Plädoyer für eine verbale Abrüstung und einen gesitteten Umgang miteinander
„Wir bräuchten eine neue Aufklärung“
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Der digitale Paradigmenwechsel ist eine der Ursachen, warum wir heute in einer gespaltenen Gesellschaft leben. Wir verharren in von Algorithmen gefilterten Blasen und werden nur noch mit den eigenen oder ähnlichen Meinungen konfrontiert, und das empfinden wir auch noch als unsere Komfortzone.
In der Musik zum Beispiel bekomme ich heutzutage eine Klangästhetik vorgesetzt, die der Algorithmus aufgrund meines bisherigen Rezeptionsverhaltens als für mich passend empfiehlt. Aber kann ein Algorithmus überhaupt den Genius und den Umfang eines Till Brönner oder einer Ikone wie Klaus Doldinger erfassen? Natürlich nicht.
Er wird nur einen kleinen Ausschnitt des Schaffens dieser Ausnahmekünstler für eine Empfehlung bewerten können … Unser neues Album Living In The Gap erzählt genau von diesem Phänomen, davon, dass unsere Gesellschaft mittlerweile in getrennten, untereinander undurchlässigen Echokammern isoliert ist. Früher, in einer „analogen“ Welt, ist man in einen großen Buchladen oder einen Plattenladen gegangen. Dort „stolperte“ man über CDs, Bücher oder Magazine, die man eigentlich gar nicht gesucht hatte. Man hat eine Zeitschrift durchgeblättert und las Artikel, für die man sich vorher gar nicht interessiert hätte. Aber gerade dies erweitert doch unseren Horizont.
Stattdessen greift heute eine Art geistiger Inzest um sich, Homogenisierung statt Vielfalt und Dialektik, Bildung und gesellschaftlicher Weiterentwicklung.
Zeit für eine Neubewertung
Wir haben die Möglichkeit, eine konstruktive Korrektur unseres gesellschaftspolitischen Leitbildes vorzunehmen, damit wieder die Menschen im Mittelpunkt und die Achtsamkeit über der Gleichgültigkeit stehen. Es ist an der Zeit, neu zu bewerten, wer und was wirklich systemrelevant ist, und die Frage zu stellen, wer einen gesellschaftlichen Mehrwert, Zusammenhalt und Solidarität schafft und wer Profit aus der Vernichtung von gesellschaftlichem Mehrwert generiert.
Wir dürfen das Primat der egomanischen Gier und den Casinokapitalismus, der sogar aus der Corona-Krise noch Profit generiert, nicht länger zulassen. Nicht die Finanzmärkte sollten das Geschehen bestimmen, sondern eine durch Menschlichkeit und Zusammenhalt erstarkte Gemeinschaft.
Auch Generationengerechtigkeit muss mehr denn je ein zentrales Leitmotiv werden. Kurzfristige Lösungen, getrieben von täglichen Umfragewerten, sowie wirtschaftliche Entscheidungen, die der Stimulation des Hochfrequenzhandels dienen, müssen substanziell in Frage gestellt werden.
Dissens aushalten – Respektvollen Diskurs neu erlernen
In unserer „bunten Republik“, wie sie mein Soulmate Udo Lindenberg nennt, und deren stolzer Bürger ich als ehemaliger Flüchtling bin, müssen die Farben vielfältig sein.
Diese Vielfalt muss sich auch in den gesellschaftspolitischen Debatten zeigen. In einer pluralistischen Gesellschaft müssen wir als Demokraten den Dissens aushalten und die Themen moderat und differenziert reflektieren.
Gerade jetzt sind Künstler wie wir und auch Journalisten gefordert, dort Brücken zu bauen, wo Risse entstanden sind, und unsere Stimme zu erheben für den Traum von einem gemeinsamen Europa in Frieden und Freiheit.
Wir bräuchten eigentlich eine neue Aufklärung. Aber nicht bei den „Anderen“, sondern bei uns selbst. Denn die Art des Umganges mit unseren eigenen medialen Wahrheiten und Unwahrheiten hat uns den Zerfall der bisherigen, für stabil gehaltenen Strukturen gebracht.
Vor dem Hintergrund der Polarisierung durch die sozialen Medien muss der tolerante Umgang mit unterschiedlichen Meinungen und ein argumentativer, respektvoller Diskurs wieder neu erlernt werden. Bei fehlendem Konsens werden allzu schnell Feindbilder projiziert, dabei ist „der Andere“ doch gar kein Feind, sondern hat lediglich zu einem bestimmten Thema einfach eine abweichende Sicht.
