Paralympionikin
Paralympionikin Zsófia Arlóy: „Nicht ich habe das Tischtennis gefunden, sondern das Tischtennis mich.” (Foto: Sportida / Vid Ponikvar)

Paralympionikin Zsófia Arlóy

„Solange ich das Feuer spüre, bleibe ich aktiv”

Zsófia Arlóy macht sprachlos: Die Energie, Lebenslust, Entschlossenheit und Bescheidenheit der 38-jährigen Paralympionikin sucht ihresgleichen. Dafür wird sie von Teamkollegen und Freunden geschätzt. Seit 24 Jahren spielt die Sportlerin, die von Geburt an mit einer Behinderung lebt, professionell Tischtennis – und noch immer ist sie Feuer und Flamme für diesen Sport.

„Nicht ich habe das Tischtennis gefunden, sondern das Tischtennis mich”, erzählt Zsófia lachend. Sie erinnert sich gern an jenen Nachmittag, an dem sie mit ihrem Vater nach der Schule auf einem Spielplatz Pingpong spielte: „Wir hatten nur eine Kelle. Mein Vater spielte deshalb mit meinem Grammatiklehrbuch – geschlagen hat er mich trotzdem. Ein Herr kam zu uns rüber und sagte, er könne zwar sehen, dass mit meinem Bein irgendetwas nicht stimme, aber ich würde den Ball sehr geschickt schlagen. Er fragte, ob ich nicht Lust hätte, mal zu einem Para-Pingpong-Training zu kommen.”

Doch Zsófia lehnte ab. Auf dem Heimweg habe ihr Vater sie dann nach den Gründen gefragt: „Da ich aber keine wirkliche Antwort geben konnte – und der Herr uns gesagt hatte, wo das Training stattfindet – ging ich dann doch einmal hin”, erinnert sich die Sportlerin heute.

Dort traf Zsófia nicht nur auf Menschen, die mit weit schwereren Behinderungen Leistungssport betrieben und sie damit sehr beeindruckten, sondern auch auf einen herzlichen Trainer, der sie sofort unter seine Fittiche nahm. „Da waren Leute, denen Gliedmaßen fehlten. Das war das erste Mal, dass ich in unmittelbaren Kontakt mit anderen Menschen mit Behinderungen kam. Das Training war für mich daher ein ganz neues Erlebnis”, so die 38-Jährige. Seitdem ist Zsófia dem Sport verfallen.

Nahezu unmöglich, vom Sport zu leben

Zsófia ist momentan auf Platz 6 der Weltrangliste. Sie nahm sogar für Ungarn an der Paralympiade in Rio teil. „Wegen der Virus-Situation sind jedoch viele Turniere ausgeblieben, jetzt habe ich nur noch das Last Chance Turnier, um mich zu qualifizieren. Aber ich kämpfe bis zum letzten Augenblick, das steht fest.”

Ihr Training zieht sie dementsprechend rigoros durch. Zsófia weiß, um erfolgreich zu sein, muss sie hart an sich arbeiten. Das ist bei Para-Sportlern nicht anders als bei jedem anderen Leistungssportler. Obwohl sich die Situation viel verbessert hat, ein Unterschied ist jedoch, dass es für Paralympioniken nahezu unmöglich ist, vom Sport allein zu leben. Zsófia arbeitet in Vollzeit als Prozessmanagerin und absolviert daneben täglich zwei Trainingseinheiten.

Zsófias Leben ist eisern strukturiert: „Montags, mittwochs, freitags und samstags habe ich Tischtennis-Training. Daneben trainiere ich noch zwei bis drei Mal pro Woche meine Fitness.” Oft klingle ihr Wecker schon um halb sechs Uhr am Morgen. Von sieben bis neun heißt es dann, Cardio-Training absolvieren, danach ab zur Arbeit und von dort abends um sieben Uhr erneut mit der Pingpong-Kelle in der Hand zum Training.
Neben dem Sport bleibt der jungen Frau nicht viel Zeit für Freunde und Familie. „Aber mein Umfeld unterstützt mich. Ich kann bei Weitem nicht jede Einladung annehmen, aber wenn ich es dann doch mal tue, dann können meine Freunde darauf zählen, dass ich auch wirklich präsent und nicht im Kopf noch beim Sport bin.”

