Folkloristische Darbietungen dominierten das Programm. Fotos: BZ / Lajos Káposzta

Landesgala der Ungarndeutschen

Heiteres und Besinnliches

Vor vollem Haus fand Mitte Januar im Budapester Kongresszentrum die diesjährige, zum 28. Mal veranstaltete Landesgala der Ungarndeutschen statt.

Die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU) lädt zu diesem Ereignis Sympathisanten und Mitstreiter – darunter natürlich die Mitglieder der ungarndeutschen Selbstverwaltungen –, um sich bei ihnen mit einer eindrucksvollen Galaveranstaltung für ihre Arbeit im zurückliegenden Jahr zu bedanken. Außerdem traten wieder zahlreiche prämierte ungarndeutsche Kulturensembles auf und wurden die höchsten Auszeichnungen der ungarndeutschen Gemeinschaft verliehen.

Moderatorin des Veranstaltung war Krisztina Szeiberling-Pánovics, die in traditioneller Volkstracht durch das Programm führte. Eröffnet wurde die Gala mit der ungarischen Nationalhymne und der Hymne der Ungarndeutschen. Dann trat die Landesvorsitzende, Ibolya Hock-Englender, ans Rednerpult, um die Gäste und Ehrengäste willkommen zu heißen.

LdU-Vorsitzende Ibolya Hock-Englender nutzte ihre Rede auch für Kritik: „Jetzt, wo für uns, für unsere Kinder und Enkel­kinder durch die äußeren Umstände nichts mehr im Wege steht, uns zu unserer Herkunft zu bekennen, tun wir es oft nicht.“

Der Einladung zur Gala waren u.a. folgende Ehrengäste gefolgt:

Julia Gross, Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Budapest
Kirsten Ahlers, Kulturreferentin der Deutschen Botschaft Budapest
Dr. Susanne Gerner, Honorarkonsulin der Bundesrepublik Deutschland
Dr. András Hochmann, Honorarkonsul der Republik Österreich
Joschi Ament, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn
Alfred Freistädter, Vizevorsitzender der Landsmannschaft
Elisabeth Sándor-Szalay, Ombudsfrau für Minderheitenrechte
Emmerich Ritter, Parlamentsabgeordneter der Ungarndeutschen
Dr. Koloman Brenner, Wissenschaftler und Parlamentsabgeordneter
Michael Winzer, Leiter des Budapester Büros der Konrad Adenauer Stiftung
Mária Herczegh-Kóthy, in Vertretung der Herrmann-Niermann-Stiftung
Bence Bauer, Direktor des Deutsch-Ungarischen Instituts
Dr. Arne Gobert, Präsident des Deutschen Wirtschaftsclubs
Gisela Fülling und Dr. Lennart Griese, in Vertretung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat,
Richárd Tircsi, Hauptabteilungsleiter im Amt des Ministerpräsidenten,
Maria Vereckei und Péter Heinek mit seiner Gattin, Angehörige des früheren LdU-Präsidenten Otto Heinek.

Enttäuschende Zahlen bei der Volkszählung

Die Landesvorsitzende begann ihre Rede mit einem Neujahrswunsch in ihrer ungarndeutschen Mundart, dem ein spontaner Beifall folgte. Sodann verlieh sie der Enttäuschung Ausdruck, die man nach der Volkszählung 2022 erlebt habe. Wie allgemein bekannt, trat dabei ein Rückgang der Zahl der Ungarndeutschen zutage, sowohl beim Bekenntnis zur Volksgruppe, aber noch stärker beim Sprachgebrauch. „Jetzt, wo für uns, für unsere Kinder und Enkelkinder durch die äußeren Umstände nichts mehr im Wege steht, uns zu unserer Herkunft zu bekennen, tun wir es oft nicht“, kritisierte sie.

Im weiteren Verlauf ihrer Rede hob sie die Bedeutung der ausländischen Kontakte hervor, besonders mit der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn. Diese Organisation pflegt die Traditionen derjenigen deutschen Staatsbürger, die selbst oder deren Vorfahren nach dem 2. Weltkrieg vertrieben worden waren. Für die Ungarndeutschen war Ungarn die Heimat, in der sie 200 Jahre lang gelebt und gearbeitet hatten. Wie sie ausführte, verbindet Heimatvertriebene und Heimatverbliebene sehr viel, nicht zuletzt die gemeinsame Geschichte, die sich im gemeinsamen Wappen und in einem engen Kontakt auf offizieller Ebene widerspiegelt.

