Foto: Rita Solymár

Ein Besuch auf dem Wochenmarkt Liliomkert am Balaton

Jedes Mal ein Erlebnis!

Wer einen Ausflug in das nördlich vom Balaton gelegene, landschaftlich zauberhafte Kálibecken plant, sollte sich das Einkaufserlebnis auf dem Sonntagsmarkt von Káptalantóti auf keinen Fall entgehen lassen. Ein Besuch des Liliomkert (dt.: Liliengarten) lohnt sich in jeder Hinsicht.

Das Marktgelände liegt direkt am Ortsrand und ist sowohl vom Plattensee kommend, als auch über die Landstraße zwischen Zánka und Tapolca zu erreichen. Zwei große Parkplätze auf den angrenzenden Feldern stehen zur Verfügung. Trotzdem kann es in den Sommermonaten zu Engpässen kommen. Deshalb empfiehlt es sich, relativ früh aufzubrechen – auf einem Wochenmarkt gilt sowieso die Devise: „Der frühe Vogel fängt den Wurm“.

Schon jetzt ein echtes Erlebnis

Auch wenn das Obst- und Gemüseangebot im Frühling noch nicht so reichhaltig ist wie in der Hochsaison, ist dieser malerisch gelegene Markt schon jetzt ein echtes Erlebnis. Also mache ich mich Anfang April auf, um bei herrlichem Sonnenschein, aber noch frischen Temperaturen, gemütlich über den Markt zu schlendern. Bestückt mit Korb und mehreren Stofftaschen – man kauft ja immer mehr, als man geplant hat – mache ich mich auf den Weg.

Ich bin nicht zum ersten Mal dort, trotzdem zieht mich die besondere Atmosphäre des Marktes schon am Eingang in seinen Bann. Aber wodurch ist dieser Markt etwas Besonderes, was macht seine außergewöhnliche Anziehungskraft aus?

Er ist kein Wochenmarkt im herkömmlichen Sinne, der durchaus auch in Städten zu finden ist. Hier verkaufen Kleinbauern und auch Privatleute aus der Region ihre Produkte, die sie auf dem eigenen Feld oder in ihrem eigenen Garten anbauen. Hier findet man eine Mischung aus Bauern-, Erzeuger-, Handwerker- und Flohmarkt. Für jeden ist etwas dabei, niemand verlässt den Markt mit leeren Händen.

Selbstverständlich ist auch fürs leibliche Wohl gesorgt, zahlreiche Street Food-Stände mit traditionellen ungarischen Spezialitäten wie Langosch, Baumkuchen (kürtős kalács), aber auch Bratwürsten, Kesselgulasch und Ähnliches laden an gemütlichen Plätzen zum Verweilen ein. Auch für die kleinsten Besucher ist Abwechslung geboten, sie können sich auf Spielplätzen mit witzigen Spielgeräten austoben. Für Weinliebhaber sind wiederum die lauschigen Freiluft-Weinstuben ein willkommener Rastplatz, wo verschiedene Winzer aus der Gegend hervorragende Tropfen offerieren.

Ich gebe zu, ich bin kein Frühaufsteher, deshalb kommt mir der zu dieser Jahreszeit weniger große Andrang sehr entgegen. Ich kann mich nach Lust und Laune umsehen, hier und dort stöbern, mit den Marktleuten plaudern. Alle paar Schritte werden mir Kostproben angeboten, Geräuchertes, selbstgemachte süße und herzhafte Spezialitäten. Hier bleibt keiner hungrig und wenn man offen für Neues ist, bekommt man auch mal Tipps zum Nachmachen.