In analogen Generationen entstand in so einer Situation Diskussionsbedarf. Heute setzt an dieser Stelle insbesondere in sozialen Netzwerken sehr schnell ein Erniedrigungs- und Deklassierungsmechanismus ein. Aber wir müssen alle gemeinsam nach Wegen suchen, wie wir unseren nachfolgenden Generationen eine bessere Welt hinterlassen können. Aus den Erfahrungen unserer Geschichte müssen wir verstehen lernen, dass wir keine „Toleranz für Intoleranz“ zulassen dürfen.
Gefährliches Deplatforming
In diesen Tagen voll tragischer Ereignisse sehen wir, dass die Digitalkonzerne mit der Verstummung von Donald Trump mitnichten die Demokratie, sondern vielmehr ihr eigenes Geschäftsmodell retten und den neuen Präsidenten einfach milder stimmen wollen. Die marktbeherrschenden digitalen Medienplattformen aus Silicon Valley wissen nur zu genau, welchen immensen Anteil an der Radikalisierung und der Spaltung sie tragen.
Ich teile an dieser Stelle die Gedanken des Kreml-Kritikers Alexander Nawalny: „Dieser Präzedenzfall wird von Feinden der Redefreiheit weltweit ausgenutzt werden.“ Deshalb ist journalistische Ethik vielleicht wichtiger denn je. Fakten, Fakten, Fakten. Wenn diese wie bei FOCUS Online schnell verfügbar sind, ist das die stärkste Schutzmacht für die Demokratie.
Den Twitter-Account des scheidenden Präsidenten kann man abschalten – ein populistischer Schachzug –, aber seinen 74 Millionen Wählern müssen wir mit Argumenten begegnen, unsere Sichtweise wird ihre Bestätigung in einem offenen Diskurs finden. Dazu brauchen wir diesen wunderbaren, unabhängigen Geist der Gründungsväter von FOCUS Online, Dr. Hubert Burda und Helmut Markwort, und ich empfinde es als ehrenvolles Privileg, dass ich beide Freunde nennen darf. Den journalistisch-publizistischen Geist, für den die beiden Gründungsväter stehen, müssen wir jetzt an die nächsten Generationen weitergeben, sonst wird der Abgrund zwischen „wir“ und „die“ immer tiefer.
Mit den Fakten beschäftigen!
Das Meinungsmonopol zerstört die Freiheit, der Wettstreit der Meinungen darf nicht zur Farce verkommen. Die 88,8 Millionen Twitter-Follower von Donald Trump dürfen wir nicht aussperren, sondern müssen mit ihnen streiten und sie überzeugen. Wir haben die besseren Argumente, und das ist es, was zählt.
Wir sollten uns wirklich mehr mit Fakten beschäftigen. Die NSU-Morde waren eben keine Döner-Morde, der Angriff auf die Synagoge in Halle war kein „Alarmzeichen“, wie Annegret Kramp-Karrenbauer es seinerzeit bezeichnete, sondern ein schändliches Verbrechen an unserer gesamten Gesellschaft, und in Dresden geschah nicht etwa ein Touristen-Mord, sondern ein Flüchtling, dem wir Schutz gewährt haben, hat seine Homophobie bis zur Mordlust gesteigert.
Offenbar lernen wir wenig aus den Katastrophen, die unsere Welt erschüttern. Nach der Finanzkrise vor zwölf Jahren hat sich das Volumen der Spekulationswirtschaft gegenüber der Realwirtschaft mittlerweile vervielfacht, und allein die Tatsache, dass wir es zur Unterscheidung vom Spekulantentum Realwirtschaft nennen, wenn Menschen ihren Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen, ist schon eine Katastrophe, die wir mit guten Argumenten bekämpfen müssen.
Verbal abrüsten und Gräben zuschütten
Wir kosmopolitischen, urbanen Intellektuellen haben in der Vergangenheit vielleicht schlicht zu wenig zugehört. Wir müssen in Europa auch wieder verbal abrüsten. Das gilt nicht zuletzt für die Art und Weise, wie in Deutschland inzwischen immer mehr mit meiner Heimat Ungarn umgegangen wird. Wir müssen die Gräben zuschütten und versuchen, das Verbindende, das Gemeinsame mehr als das Trennende in den Vordergrund zu stellen und die europäische Spaltung zu überwinden. Nur auf dieser Basis können wir wieder Brücken bauen, denn wir spüren, dass zwischen Nord und Süd, Ost und West, Alt und Jung, Stadt und Land Gräben aufgerissen sind.
Was bei FOCUS Online zählt, sind die Argumente, und nicht eine bestimmte journalistische Haltung, die man auf Gedeih und Verderb ohne Beachtung der Faktenlage vor sich herträgt. Denn in einer freien Gesellschaft ist nur eins alternativlos: Der Diskurs über die Alternativen. Das ist es, was mir FOCUS Online seit 25 Jahren täglich zur Einordnung des Weltgeschehens und für die Meinungsbildung als künstlerischer Freigeist liefert. Danke dafür!