Trotz der sinkenden Zahlen blickten die Ungarndeutschen voll Vertrauen in die Zukunft: „Im Frühjahr haben wir die Möglichkeit, ein Zeugnis von unserer Existenz und unserer Identität abzugeben, indem wir uns bei den Nationalitätenwahlen in großer Zahl zu unserer Herkunft bekennen und dadurch zugleich den deutschen Selbstverwaltungen eine starke Interessenvertretung ermöglichen. Zeigen wir, dass wir doch nicht weniger geworden sind!“

Erfolgsgeschichte LdU

„Ihr Motto, ‚Ungarndeutsch, steht dazu!‘ ist ein richtiges Signal für einen gemeinsamen Auftritt“, würdigte Botschafterin Julia Gross. Bezüglich der Volkszählungsdaten stellte sie heraus, dass die Einordnung der ermittelten Zahlen Aufgabe einer ständigen Analyse sei. Aufgrund ihrer persönlichen Eindrücke vom vergangenen Jahr nannte sie die Tätigkeit der LdU eine „richtige Erfolgsgeschichte“. Die Ungarndeutschen nähmen unter den Nationalitäten in Ungarn eine ganz besondere Stellung ein. Sie haben als einzige einen gewählten Abgeordneten im Parlament, der ihren Interessen Gehör verschafft.

Die deutsche Botschafterin Julia Gross bei ihrem Grußwort: „Die Ungarndeutschen nehmen unter den Nationalitäten in Ungarn eine ganz besondere Stellung ein.“

Sodann berichtete sie von ihren guten Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr. Sie habe Menschen getroffen, die seit Jahren oder sogar Jahrzehnten im Dienst des Ungarndeutschtums stehen. Sie machen aus vollem Herzen, was sie machen sollen: die Weitergabe der Mundart, der Kultur und des gesamten Erbes ihrer Großeltern.

Viele der von den Arbeitsgruppen 2023 formulierten Konzepte und Strategien kämen erst nach Jahren zur Geltung. Die Botschafterin dankte allen Pädagogen, Mitarbeitern der Institutionen und ehrenamtlichen Mitarbeitern, dass sie sich auf unterschiedlichen Ebenen für die ungarndeutsche Kultur einsetzen. Damit würden sie nicht zuletzt zur Völkerverständigung und Vielfalt in der Gesellschaft beitragen. Sie bereichern aber nicht nur Ungarn und Deutschland, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der europäischen Gemeinschaft, würdigte die Botschafterin. Zum Abschluss ihrer Rede sagte sie den Ungarndeutschen die weitere, feste Unterstützung durch die deutsche Botschaft zu.

Kultur und Ehrungen

Danach begann das Kulturprogramm, bei dem Tanzgruppen, Musiker, Mundarterzähler, Schauspieler und Kulturvereine ihr Talent und Können zeigten. Anschließend wurden die ungarndeutschen Auszeichnungen verliehen.

Valeria-Koch-Preis

Ágnes Freund (Waschludt / Városlőd)
Heidi Gerner (Nadasch / Mecseknádasd)
Márton Kékesi (Iklad)

Otto-Heinek-Preis

Dr. Bence Kovács für die Dissertation „Herrschaft, Pfarrei, Dorfgemeinschaft – Historisch-ethnographische Dimensionen in Südtransdanubien im 18. Jahrhundert”
Dr. Peter Schweininger für die Disser­tation „Schwäbische Welten. Migration und Mentalität in Saar (Szár) zwischen 1729 und 1848“.

Die Ehrennadel in Gold für das Ungarndeutschtum (höchste LdU-Auszeichnung)

Stefan Czehmann (Nadasch / Mecseknádasd)
Susanne Pfiszterer (Schemling / Vértessomló)
Marianne Molnár-Maász (Pallersdorf / Bezenye)

Stimmen von Gästen

„Die Lebenswege einiger ausgezeichneter Persönlichkeiten haben mich sehr betroffen gemacht“, befand ein Lehrer gegenüber der Budapester Zeitung. Diese Leute hätten lange Jahre des Kommunismus durchlitten und konnten erst danach wieder so richtig mit der Pflege des ungarndeutschen Kulturlebens anfangen. „Ich empfand es als beispielhaft, wie die Tänzer aus Werischwar (Pilisvörösvár) die alte Mundart in den Szenen verarbeitet haben. Mimik und Gestik spielten bei ihnen auch eine wichtige Rolle. Wir haben wieder etwas gelernt“, würdigte ein Tänzer aus Bonnhard (Bonyhád).

„Die Mundartgeschichten haben mir viel Spaß gemacht. Ich dachte, wenn ich die Mundart meines Dorfes kenne, werden für mich auch die anderen Dialekte kein Problem sein. Aber die Donau ist eine große Trennlinie. Die transdanubischen Mundarten enthalten eine Fülle an mir unbekannten Ausdrücken“, erzählte eine ältere Dame aus dem Komitat Bács-Kiskun.

„Wir haben heute unsere Jugendjahre wieder erlebt. Die Musik, die Trachten und die ganze Stimmung – wie Deutschland in den 60-ern… Dann kamen der Wohlstand, die westlichen Trends und damit der Verlust des Heimatgefühls. Wir drücken den Ungarndeutschen und der LdU die Daumen, dass sie sich auch weiterhin so erfolgreich behaupten!“, äußerte ein zugewandertes deutsches Ehepaar begeistert.