Der Grundstein für den Liliomkert

An einem umgebauten Bauwagen treffe ich die Initiatorin des Liliomkert, die mir von der Entstehung des Marktes erzählt. Ildikó Harmathy, ursprünglich als Biochemikerin in der Krebsforschung tätig, kehrte in der ersten Hälfte der 2000-er Jahre der Hauptstadt den Rücken und betrieb zunächst eine kleine Pension in Kapolcs, im sogenannten Tal der Künste, mietete dann von der Gemeinde Káptalantóti das jetzige Marktgelände, gründete eine Gärtnerei und verkaufte Zierpflanzen. Eine Bekannte, die aus der Milch ihrer Ziegen hervorragenden Käse herstellte, bot diesen im Austausch für Pflanzen an, woraus sich ein reges Tauschgeschäft entwickelte. Mit der Zeit interessierten sich immer mehr der Gärtnereikunden auch für den Ziegenkäse. Somit war der „Grundstein“ für den jetzigen Markt gelegt.

Liliomkert-Gründerin Ildikó Harmathy: „Mehr Natürliches, Bodenständiges, weniger Show!“ Foto: Rita Solymár

Im Jahre 2005 konnte Ildikó dann das Areal von der Gemeinde erwerben und nach einiger Vorbereitungsarbeit konnte sie schließlich ihren Traum vom eigenen Markt verwirklichen: Im Juli 2007 startete der Liliomkert mit nur 22 Ständen in seine erste Saison und lockte bereits damals erstaunlich viele interessierte Menschen an, die das neue Angebot gerne annahmen.

Auf meine Frage, wie eine Biochemikerin aus der Hauptstadt auf die Idee kommt, einen Bauernmarkt zu etablieren, erzählt Ildikó, dass sie in Veszprém, im elterlichen Haus, direkt am Marktplatz zur Welt kam, so dass ihr das Flair des Marktes buchstäblich in die Wiege gelegt war. „Während meiner Forschungsarbeit wurde mir bewusst, wie wichtig eine adäquate Ernährung für unsere Gesundheit ist. Diese Erkenntnis war die treibende Kraft auf meinem weiteren Weg.“

Perspektive: Erzeugermarkt mit größtenteils ökologischen Produkten

Mittlerweile werden in der Hochsaison an insgesamt 250 Ständen die verschiedensten Waren angeboten, von denen ungefähr die Hälfte im Lebensmittelbereich angesiedelt ist. Ildikó bedauert es, dass nur wenige echte landwirtschaftliche Betriebe vertreten sind, denn für sie besteht die ursprüngliche Funktion des Marktes in der Versorgung der Menschen mit landwirtschaftlichen Produkten.

Diverse lauschige Freiluft-Weinstuben sind ein willkommener Rastplatz. Foto: Rita Solymár

Selbstverständlich freut sie sich über den Erfolg, aber sie würde den Fokus lieber auf regionale Erzeugnisse des täglichen Bedarfs legen und dadurch die naturbedingten Gegebenheiten der ländlichen Region wieder aufwerten. „Auf lange Sicht schwebt mir ein Erzeugermarkt mit größtenteils ökologischen Produkten vor. Mehr Natürliches, Bodenständiges, weniger Show!“, wirft die energische, lebenslustige Rentnerin einen Blick in die Zukunft.

Natürlicher Schutz des größten Organs unseres Körpers

Ich beginne meinen Rundgang über den Markt, wie immer auf der Suche nach ausgefallenen Produkten, interessanten Menschen und ihren Geschichten. Meine erste Station ist ein professionell aufgemachter Stand mit Naturkosmetik. Neben bunten Seifen und zum nahenden Osterfest passenden Dekorationsartikeln gibt es dort Cremes, Lotionen, Shampoos, Tinkturen und vieles mehr – alles in stilvoller Verpackung und der eigenen Designlinie folgend. Die freundliche Dame, die früher als chemisch-technische Assistentin in Labors und Apotheken tätig war, erklärt mir die Wirkungsweise der einzelnen Produkte und versichert mir, dass sie bei der Herstellung ausschließlich natürliche Substanzen verwendet.

