schwestern waren, und von ihrer Herkunft her passte es auch, denn der bayerische König Ludwig I. war ihr gemeinsamer Stiefbruder. Doch Elisabeth entpuppte sich als zu klug für die höfischen Machenschaften und ihr Freiheitsdrang führte schnell zu Konflikten mit Sophie.

Wie gestaltete sich der Kontakt zu Ungarn weiter?

Zunächst nahmen die Repressionen in Wien gegen die Ungarn zu und davon war auch Max Falk betroffen. Bei ihm kam noch erschwerend hinzu, dass er Jude war. Elisabeth hatte damit kein Problem. Später ging Max Falk zurück nach Budapest und wurde Chefredakteur einer angesehenen deutschsprachigen Tageszeitung. Wichtig ist noch anzumerken, dass es zu dieser Zeit bereits zu konspirativen Handlungen kam. Falk hatte Kaiserin Elisabeth auf ihren Wunsch die verbotene Arbeit des ungarischen Nationalhelden István Széchenyi in die Hofburg geschmuggelt und Briefe vom Grafen Andrássy wurden an die Hofdame Ida Ferenczy gesandt, die sie dann der eigentlichen Empfängerin Elisabeth übergab. Durch diese Kontakte war die Kaiserin bestens über die politische Lage und den Willen der ungarischen Opposition informiert. Nach der Rechtsprechung Wiens waren das Straftaten. Elisabeth musste sehr vorsichtig agieren, um nicht wegen Hochverrats angeklagt zu werden.

Hätte es tatsächlich dazu kommen können?

Das ist schwer einzuschätzen, aber man darf nicht vergessen, dass es nach der Revolution von 1848/49 in Ungarn viele Prozesse gegeben hatte. Auch Graf Andrássy war damals verurteilt worden, und Kaiser Franz-Joseph unterschrieb das Todesurteil. Graf Andrássy konnte allerdings nach Paris fliehen. Für Kaiserin Elisabeth stand ihre Entscheidung fest, die sie auch in einem Gedicht formulierte. „O Ungarn, geliebtes Ungarnland. Ich weiß dich in schweren Ketten. Wie gerne böte ich meine Hand, von Sklaverei dich zu retten.“ Das nannte man in Wien Hochverrat.

Welche Möglichkeiten gab es für Kaiserin Elisabeth unter diesen Umständen, Ungarn zu helfen?

Auch nach der Aufhebung der Todesurteile gegen die Revolutionäre blieben sie für die Wiener Hofgesellschaft Feinde. Zwar hatte der ungarische Adel seine Besitzungen zurückbekommen, aber das Land verblieb in der Gewalt Österreichs. Ihre Geheimtreffen in Budapest mit Ferenc Deák konnten nur gelingen, weil Elisabeth in ihrer direkten Umgebung nur treue ungarische Hofdamen duldete und sie sich sehr konspirativ verhielt. Um Ungarn seine angestammte Verfassung zurückzugeben, gab es nur einen Weg: Elisabeth musste Königin von Ungarn werden und Franz-Joseph der König. Für Wien eine völlig dubiose Vorstellung.

Wie kam es dann doch zur Krönung in Budapest?

Das hatte auch mit der Entwicklung innerhalb der europäischen Politik zu tun. Preußen unterstützte die militante Freiheitsbewegung in Ungarn, die sich auch gegen Graf Andrássy und Ferenc Deák positionierte. Gegen ihn sollte am Krönungstag ein Bombenattentat durchgeführt werden, das zwar vereitelt wurde, die Zeremonie aber trotzdem verzögerte. Am 8. Juni 1867 wurde in der Matthias-Kirche die Krönungsmesse von Liszt uraufgeführt, aber Wien hatte dem ungarischen Komponisten untersagt, sie selbst zu dirigieren, das musste ein Österreicher sein. Ein weiterer Beweis für die Stimmungslage. Zuvor musste Franz-Joseph allerdings dazu gebracht werden, nach Budapest zu reisen, wovon man ihm wegen der Attentatsgefahr stets abgeraten hatte. Kaiserin Elisabeth erreichte es, weil sie in Budapest blieb und er sie anders nicht sehen konnte. Dass die Gefahr für Attentate groß war, zeigte sich 1882 in Triest, wo eine Bombe das Kaiserpaar töten sollte.

Die Region Friaul war nicht Ungarn. Wie hoch war die Gefahr in Ungarn?

Kaiserin Elisabeth war ständig gefährdet. So hatte es einen Angriff auf sie in Amsterdam gegeben. In Frankreich war ihr Pferd mit Steinen beworfen worden, sodass sie schwer stürzte. Es gab von verschiedenen Seiten großen Hass auf sie, aber in Ungarn fühlte sie sich sicher.