Kategorisierung ist schwierig

Dass der Sport einmal einen so großen Teil von Zsófias Leben einnehmen würde, hätte in ihrer frühen Kindheit wohl kaum jemand für möglich gehalten: „Ich habe eine sehr seltene Behinderung, und meine Ärzte sagten damals, dass ich mein Leben lang an den Rollstuhl gefesselt sein würde.” Dann erhielten Zsófias Eltern die Möglichkeit, ihr Kind einer noch experimentellen, aber erfolgsversprechenden Therapie zu unterziehen. Dem Arzt, der ihr die Behandlung ermöglichte, ist sie bis heute dankbar: „Als ich von der Paralympiade in Rio zurück war, wollte ich mich persönlich bei ihm bedanken, dass er damals meine Eltern überzeugt hat. Doch leider war er kurz zuvor verstorben.”

„Solange ich das Feuer in mir spüre, bleibe ich auch als Sportlerin aktiv.”

Die Seltenheit von Zsófias Behinderung macht es mitunter schwer, sie in der Welt des Para-Sports zu kategorisieren: „Para-Sportler werden nach dem Grad ihrer Behinderung von 1 bis 11 unterteilt. Kategorien 1 bis 5 sind Rollstuhlfahrern vorbehalten, wobei Kategorie 1 die schwerste Form der Behinderung darstellt. Hier müssen sich die Spieler beispielsweise die Kelle an die Hand schnallen oder sie benötigen ein Korsett, um aufrecht sitzen zu können. Kategorie 5 hingegen umfasst solche Spieler, die zwar nicht laufen können, deren Oberkörper aber ansonsten voll einsatzfähig ist”, erzählt Zsófia. Die Kategorien 6 bis 10 sind stehenden Paralympioniken vorbehalten, wobei eine Einstufung in Kategorie 6 bedeutet, dass jemand in der Bewegung stark eingeschränkt ist.

Kategorie 10 umfasst Spieler, denen beispielsweise eine Hand oder ein Unterarm fehlt, Einschränkungen also, die nicht spielrelevant sind. In Kategorie 11 spielen Menschen mit leichter geistiger Behinderung.

Zsófia kritisiert: „Normalerweise treten immer Spieler aus derselben Kategorie gegeneinander an, wobei aber die Kategorisierung an sich eher schwierig ist. Selbst innerhalb einer Kategorie zwei ‚vergleichbare Behinderungen‘ zu finden. Dafür ist jeder Spieler zu individuell und das macht auch die Kategorisierung so schwer und sehr subjektiv.”

Ein Leben mit Behinderung, aber ohne Einschränkungen

Zsófia passiert es häufig, dass Menschen, die sie noch nicht gut kennen, nicht nachvollziehen können, warum sie Paralympionikin ist: „Sie sehen nicht, dass ich hinke.” Zsófia hat sich durch ihre körperliche Einschränkung im Leben nie behindern lassen: „Okay, ich kann nicht Ski fahren, aber das ist kalt und nass und eh nicht mein Ding.” Ansonsten, sagt sie, mache sie genau das, wozu sie Lust habe.

Bemitleidet will sie dafür jedoch nicht werden. Die junge Frau weiß aus Erfahrung, dass das Schlimmste, was einem als Mensch mit Behinderung passieren kann, das Mitleid der anderen ist. Vielleicht kommen ihre Zähigkeit und ihr grenzenloser Wille, das Beste aus ihrem Leben herauszuholen, eben daher.

Dass sie trotz ihres strengen Zeitplans noch Freude am Sport und auch an ihrer Arbeit hat, liegt unter anderem an der Haltung ihres Arbeitgebers: „Er unterstützt mich wirklich sehr.“

Obwohl ihr Leben alles andere als ruhig ist, könnte sich Paralympionikin Zsófia Arlóy kein anderes Leben vorstellen: „Ich möchte mir kein Alter setzen, in dem ich mit dem Sport aufhöre. Ich mache alles, was ich tue, mit Leidenschaft. Solange ich das Feuer in mir spüre, bleibe ich auch als Sportlerin aktiv.”

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