„Beruflich hatte ich immer mit vielen Chemikalien zu tun, aus diesem Grund wandte ich mich der Naturkosmetik zu. Auch die Haut, das größte Organ unseres Körpers, sollte auf natürliche Weise gepflegt werden.“ Erika ist eine echte Aussteigerin, die ihr altes Leben hinter sich gelassen hat und seit mehreren Jahren am Balaton lebt, wo sie sich neben der Kosmetikmanufaktur noch einer anderen Leidenschaft verschrieben hat: Sie züchtet ungarische Herdenschutzhunde der Rasse Kuvasz, aktuell hat sie neun 4 Wochen alte Welpen – so ist es nur selbstverständlich, dass sie auch ein Hundeshampoo im Angebot hat. Mehr Informationen finden Sie hier: erikakozmetikumok.hu.

Erika Pál, Produzentin von Körperpflegemitteln: „Beruflich hatte ich immer mit vielen Chemikalien zu tun, aus diesem Grund wandte ich mich der Naturkosmetik zu.“ Foto: Rita Solymár

Mit kleinen Tiegeln und Fläschchen im Korb setze ich meinen Rundgang fort und komme aus dem Staunen nicht heraus. Nun, wenn man als Stadtbewohner hauptsächlich in den Supermärkten internationaler Handelsketten einkauft, ist man überwältigt von der Atmosphäre, alles mutet alternativ, ungewöhnlich, aber äußerst einladend an. Ich spaziere durch die verschlungenen Wege und kann mich nicht sattsehen an Keramik, Holzschnitzereien, Lederwaren, die Liste ließe sich länger fortsetzen – und natürlich bleibt es nicht beim Anblick, Korb und Stofftaschen erfüllen ihren Zweck.

Killer-Weine

Immer wieder höre ich deutsche Gesprächsfetzen, nicht nur bei Besuchern… So bleibe ich am Killer-Weinstand stehen. Caspar Killer lebt seit 25 Jahren in Ungarn und bewirtschaftet auf dem Szent György Berg, unweit vom Markt, einen 2 ha großen Bio-Weingarten. Er bezeichnet sich selbst als klassischen Aussteiger, denn er war lange Jahre im Marketing tätig, bevor er hier ein 100 Jahre altes Haus selbst umbaute und sich dem Weinbau verschrieb.

Neben exzellenten Weinen (Pinot Gris, Pinot Noir, Chasselas und Welsch Riesling) hat der Winzer Traubensaft, Sirup, Chutneys und Marmelade im Angebot – natürlich alles aus eigenem ökologischen Anbau mit stilvollen Etiketten versehen.

Worauf er besonders stolz sei, frage ich ihn: „Vor 17 Jahren waren wir die ersten in Ungarn, die Verjus herstellten. Und wir haben ein neues Edelprodukt, einen zehn Jahre alten Weinbrand.“ (Ich würde als drittes noch seine hervorragenden Ungarischkenntnisse anführen. Faszinierend!)

Caspar Killer lebt seit 25 Jahren in Ungarn und bewirtschaftet auf dem Szent György Berg einen 2 ha großen Bio-Weingarten. Foto: Rita Solymár

Ich genieße das angenehme Gespräch, wobei sich herausstellt, dass Herr Killer die Sommermonate weniger schätzt, da sie trotz des großen Andrangs nicht unbedingt ein besseres Geschäft bedeuten und der Austausch mit den Kunden auf der Strecke bleibt.

Auch direkt im Hause Killer werden Weindegustationen angeboten. Dazu kann man sich unter killer-wines.com anmelden.

Vom Winzer zum Farmer

Nur ein paar Meter weiter entdecke ich einen einladenden Stand mit fantastischem Käse und fein säuberlich eingeschweißtem Rindfleisch. Der junge Mann hinter dem Pult, Roland Kalla, Sohn ungarischer Auswanderer, ist in der Schweiz geboren und hat dort Koch gelernt. Nach der Übersiedlung nach Ungarn vor etwa 30 Jahren begann die Familie zunächst mit dem Weinbau.

