Pressekonferenz
Corona-bedingt fand die Premiere ohne Publikum statt.

Online-Theateraufführung zum Thema Pressefreiheit

Exklusiv: Pressekonferenz des Instituts der Wahrheit

Studierende der Andrássy-Universität Budapest luden am vergangenen Dienstagabend zur Premiere eines von ihnen organisierten Theaterstücks im Trip Hajó zum Thema Pressefreiheit ein. Die einstündige Vorführung in Form einer Pressekonferenz des fiktiven Institute of Truth zeigte eine Wirklichkeit, in der Wahrheit einzig Definitionssache von künstlicher Intelligenz ist.

Es ist ein Abend, der Grund zur Freude liefert: Dem imaginären Institute of Truth ist es gelungen, einen absolut fehlerfreien Wahrheitsdetektor zu konzipieren. Durch die Hilfe von künstlicher Intelligenz mit Namen Justitia ist es nun möglich, Aussagen mit unanfechtbarer Präzision auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen.

Selbsternannter Heilsbringer

Die Inszenierung des Institute of Truth setzt auf eine zugespitzte Darstellung eines selbsternannten Heilsbringers mit auf den ersten Blick utopischen Zukunftsversprechen. Die Heilsfigur des Abends ist George Axe (László Hevesi), der als Vorsitzender des Instituts stilecht im beigen Rollkragenpullover und braunen Tweed die Vorzüge der allwissenden KI preist. Und weil so ein ausländischer Visionär wie Axe, der sich Ungarn als Sitz seiner Einrichtung ausgesucht hat, selten die Gepflogenheiten des Empfangslandes kennt, wird kurzerhand mit Zsolt Vitézy (Sándor Koroknai) ein vermittelnder Übersetzer engagiert.

Institutschef George Axe versucht der Wahrheit mit einem Wahrheitsdetektor auf die Spur zu kommen – und scheitert.

Axe und Vitézy stehen die beiden Organisatoren der Pressekonferenz gegenüber, Csaba Szabó (András Kazári) und Etelka Kovács (Emina Messaoudi). Den beiden scheint nichts wichtiger zu sein, als ihren hohen Besuch mit überwältigender ungarischer Gastfreundschaft zu begrüßen: So gibt es in übereifriger Manier neben Willkommens-Pálinka und Pogácsa sogar ein Willkommensgeschenk in Form eines Teppichs und ein paar gesungene Strophen eines ungarischen Volkslieds.

Thematisch setzt sich das Theaterstück aber nicht nur mit den kulturellen Differenzen zwischen den sich selbst als traditionell präsentierenden ungarischen Gastgebern und dem kosmopolitischen ausländischen Besucher auseinander. Es geht vor allem auf die in naher Zukunft verfügbaren technologischen Möglichkeiten der Wahrheitsfindung ein. Das Stück ist als eine interaktive Performance konzipiert, an der vergangene Woche nicht nur die geskripteten „Pressevertreter“ teilnahmen, sondern auch das breite Publi­kum Justitia Fragen stellen konnte.

Abschlussprojekt als Theaterstück

Bei der Inszenierung handelt es sich um das diesjährige Abschlussprojekt des Masterstudiengangs „Mitteleuropäische Studien – Kulturdiplomatie“ der deutschsprachigen Andrássy-Universität Budapest (AUB). 2020 sollte das Grundthema des Graduierendenprojekts die Auseinandersetzung mit der Pressefreiheit im Allgemeinen sein. Geschrieben wurde das Stück in Zusammenarbeit von Kulturdiplomatie-Studierenden und den für das Stück ausgewählten Schauspielerinnen und Schauspielern.