Wie wurde Kaiser Franz-Joseph davon überzeugt, sich krönen zu lassen?

Er wusste, dass seine Mutter absolut dagegen war und ihm in Budapest von dem Mann die Krone aufgesetzt werden würde, den er zum Tode verurteilt hatte, Graf Andrássy. Dieser und Ferenc Deák hatten dem Kaiser die Bedeutung der Übernahme der ungarischen Königskrone vermitteln können. Die Stephanskrone zu tragen, hatte für das ungarische Volk eine große Bedeutung, zumal Elisabeth ihre Königin sein würde. Der Kaiser sah ein, dass Bismarck die Gegner dieser Entwicklung zum Aufstand forcieren würde.

Welche politischen Auswirkungen hatte die Krönung?

Ungarn bekam seine alte Verfassung und seine Selbstständigkeit zurück, und das durch eine unblutige Entscheidung. Es ist sicher nicht übertrieben zu sagen, dass diese Verfügung bis heute nachwirkt, denn die Eigenständigkeit und Selbstbestimmung ist als politisches Ziel geblieben, weil das ungarische Volk so leben will, ohne Befehle von außen. Insoweit hatte Elisabeth, als Königin von Ungarn, daran ihren Anteil. Selbstverständlich musste Kaiser Franz-Joseph die nötigen Dokumente unterschreiben, aber in Wien gab es an dieser Entwicklung nur eine Schuldige und das war Elisabeth. Der Hass auf sie war in Wien und Prag spürbar.

Die Königin durfte sich als Frau nicht offen in die politischen Belange einmischen. Wie konnte sie dennoch für Ungarn aktiv werden?

Vor allem im sozialen Bereich. Das Elisabeth-Krankenhaus war die erste Klinik nur für Frauen. Das war für sie eine große Hoffnung auf weitere Fortschritte in Ungarn. Sie sprach über das Elend der Kinder in den Budapester Gassen und besuchte auch Waisenhäuser. Als sie auch ein jüdisches Heim für Waisen besuchte, kam es zu Feindseligkeiten. Ihr Lieblingsdichter war Heinrich Heine, ein Jude. Sie wünschte sich einen Mann von Geist und edlen Gefühlen. Dann muss an die Flutkatastrophe von Szeged erinnert werden, wohin sie fuhr, um den Menschen Mut zuzusprechen. Ebenso sammelte sie international Spenden für Szeged, allerdings im Namen von Kaiser Franz-Joseph.

Genf galt zu der Zeit als ein Zentrum der europäischen Revolutionäre. Warum reiste Königin Elisabeth trotz dieser potenziellen Gefahr nach Genf?

Sie folgte einer Einladung von Lady Rothschild und reiste unter dem Decknamen Gräfin von Hohenembs. Doch bereits am nächsten Tag konnte man in den Zeitungen lesen, wer sie wirklich war. Wegen des Mordes stellt sich die Frage, warum es in ihrer Nähe weder Polizei noch Agenten gab, die eine solch hochgestellte Persönlichkeit bewacht hätten. Die Behörden in Genf und die zuständigen Stellen in Wien wussten, wie gefährlich es in Genf war.

Wie verlief die Trauerfeier?

Der österreichische Politiker Erich Graf Kielmansegg schrieb über die Trauerfeier, es wurden ihr nur wenige Tränen nachgeweint. Es gab auch eine Provokation gegenüber Ungarn, denn die Abordnung des ungarischen Reichstags hatte in der Kapuzinerkirche keine Plätze erhalten, wie auch der Titel, Königin von Ungarn, fehlte. Es war bekannt, dass Elisabeth nicht in Wien bestattet werden wollte. Ein Ehrengrab in Gödöllő wäre wünschenswert gewesen, denn die Königin von Ungarn wollte die Freiheit und Eigenständigkeit des Landes erreichen, und das ist nach wie vor eine große Aufgabe für das Land, ganz im Sinne des Mythos und Beschützers, des sagenhaften Vogel Turul.

Ungarns Wegweiser und Schutzpatron: Skulptur des sagenumwobenen Turul auf der Budaer Burg. Foto: Luis Strobl

Turul flieg.
Sisi, Königin von Ungarn

epubli-Verlag, 2021, Berlin
270 Seiten, 37,99 Euro

Das Buch erzählt von der letzten Nacht im Leben der Kaiserin und Königin Elisabeth von Österreich-Ungarn im Hotel Beau Rivage zu Genf. Es wird ein Rückblick auf ihr Leben und eine persönliche Bilanz. Als sie nach der durchwachten Nacht zur Anlegestelle des Schiffs am Genfer See geht, wird sie angegriffen und ermordet. Es war der 10. September 1898.

Schreibe einen Kommentar

Weitere Artikel