Vor 15 Jahren entschieden sie sich jedoch für eine Farm in Sümegprága und betreiben seither auf 60 ha traditionelle Landwirtschaft mit einer ungarischen Doppelnutzrasse, einer Kreuzung aus Simmentaler und ungarischem Graurind. „Diese Rinder geben zwar nicht so viel Milch, dafür sind sie aber auch als Fleischrinder nutzbar, was unserer Philosophie entgegenkommt. Für uns ist Qualität wichtiger als Quantität“, erklärt Roland. Verkauft wird ab Hof (nur nach Terminvereinbarung), samstags auf dem Wochenmarkt in Fonyód, am Südufer des Balaton, und sonntags im Liliomkert.

Roland Kalla mit seinem Sohn: „In der Schweiz war mir alles zu eng, zu berechenbar, ich sah keine Perspektive.“ Foto: Rita Solymár

Warum wollte er lieber in Ungarn leben als in der Schweiz, frage ich ihn: „In der Schweiz war mir alles zu eng, zu berechenbar, ich sah keine Perspektive. Hier habe ich etwas Eigenes geschaffen und bin mein eigener Herr.“

Neben den klassischen Käsesorten gibt es auch Quark, Joghurt und Feta im Angebot. Außerdem produziert die Familie auch Marmelade, Fruchtsäfte, Salami sowie luftgetrocknetes Fleisch. Natürlich kaufe ich Käse ein und werde kompetent und sehr herzlich vom Junior bedient. Mehr Informationen finden Sie hier: facebook.com/kallasajtok.

Pálinka in bester Qualität

Fast schon auf dem Nachhauseweg höre ich wieder jemanden deutsch sprechen und sehe aus dem Augenwinkel hübsch etikettierte Pálinkaflaschen. Dieter Schmitz ist ebenfalls ein Aussteiger, der vor 25 Jahren seinen Job in der IT-­Branche an den Nagel hängte und aus Frankfurt nach Ungarn übersiedelte, wo er zusammen mit seiner Frau in Cserszegtomaj, unweit von Hévíz und Keszthely lebt und eine Destillerie betreibt.

Das Motto der Destillerie Schmitz lautet: „Wir nehmen die Tradition des Schnapsbrennens auf und stellen mit moderner Technologie Pálinka in bester Qualität her.“ Im Sortiment finden sich über 20 verschiedene Sorten Edelbrände, die mit Hingabe und Expertise sowie mit viel Liebe zum Beruf entstehen.

Pálinkaproduzent Dieter Schmitz: „Das Wichtigste überhaupt ist strengste Konsequenz bei der Auswahl und Verarbeitung der Früchte.“ Foto: Rita Solymár

Das Schnapsbrennen ist ein äußerst komplexes Handwerk, das läuft nicht nur so nebenher. „Das Wichtigste überhaupt ist strengste Konsequenz bei der Auswahl und Verarbeitung der Früchte“, erklärt Schmitz. „Wir verarbeiten ausschließlich vollreifes Obst, niemals Fallobst und kein Tafelobst.“ Auch in der Destillerie Schmitz lautet die Devise „Qualität vor Quantität“. Natürlich lasse ich es mir nicht nehmen, einen edlen Pálinka zu kosten. Aber es bleibt bei dem einen, auch wenn ich nicht selbst Auto fahren muss. Mehr Informationen finden Sie hier: balaton-palinka.eu/index.php/de.

Fazit

Fazit meines diesjährigen ersten, aber sicher nicht letzten Marktbesuchs: Der Liliomkert ist jedes Mal ein Erlebnis! Außergewöhnliche Produkte, interessante Menschen, inspirierende Gespräche, fabelhafte Stimmung, tolle Eindrücke… Absolut empfehlenswert sowohl zum Einkaufen als auch als Ausflugsziel.

Der Liliomkert ist das ganze Jahr über jeden Sonntag geöffnet. Dabei ist das Angebot selbstredend saisonal unterschiedlich. Weitere Einzelheiten finden Sie hier:

liliomkert.lapunk.hu
liliomkert.hu/liliomkert-piac
facebook.com/Liliomkert-Piac-127708663911926

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