Und so bemüht man sich in einem sprachlichen Gemisch aus Ungarisch, Deutsch und Englisch redlich darum, mit faktischen Aussagen die Wahrheitsfindungskompetenz der KI auf die Probe zu stellen. Denn laut Axe gäbe es in unserer heutigen Welt nicht immer ein Interesse an der Wahrheit. Sachverhalte würden häufig mit sinnvoll klingenden, aber nicht immer unbedingt wahren Geschichten erklärt. Das Problem der Überinformation durch die permanente Beschallung durch traditionelle Medien und das Internet könne, da ist sich Axe sicher, durch sein Wahrheitsinstitut besiegt werden. Durch Justitias Einsatz könnte eine „schöne neue Welt“ ganz im Sinne von Aldous Huxley entstehen.

Die Umsetzung des Theaterstücks reagiert mit seinem Bezug auf die Pressefreiheit im Allgemeinen sicherlich auch auf juristische Gegebenheiten in Ungarn. Es war ein ausdrückliches Ziel der insgesamt acht in der Veranstaltungsorganisation involvierten Studierenden, dass die Inszenierungsbesetzung durch freischaffende Künstlerinnen und Künstler zu erfolgen hatte. Zudem sollte auf diese Weise die freie Theaterszene inmitten der Corona-Beschränkungen unterstützt werden. Die vier gecasteten, professionellen Darstellenden sind kein festes Ensemble, sondern eine eigens für diese Inszenierung zusammengekommene Gruppe.

Abweichende Wahrheitsdefinition

Im Stück selbst zeigt die Fassade dieses glänzenden Zukunftsentwurfs à la Axe trotz frenetischer Eigenbeifallsbekundungen schnell gravierende Risse. Denn die als „klügste Frau der Welt“ vorgestellte Justitia entpuppt sich als unabhängige Akteurin, die von der persönlichen Wahrheitsdefinition ihres Vorgesetzten abweichen kann. Ihre Antworten auf die Fragen des Publikums nach Pressefreiheit und Zensur im Land fallen kritisch aus, sodass zwar einerseits die Glaubwürdigkeit der vermeintlich wahrheitsliebenden KI gestärkt wird. Der Vorsitz des Institute of Truth hingegen verliert den Anschein des selbstlosen Visionärs, der eine bessere, wahrhaftigere Welt im Blick hat.

Das Theaterstück verdeutlicht in schlichtem Setting – für eine Pressekonferenz braucht es nicht mehr als eine lange Tafel mit Namensschildern, Stühle und ein Banner, das das Logo des Institute of Truth trägt – wie sehr Wahrheitsfindung von subjektiver Wahrnehmung abhängen kann. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Fake News konkurrieren also vorerst weiterhin miteinander, wenn Entscheidungsträger mit ihren teils ganz eigenen Deutungsansätzen zur Wahrheit aufwarten.

Bereits Anfang Februar, bei Beginn der Stückkonzeption rund um das weltweit agierende Institute of Truth, zeichnete sich dessen gesellschaftliche Bedeutung ab. Das zu dem Zeitpunkt noch junge Jahr 2020 hielt da noch nicht vorhersehbare Entwicklungen bereit, die in ihrer Folge eine Kette an gegenseitigen Beschuldigungen von Staatschefs nach sich zogen. Der Leiter dieses kulturdiplomatischen Abschlussprojekts an der AUB, Dr. Márton Méhes, betont dabei dessen gesteigerte Aussagekraft zur Jahresmitte hin: „Leider ist das Stück nun aktueller geworden, als wir es uns gewünscht haben.“

Das Theaterstück ist mit Unterstützung des Österreichischen Kulturforums Budapest sowie der Stiftung Österreich-Ungarn entstanden und war ursprünglich für eine Live-Aufführung vor einem im Trafó-Theater anwesenden Publikum geplant. Aufgrund der Corona-Beschränkungen erfolgte die komplette Erarbeitung letztlich mittels regelmäßiger digitaler Treffen, und so wurde auch die Premiere in ein Web-Theater umgewandelt. Mittels kostenlosem Stream über die Facebook-Seite des Trip-Theaters schauten sich etwa 80 Interessierte das Stück live an. Innerhalb einer Woche wurde das im Anschluss hochgeladene Video rund 2.000 Mal angeklickt.

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