Jahrhundertelanges Versteck für das Fragment einer äußerst seltenen Bibel. Fotos: OSZK

Sensationsfund in Ungarischer Nationalbibliothek

Fragment einer frühen Gutenberg-Bibel entdeckt

Mehr als 560 Jahre nach ihrer Entstehung kam es in der Ungarischen Nationalbibliothek zu einem spektakulären Fund: In einem Bucheinband wurde ein Pergamentfragment einer äußerst seltenen 36-zeiligen Bibel aus dem Umfeld Johannes Gutenbergs entdeckt.

Von dieser Ausgabe sind weltweit nur 76 Exemplare oder Fragmente bekannt. In Ungarn handelt es sich erst um den zweiten nachgewiesenen Fund dieser Art. Das Blatt wurde von dem Bibliotheksmitarbeiter Márton Szovák im Zuge der systematischen wissenschaftlichen Erschließung der Altbestände entdeckt. Es befand sich kopfüber als Makulatur in einem Einband, in dem 1566 in Ingolstadt ein Band von Hannard van Gameren mit dem Titel „Authoritates Ciceronis, Plinii et aliorum scriptorum in conscribendis epistolis observandae” bei Alexander und Samuel Weissenhorn gedruckt wurde.

Fundstück aus der experimentellen Phase des Buchdrucks

Der Text des Fragments enthält einen Abschnitt aus dem Buch Daniel (Kapitel 7). Laut Angaben der Bibliothek stammt das Blatt aus einer vor 1461 entstandenen Ausgabe, die im Auftrag des Bamberger Bischofs Georg von Schaumberg mit Gutenbergs Typenmaterial gedruckt wurde. Die 36-zeilige Bibel gehört zur frühen, noch experimentellen Phase des Buchdrucks. Ihr Druckbild gilt als gröber und archaischer als das der berühmten 42-zeiligen Gutenberg-Bibel.

Der Band, in dessen Einband das Fragment erhalten blieb, gehörte im 16. Jahrhundert dem Studenten Johann Gabler in Ingolstadt. Spätere Besitzvermerke dokumentieren seinen weiteren Weg, bevor das Werk im 19. Jahrhundert schließlich in die Sammlung des ungarischen Sammlers Miklós Jankovich gelangte und anschließend in den Bestand der Nationalbibliothek überging.

Die Bibliothek betonte, der Fund zeige, dass selbst in bereits katalogisierten Beständen noch immer bedeutende Entdeckungen möglich sind. Die wissenschaftliche Auswertung des Fragments soll in Kürze in Fachpublikationen und auf den Kanälen der Nationalbibliothek ausführlich vorgestellt werden. Das neu identifizierte Blatt gilt als bibliophile Rarität und als wichtiges Zeugnis der Frühgeschichte des europäischen Buchdrucks sowie des bis heute wirkenden Gutenberg-Erbes.

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