Theaterkritik: „Clowns” von George Tabori, aufgeführt vom Budapester Ensemble (deutsch)
Groteskes Theater mit absurden Elementen
Ausgehungerte Theatergänger – wie der Verfasser – konnten also zwischenzeitlich ihren kulturellen Bedürfnissen wieder nachgehen. Anders war es dagegen um das deutschsprachige Publikum der Hauptstadt bestellt.
Innovative deutsche Theatertruppe
Hatten wir mit dem Budapester Ensemble zuletzt wieder eine starke innovative deutsche Theatertruppe, die unter anderem mit Aufführungen wie Kleists „Der zerbrochenen Krug“ oder Goethes „Die Mitschuldigen“ von sich reden machte, blieben auch bei ihnen über fast zwei Jahre die Lichter aus.


Wer jetzt denkt, darunter habe nur die Fangemeinde des Ensembles gelitten, täuscht sich. Schauspieler wollen spielen, und auch die Künstler des Ensembles konnten es kaum erwarten, dass es wieder richtig losgeht. Mit Spannung wurde daher ihre neue Inszenierung „Clowns“ von George Tabori erwartet, ein Werk, von dem man weiß, dass es unkonventionell, offensiv, beißend und vor allem abwechslungsreich ist.
Anfang Februar brachte es das Budapester Ensemble endlich im Gólem Szinház auf die Bühne. Die Erwartungen des Publikums waren hoch, und – um es gleich zu sagen – sie wurden nicht enttäuscht.
Zwischen Komödie und Tragödie
Zunächst, Taboris „Lieblingsstück“ macht es dem Zuschauer bestimmt nicht immer leicht. So etwas wie eine klassische Katharsis findet sich in diesem Schauspiel nicht, aber auch Spielregeln des epischen Theaters werden nicht eingehalten.
Tabori ist ein Grenzgänger. Das Original des Stücks „Clowns“ bewegt sich zwischen Komödie und Tragödie, groteskem Theater mit vielen absurden Elementen. Mehr noch, bei der Aufführung am Abend fühlte sich der Zuschauer, insbesondere durch die gekonnte Bearbeitung des Textes durch Ensemblegründer Jürgen Kramer, Professor für Schauspiel, irgendwie auch an Heiner Müller erinnert.



Schon die textliche Vorlage der Aufführung war also unkonventionell, und genauso ungewöhnlich war dann auch die Umsetzung durch die deutsche Regisseurin des Ensembles, Danielle Dutombé: Gleich zu Beginn wurde provoziert, der „Sohn“ hat einen travestiehaften Auftritt, und das Publikum, Opfer seiner eigenen Vorurteile, läuft in die Falle.
Bediente und wieder zerstörte Klischees
Klischees werden bedient, um sie dann wieder zu zerstören. Das „Ding“ als das Fremde, welches gleich zu Beginn die reichlich kaputte Familie durcheinanderwirbelt, erzeugt Ablehnung und Ängste. Aber das Bild, das wir uns machen, oder fälschlicherweise schon lange gemacht haben, deckt sich eben nicht mit der Realität!
Wer bei diesen ersten Szenen im Übrigen zuweilen feixte oder gar die Augenbrauen hochzog, hatte zwar offensichtlich nichts verstanden, konnte sich aber wenigstens richtig echauffieren. Auch wenn „Clowns“ (1972 uraufgeführt) schon ein halbes Jahrhundert (!) alt ist, das ungarische Publikum ist doch recht konservativ, um nicht zu sagen „prüde“.
Der Stoff und natürlich die Regie Dutombés halten dem Zuschauer schlicht einen Spiegel vor, und nach dem grotesken Beginn kippt das Stück und konzentriert sich auf „den Mann“, auf sein tragisches, zuweilen zynisches Sein. Spätestens hier hörte dann auch jedes alberne Lachen auf, und alle Zuschauer schienen gebannt von Text und Figur.
Untermalt und kommentiert wurde dieses tolle Spiel unentwegt von „der Schlange“ – Lotti Szomor, von Haus aus Tänzerin – und auch immer wieder von dem „Ding“, Tänzer Patrik Kerekes.
Anspruchsvoll, detailreich und dicht
Langeweile kam an diesem Theaterabend nie auf, die Regie war ausgesprochen anspruchsvoll, detailreich und dicht. Vielleicht zuweilen aber auch etwas zu dicht. Unter der Regie Dutombés war auf der Bühne immer so viel los, dass es manchmal etwas schwerfiel, sich gleichzeitig auf das gesamte Spiel zu konzentrieren. Wer von den Tänzern hingerissen war, lief Gefahr, Schauspiel und Schauspielern nicht mehr zu folgen zu können, und umgekehrt. Manchmal ist weniger doch mehr.
Womit wir bei den Schauspielern wären. Natürlich, die offensive Regie brauchte starke Schauspieler, und, ja, diese hatte sie. Ein großes Lob geht an das gesamte Ensemble. Vorneweg aber sicher der bereits erwähnte Jürgen Kramer, der in Budapest schon als Richter Adam im „Krug“ glänzen konnte. Jetzt, über die emotionelle Breite der (Haupt-) Rolle des Vaters in „Clowns“, zeigte er dem Publikum wahrlich sein ganzes Können.


Schön sein Zusammenspiel mit dem „Dienstmädchen“ Cassandra Rühmling, die auch die passende Musik für die Inszenierung schrieb. Ob lächerlich kreischend oder verbittert ernst, Rühmling spielte beide Seiten – und noch mehr – sehr überzeugend. Absolut passend besetzt auch Stefan Ried als Hund. Ried brachte diese „nazihafte“ Rolle präzise, boshaft und kalt. Worauf er vom Vater erschossen wird.
Die Mutter, Barbara Szitás, und „das Ding“ (Kerekes) muss man dann selbst live erleben. Frank Zappa sagte einmal: „Writing about music is like dancing about architecture.” Was diese beiden Künstler auf der Bühne leisten, sieht man – auch Dutombés kongenialer Regie zum Dank – in Budapest leider nicht so oft. Gut schließlich auch „der Sohn“, Daniel Pálinkás, der seine Rolle voll annahm.
Insgesamt ein toller Theaterabend. Das Budapester Ensemble ist wieder da. Bravo!
Am 1. und 2. April wird das Stück erneut im Budapester Golem Theater aufgeführt.