6 Antworten auf “Heiteres und Besinnliches

  1. Sind die Wahlberechtigten zu den ungarndeutschen Selbstverwaltungen auch weniger geworden, also die registrierten Ungarndeutschen? Zählt das?
    Gibt es wohl Leute, die an der Volkszählung 2011 teilgenommen und sich als deutsch bezeichnet haben, und auch noch 2022 teilgenommen haben, aber sich dann nicht mehr als deutsch bezeichneten? Kann es daran liegen, daß die ungarndeutschen Selbstverwaltungen und Kulturvereine zwar nicht laut, aber doch oft auf Nachfragen im Zwiegespräch zu den westlichen Machthabern und den ungarischen Linken stehen, weil sie dafür aus deutschem Steuergeld bezahlt werden? Es nennt sich Kulturförderung, aber in Deutschland selber wird solche Kulturarbeit ungern gesehen.
    Beim letzten Mal 2023 habe ich noch den Bericht der Landesgala in der Neuen Zeitung gelesen: Es war Huldigung an die deutsche Regierung drin, und Dank für die Bezahlung.

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  2. Seit 2011 mögen manche Ungarndeutschen ausgewandert sein, aber es sind auch welche zurückgekommen. Vielleicht haben manche keinen Wohnsitz mehr in Ungarn und kamen nicht mehr in die Volkszählung. Emmerich Ritter sagte, es sei nur in einem EU-Staat ein Wohnsitz erlaubt; so ist es aber nicht, sonst wäre das Doppelbesteuerungsabkommen nicht so schwierig und müßte nicht vorschreiben, daß die Finanzbeamten zweier Länder sich im Einzelfall absprechen müssen, welches Land sie als Hauptwohnland eines Betroffenen ansehen.
    Als ich mir die Ungarn-Registrierungskarte beschaffte, als es wegen der Corona-Reisesperren dringend wurde, bekam ich ohne weiteren Antrag eine Wohnsitzkarte, und niemand verlangte, daß ich deswegen meine Wohnung in Deutschland abmelden müsse. Bald tat ich es aber doch, und vielleicht wäre ich sonst bei der Volkszählung nicht befragt worden.

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    1. Hallo Herr Hohensohn,

      das interessiert mich sehr. Sie schreiben: E. Ritter sagte, es sei nur in einem EU-Land ein Wohnsitz erlaubt, was aber wegen des Doppelbesteuerungsabkommens so nicht stimmen könne.

      Nach meinen bisherigen Informationen kann man z.B. in DE und in Ungarn einen Wohnsitz anmelden, aber nur einen Hauptwohnsitz. Demnach könnte man, nach meinem Verständnis, sowohl in DE, als auch in Ungarn einen Wohnsitz anmelden, müsste sich aber in Bezug auf den Hauptwohnsitz, der für die Besteuerung relevant ist, entweder für Ungarn oder Deutschland entscheiden.

      Was Rentner betrifft, sei es so, dass derjenige, der seine Rente aus DE bezieht, in jedem Fall seine Steuern weiter in DE zahlt, egal wo in der EU man seinen Hauptwohnsitz hat.

      Ist das so richtig?

      2. Frage: Wenn ich z.B. Ungarn als Hauptwohnsitz wähle, welchen Sinn/Vorteil/Nachteil hätte es theoretisch dann noch, in Deutschland gemeldet zu bleiben.

      Vielen Dank für eine Antwort.
      Herzliche Grüße, leo

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      1. Hier haben wir das Abkommen gegen die Doppelbesteuerung: https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Steuern/Internationales_Steuerrecht/Staatenbezogene_Informationen/Laender_A_Z/Ungarn/2011-10-07-Ungarn-Abkommen-DBA-Gesetz.pdf?__blob=publicationFile&v=3
        Nach Artikel 4 Absatz 2 kann man in beiden Ländern ansässig sein, es ist aber nach Ziffer b möglich, daß für die Steuer nur das Land der Staatsangehörigkeit als ansässig betrachtet wird. Wäre im Einwohnermeldewesen nur ein Wohnsitzland zulässig oder zumindest eines übergeordnet, dann wäre dieser Artikel überflüssig. Er widerspricht auch der Auffassung, ein Ungar mit Arbeitsplatz in Deutschland müsse dort den einzigen oder zumindest den übergeordneten Wohnsitz haben, oder umgekehrt.

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        1. Zitat: “es ist aber nach Ziffer b möglich, daß für die Steuer nur das Land der Staatsangehörigkeit als ansässig betrachtet wird.”

          Auf mich würde dann wohl Artikel 4, Absatz c zutreffen (steuerpflichtig in DE), weil zunächst der gewöhnliche oder bevorzugten Aufenthalt weder in Ungarn noch in DE wäre. Ich stelle mir vor, solange man es noch in DE aushalten kann, zwischen beiden Ländern zu pendeln und dabei zu versuchen, die Sprache wenigstens halbwegs ordentlich zu lernen und weitere Kontakte aufzubauen, bevor ich dann richtig “rübermache”… 🙂

          Vielen Dank für die Info und dass Sie sich die Mühe gemacht haben.

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